Georg Thieme Verlag KG

Diversität im Gesundheitswesen„Alle sind einzigartig und damit divers“

Maria-Barbara Naumann ist Diversity-Beauftragte und Vorsitzende des neu gegründeten Diversity-Rats beim Klinikkonzern Vivantes. Warum sie sich für mehr Toleranz und Gleichbehandlung einsetzt, welche Erfolge es in den vergangenen Jahren gab und wohin es in Zukunft gehen soll, erzählt sie im Gespräch mit kma.

Dipl. med. Maria-Barbara Naumann
Reiner Freese/Vivantes

Dipl. med. Maria-Barbara Naumann, Ärztliche Direktorin am Vivantes Klinikum Kaulsdorf.

Welchen Stellenwert nimmt Diversität bei Vivantes ein?

Ich sage immer, dass Vivantes mit seinen knapp 18 000 Mitarbeiter*innen wie eine kleine Stadt ist, in der die Vielfalt Berlins abgebildet wird. Bei uns arbeiten Menschen aus mehr als 120 Ländern, die viele Sprachen sprechen, verschiedene Religionen ausüben. Selbstverständlich sind bei uns auch Mitarbeitende mit Behinderung tätig, die mit der Vivantes Schwerbehindertenvertretung im Übrigen eine starke Stimme haben. Und ob alt oder jung, queer oder hetero – jede*r Einzelne ist willkommen. Darüber hinaus bin ich davon überzeugt, dass es genau diese Vielfalt ist, die uns stark macht, die Teams bereichert und uns dabei hilft, für die Berliner*innen in allen Lebenslagen ein kompetenter Ansprechpartner in allen Fragen der Gesundheit zu sein. Dass wir 2010 die Charta der Vielfalt unterzeichnet haben, ist sozusagen ein Ausdruck unse- rer Philosophie und auch ein Bekenntnis nach außen, dass wir für unsere Werte einstehen.

Sie sind Ärztliche Direktorin am Vivantes Klinikum Kaulsdorf und haben zudem das Ehrenamt der Beauftragten für Diversity übernommen. Was hat Sie zu dieser Entscheidung gebracht?

Das hatte mehrere Gründe: Zum einen bin ich eine Art „Vivantes-Urgestein“, was schlicht und einfach bedeutet, dass ich nicht nur schon viele Patient*innen behandelt, sondern auch darüber hin- aus viel erlebt habe. Immer wieder gab es dabei auch Berührungspunkte mit Diversity, und das schon lange bevor der Begriff so populär wurde. Etwa, als ich vor vielen Jahren eine bekannte, mittlerweile verstorbene Transfrau behandelte. Chefärztin einer Rettungsstelle zu sein, heißt auch, mit den unterschiedlichsten Persönlichkeiten zu tun zu haben – sowohl mit Blick auf die Patient*innen als auch innerhalb des Teams. Dabei war mir immer schon daran gelegen, für alle ein offenes Umfeld zu schaffen und nach Lösungen zu suchen, sollte es Probleme geben. Seit 2019 bin ich nun ehrenamtliche Diversity- Beauftragte bei Vivantes. Als ich gefragt wurde, ob ich dieses Amt übernehmen würde, habe ich aus meiner Erfahrung heraus sofort und aus ganzem Herzen „Ja!“ gesagt. Das hat auch damit zu tun, dass mein Vater der Leiter einer Einrichtung für Kinder mit Behinderungen war. Ich bin dadurch ganz selbstverständlich mit der Wahrnehmung aufgewachsen, dass alle Menschen unterschiedlich sind. Diese Erfahrung möchte ich auch gern bei Vivantes weitergeben.

Wie machen Sie das?

Zu meinen Aufgaben als Diversity-Beauftragte gehört es, Ansprechpartnerin für alle Kolleg*innen zu sein. Denn es ist doch klar: Wo Menschen sind, gibt es auch immer mal wieder Konflikte. Das ist bei uns nicht anders als in jeder Familie. Seit 2019 haben sich bereits ein paar Dutzend unserer Mitarbeitenden bei mir gemeldet. In einem vertrauensvollen Gespräch suchen wir dann nach Lösungsansätzen und stimmen weitere Schritte ab. Vor ein paar Wochen hatte ich zum Beispiel den Fall, dass ein Mitarbeiter wegen eines körperlichen Merkmals eine vorgeschriebene Dienstkleidung nicht tragen wollte und sich unwohl fühlte. Ich habe mir für das Gespräch 90 Minuten Zeit genommen, um ihn zu empowern und ihm klar zu machen, dass es keinen Grund zur Scham gibt, dass er ein wertvoller Teil des Teams ist. Danach hat er das Gespräch mit seinen Kolleg*innen gesucht, seitdem ist das für den Mitarbeiter kein Thema mehr.

Dipl. med. Maria-Barbara Naumann ist seit Gründung des Unternehmens im Jahr 2001 bei Vivantes beschäftigt. Im Klinikum Kaulsdorf ist sie bereits seit 1981 tätig. Dort wurde sie 2009 Chefärztin der Rettungsstelle und 2012 Ärztliche Direktorin. Naumann fungiert auch als Sprecherin der Ärztlichen Direktor*innen. Im Jahr 2020 verlieh Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ihr für ihre Arbeit und ihr vielfältiges Engagement in vier Jahrzehnten das Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland. Seit 2019 ist sie zudem Diversity-Beauftragte, seit vergangenem Jahr auch Vorsitzende des Vivantes Diversity-Rats und setzt sich so für mehr Toleranz ein.

Wie kommt Ihr Engagement bei der Belegschaft an?

Vor allem spüre ich einen Rückenwind von allen Seiten, dass wir Vielfalt als unsere große Stärke noch sichtbarer machen wollen. Anfang 2022 haben wir deshalb einen Diversity-Rat gegründet. Das ist ein ehrenamtliches Netzwerk, in dem bereits Kolleg*innen nahezu aller Vivantes-Standorte und -Tochtergesellschaften vertreten sind und aktuell daran arbeiten, weitere lokale Netzwerke vor Ort aufzubauen. Es sind schon jetzt einige Dutzend Kolleg*innen dabei. Sie alle brennen für das Thema Vielfalt und bringen sich soweit ein, wie sie es neben ihrer eigentlichen Arbeit schaffen.

Was genau wird beim Diversity-Rat gemacht?

Wir verstehen uns als zentrale Stimme für Diversity bei Vivantes und wollen den Begriff Vielfalt mit noch mehr Leben füllen. Die Grundidee ist, dass jeder Vivantes- Standort und jedes Tochterunternehmen mit jeweils einem Mitglied im Diversity- Rat vertreten ist. Diese Kolleg*innen sind innerhalb des Rats die starke Stimme für alle Mitarbeiter*innen vor Ort und gründen zusätzliche „lokale“ Diversity-Netzwerke. Im Diversity-Rat bündeln wir schließlich all diese Stimmen und Perspektiven, gucken uns an, ob beispielsweise die Initiative eines einzelnen Klinikums für den gesamten Konzern relevant sein könnte. Außerdem planen wir neue Veranstaltungen. Kurzum: Wir sind eine Art Think Tank für Vielfalt bei Vivantes. Mit unserer Personalgeschäftsführerin Dorothea Schmidt als Schirmherrin haben wir dabei eine wichtige Unterstützerin.

Bezieht sich der Diversity-Gedanke aus- schließlich auf die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei Vivantes oder nehmen Sie auch die Patientinnen und Patienten mit in den Blick?

Mir ist wichtig, dass wir Mitarbeiter*innen und Patient*innen gleichermaßen in den Blick nehmen. Vivantes versorgt jedes Jahr hunderttausende Berliner*innen und selbstverständlich ist es mein Anspruch, dass wir neben einer qualitativ hochwertigen Versorgung auch ein Umfeld bieten, in dem sich jede*r Einzelne wohlfühlt. Ein wesentlicher Hebel dazu sind ganz klar unsere Mitarbeitenden, sie sind schließlich das Gesicht nach außen. Die beiden Zielgruppen Mitarbeiter*innen und Patient*innen betrachten wir deshalb auch beim Thema Vielfalt vernetzt.

Was hat sich aus Ihrer Sicht in den mittlerweile zwölf Jahren getan, seit Vivantes die Charta der Vielfalt unterzeichnet hat?

Diversity ist fest in unserem Leitbild verankert und Teil unserer Unternehmensstrategie Vivantes 2030. Vivantes kommuniziert zu diesen Themen außerdem regelmäßig über Social Media, über das interne Social Intranet, ist beim Christopher Street Day in Berlin mit einem eigenen Wagen vertreten und hat übrigens auch die Charta der Gleichstellung unterzeichnet sowie die Deklaration #positivarbeiten, mit der wir uns zu einem diskriminierungsfreien Umfeld für HIV-positive Mitarbeiter*innen bekennen. Mitarbeitende haben außer- dem die Möglichkeit, über unser internes E-Learning-Tool ein Modul zum Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz zu belegen.

Das Thema Diversity gliedert sich in sechs verschiedene Bereiche – ist einer davon besonders hervorzuheben für die Bewältigung des Klinikalltags?

Aus meiner Sicht ist der wichtigste Punkt, dass wir die verschiedenen Diversity-Bereiche gar nicht erst getrennt beurteilen, sondern das Thema vernetzt betrachten. Es ist doch außerdem so: Alle Menschen sind einzigartig und damit divers.

Findet denn die theoretische Auseinandersetzung zum Thema Diversity auch eine praktische Umsetzung im Klinikalltag?

Selbstverständlich findet das Thema auch im klinischen Alltag Eingang. Beispielsweise gibt es bei Vivantes das Zentrum für transkulturelle Psychiatrie mit unterschiedlichen Angeboten etwa für geflüchtete Menschen oder auch queere Personen. In einem anderen Vivantes Klinikum wird gerade an einem Konzept für das Onboarding von neuen Mitarbeiter*innen aus dem Ausland gearbeitet. Auch dass Vivantes 2019 den Berliner Inklusionspreis erhalten hat und eine unserer Chefärztinnen erst vor einigen Tagen den Berliner Frauenpreis entgegennehmen durfte, macht mich stolz und zeigt, dass das große Engagement vieler Kolleg*innen auch extern wahrgenommen wird.

Und, wo soll es in Zukunft hingehen?

Ich plädiere immer dafür, einen Schritt nach dem anderen zu gehen. Als Erstes steht jetzt an, unseren Diversity-Rat weiter zu gestalten und noch mehr Kolleg*innen für dieses wichtige, aber auch schöne Thema zu begeistern.

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