Aus seinen Erfahrungen hat er einen Lehrplan entwickelt und eine eigene Akademie gegründet. Jetzt bereitet er junge ausländische Ärzte und Pflegekräfte auf die Arbeit in deutschen Kliniken vor.
Interview mit Samir Al-Hami
Herr Al-Hami, Sie haben eine Akademie gegründet, an der ausländische Mediziner auf die ärztliche Arbeit in Deutschland vorbereitet werden sollen. Wie kamen Sie auf diese Idee?
Ich finde mich ständig in langen Diskussionen über den deutschen Fachkräftemangel wieder — welche Lösungen gibt es, wo kann man ansetzen, politisch oder wirtschaftlich? Irgendwann habe mich dann gefragt: Was kann ich ganz persönlich eigentlich tun? Gerade ich, vor meinem eigenen Migrationshintergrund?
Sie sind gebürtiger Jordanier und 1975 kurz nach Ihrem Abitur nach Deutschland gekommen — welche Erfahrungen haben Sie damals gemacht?
Als ich nach Deutschland kam, hatte ich kein Geld, keine Deutschkenntnisse und habe mir mit zahlreichen Nebenjobs mein Medizinstudium finanziert. Die Sprache habe ich zwar innerhalb von vier Monaten am Goethe-Institut gelernt, aber für den Krankenhausalltag reichten diese Kenntnisse kaum aus. Unter Zeitdruck schnell ein paar wichtige Informationen auszutauschen, dabei deutsche Fachbegriffe zu verwenden oder auch Patienten gebührend und mit den richtigen Worten aufklären zu können — das war sehr schwer.
Inwiefern spiegeln sich diese persönlichen Erfahrungen in Ihrer Akademie wider?
Wir haben einen sechsmonatigen Lehrplan entwickelt, der zum großen Teil natürlich Deutschunterricht beinhaltet. 30 Stunden in der Woche lernen die Teilnehmer deutsche Vokabeln, Grammatik — das ganze Programm. Dafür kommt extra ein Lehrer aus dem Goethe-Institut in unsere Akademie. Aber sehr wichtig ist mir auch, dass die Teilnehmer geläufige Fachtermini aus der Medizin und der Krankenhauswirtschaft in deutscher Sprache beherrschen, von Begriffen wie Anamnese über Fallpauschalen bis hin zu Zentralsterilisation. Außerdem üben wir Patientengespräche und erklären ihnen, wie das deutsche Gesundheitswesen funktioniert.
Sechzehn Männer und Frauen — alle aus Rumänien — nehmen derzeit an dem ersten Kurs Ihrer Akademie teil. Das Auswahlverfahren dazu haben Sie in Bukarest durchgeführt. Warum gerade dort — und wie lief das Verfahren ab?
Wir haben das Angebot tatsächlich sehr stark in Rumänien beworben — per Anzeige im Internet und in Zeitungen. Meine Projektpartnerin Natalia Vladescu, selbst ausgebildete Ärztin, kommt aus Bukarest, hat Kontakte zu Kliniken und zur Universität. Die haben wir natürlich genutzt. Zunächst sind 600 Bewerbungen bei uns eingegangen, die wir im ersten Schritt gesichtet und ausgewertet haben. 40 dieser Bewerber haben wir dann zu einem Gespräch in Bukarest eingeladen.
Worauf haben Sie bei den Bewerbern geachtet? Was war Ihnen wichtig?
In erster Linie natürlich die medizinische Ausbildung, Zeugnisse, Noten. Wir wollen nur gute Leute mit bereits ausgezeichnetem Wissen fördern. Daneben haben wir im Gespräch versucht herauszufinden, wie offen die Bewerber sind. Denn um als Arzt erfolgreich arbeiten zu können, zumal mit ausländischer Herkunft, ist eine offene Art dringend notwendig. Außerdem haben wir lieber Bewerber genommen, die privat möglichst unabhängig sind. Kandidaten mit eigener Familie zum Beispiel könnten sich vermutlich nicht ganz so sehr auf das stramme Lehrprogramm und die neuen Begebenheiten einlassen, wie es ungebundene Menschen tun.
Wie wichtig waren erste Deutschkenntnisse?
Unwichtig, wenn nicht sogar eher von Nachteil. Das, was zum Beispiel Rumänen aus Deutschbüchern lernen, hat wenig mit der Realität im Krankenhausalltag zu tun. Dann nehmen wir lieber kommunikative Leute ohne Vorkenntnisse, die aber den Willen haben, die Sprache hier bei uns ordentlich und lebensnah zu lernen.
Wie weit sind Ihre Kursteilnehmer in ihrer medizinischen Ausbildung?
Die meisten sind noch Assistenzärzte. Dazu muss man sagen, dass die medizinische Grundausbildung in Rumänien exzellent ist. Nur die Weiterbildung zum Facharzt ist in einigen Gegenden und Krankenhäusern haarsträubend. Ein Grund, warum sich die jungen Leute nach Deutschland orientieren.
Ein anderer Grund wird sein, dass Sie finanzielle Starthilfe leisten. Für welche Kosten kommen Sie auf — und in welcher Höhe belaufen sich die Kosten insgesamt?
Zunächst: Ich strecke das Geld nur vor — die Teilnehmer zahlen es mir in Raten zurück, sobald sie eine Anstellung gefunden haben. Und die Starthilfe umfasst eben alles, was bei der Auswanderung anfällt: Flüge, Unterkunft, Verpflegung, die Kurse. Zudem zahlen wir ein Taschengeld von 250 Euro im Monat, sodass die jungen Leute auch mal abends weggehen können. Insgesamt belaufen sich die Kosten auf 18.000 bis 20.000 Euro pro Teilnehmer. Die Teilnehmer zahlen dies nach der Vermittlung in eine Anstellung in kleinen Raten über vier bis fünf Jahre hinweg zurück. Dazu kommen indirekte Kosten pro Kurs, die von den Krankenhäusern aufzubringen sind, die einen unserer Bewerber einstellen. Außerdem organisieren wir Reisen für sie, fahren zum Beispiel bald für zwei Tage nach Berlin, sodass sie auch mal die Hauptstadt des Landes kennenlernen können, in dem sie sich entschieden haben, zu leben.
Wie sieht die weitere Zukunft der Teilnehmer aus?
Zunächst müssen sie die Sprachprüfung schaffen. Danach hoffen wir, dass sie in einer deutschen Klinik angestellt werden. Derzeit laufen Gespräche mit einigen Kliniken, die Interesse angemeldet haben, aber noch ist nichts konkret.
So kurz nach der Eröffnung Ihrer Akademie erweitern Sie bereits das Spektrum und bieten im Juni einen ähnlichen Kurs für Pflegepersonal an.
Ja, das hatten wir von Anfang an so geplant. Die Pflegekräfte zu finden, war etwas schwieriger als bei den Ärzten — denn letztere sind wagemutiger und einem Neuanfang in einem anderen Land gegenüber aufgeschlossener. Im Juni starten acht rumänische Pflegekräfte mit ihrem Kurs. Und da freue auch ich mich als Arbeitgeber: Denn zwei oder drei von ihnen werde ich sicher in meiner eigenen Klinik übernehmen.
Mehr als ein Sprachkurs
Derzeit bildet die Al-Hami-International Academy in Fulda insgesamt 16 approbierte Mediziner aus Rumänien aus. Der Lehrgang geht sechs Monate und umfasst mehr als 600 Lehreinheiten. Am Ende des Kurses steht die sogenannten B2-Prüfung getestet. Sie ist laut dem "Europäischen Referenzrahmen für Sprachen" die Voraussetzung dafür, in EU-Ländern arbeiten zu dürfen. Auch medizinische und gesundheitspolitische Inhalte stehen auf dem Lehrplan: Einblicke in das deutsche Gesundheitssystem, daneben Übungen für Patientengespräche sowie Hospitationen in Krankenhäusern.


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