Ein kleines Krankenhaus mit 105 Betten schaufelt sich 2012 allmählich aus der Verlustzone. Bei der Größe? In Zeiten wie diesen? Was im Krankenhaus Brackenheim geschehen ist, klingt märchenhaft. Aber es lässt sich gut erklären, weshalb das Minus in drei Jahren von 2,5 Millionen auf 0,5 Millionen Euro geschrumpft ist: Vor allem die Spezialisierung auf die konservative Orthopädie hat dafür gesorgt. 22 Betten hat die Geschäftsführung der kommunalen SLK-Kliniken für diesen Fachbereich eingerichtet und damit ins Schwarze getroffen: Die Auslastung liegt bei fast 100 Prozent, die Patienten strömen selbst aus Stuttgart, Erfurt, Hohenlohe und Heidelberg in das kleine Haus in der Nähe von Heilbronn – und sind ausgesprochen zufrieden. "In den letzten 22 Jahren haben wir noch nie eine so hohe Patientenzufriedenheit erlebt wie jetzt in unserer konservativen Orthopädie”, berichtet SLK-Geschäftsführer Thomas Jendges.
Kassen stellen Rücken-OPs immer häufiger in Frage
Die konservative Orthopädie erlebt eine Renaissance. Die Arbeitsgemeinschaft nicht operativer orthopädischer manualmedizinischer Akutkliniken (ANOA) zählte vor zehn Jahren nur vier bis fünf Mitglieder, heute vertritt sie 20 Abteilungen und Kliniken. Das ist eine zarte Steigerung, doch Experten glauben, dass in den nächsten Jahren immer mehr Krankenhäuser eine konservative Orthopädie eröffnen werden. Schließlich wächst die Kritik an den steigenden Operationszahlen in deutschen Kliniken; manche Krankenkassen wie die TK bieten Versicherten, denen eine Rücken-OP empfohlen wurde, inzwischen eine Zweitmeinung in spezialisierten Schmerzzentren an. Das Angebot dürfte auf Interesse stoßen, denn auch die Patienten werden Operationen gegenüber skeptischer, beobachtet der Krankenhausberater Peter Borges. Hinzu kommt: Ein Teil der vielen Rücken-OPs – zwischen 2005 und 2010 hat sich etwa die Zahl der Wirbelsäulenoperationen bei AOK-Patienten mehr als verdoppelt – ist nicht erfolgreich. Helfen kann in diesen Fällen nur noch eine Therapie jenseits der Chirurgie.
Konservative Orthopädie in Rheinland-Pfalz im Bettenplan
Eine konservative Orthopädie lässt sich allerdings nicht über Nacht einrichten. Die Abteilung sollte eine solide Größe von mindestens 20 Betten besitzen, damit sie sich rechnet. Hinzu kommt: Nur wer strenge Voraussetzungen erfüllt, kann eine Komplexpauschale und das Zusatzentgelt in Anspruch nehmen. Das Krankenhaus Brackenheim ließ sich bei der Einrichtung sogar von der ANOA beraten. "Das Wichtigste ist, ein umfangreiches interdisziplinäres Behandlungsteam aufzubauen mit Orthopäden, Psychotherapeuten, Schmerztherapeuten und Physiotherapeuten”, sagt Michael Haake, Chefarzt im Klinikum am Plattenwald und am Krankenhaus Brackenheim. Außerdem müssen die Fachärzte extrem gute Diagnostiker sein. "Chronische Rückenschmerzen sind selten monokausal, deshalb steht am Beginn jeder Behandlung ein gründlicher Befund, der sich aus vier verschiedenen Untersuchungsergebnissen zusammensetzt: dem orthopädischen, dem manualmedizinischen, dem schmerzdiagnostischen und dem psychologischen”, meint der Chefarzt des Muskuloskeletalen Zentrum der Loreley-Kliniken, Matthias Psczolla. "Daraus ergibt sich dann ein Behandlungspfad, der je nach Befund eher einen psychologischen, schmerztherapeutischen, manualmedizinischen oder operativen Schwerpunkt hat.” Tatsächlich wird mancher Patient auch operiert, aber längst nicht jeder. Matthias Psczolla und seine Mitarbeiter raten nur einem von fünf Patienten zu einer OP.
Die Loreley-Kliniken in St. Goar-Oberwesel sind in Deutschland Vorreiter der konservativen Orthopädie, Berater Peter Borges nennt Matthias Psczolla die "personifizierte konservative Orthopädie”. 135 Betten hat die Abteilung, dazu noch 35 operative Betten für Patienten mit Gelenkerkrankungen. Dass die konservative Orthopädie ausgerechnet am Mittelrhein so prächtig gedeiht, ist kein Wunder: Rheinland-Pfalz ist das einzige Bundesland, das diese Fachdisziplin im Landesbettenplan berücksichtigt – und zwar mit 330 Betten. Auseinandersetzungen mit den Krankenkassen bleiben Matthias Psczolla, der auch Geschäftsführer der Loreley-Kliniken ist, also erspart.
Kassen ohne einheitliche Linie
Anders ist es Sana ergangen: Der private Klinikkonzern betreibt in Sommerfeld bei Berlin seit fast 20 Jahren eine konservative Orthopädie mit 115 Betten. Da diese sehr erfolgreich ist, wollte Sana diesen Behandlungsansatz auch in seinen Regio Kliniken in Schleswig-Holstein einführen. "Doch wir konnten uns mit den Kostenträgern nicht auf eine Finanzierung der Leistung einigen”, sagt Konzernsprecherin Susanne Heintzmann. "Wir waren überrascht, weil wir die Voraussetzungen eigentlich erfüllen konnten. Außerdem dachten wir, dass die Kassen wegen der aktuellen Diskussion um die Mengenausweitung positiv regieren würden.” Auf kma-Nachfrage heißt es bei der AOK Nordost, das Thema konservative Orthopädie sei klassischerweise im niedergelassenen Bereich angesiedelt und sollte nicht im Krankenhaus stattfinden.
Die Schwierigkeiten der Regio-Kliniken in Schleswig-Holstein erstaunen, weil die offiziellen Stellungnahmen der Kassen größere Verhandlungsbereitschaft vermuten lassen. "Die nationale Versorgungsleitlinie Kreuzschmerz befürwortet multimodale, nichtinvasive Ansätze bei der Behandlung von Rückenschmerzen”, heißt es auf Anfrage beim AOK-Bundesverband. Leicht gewitzt meint die TK sogar: "80 Prozent unserer Versicherten, denen zu einer Rücken-OP geraten wurde, empfiehlt das von uns beauftragte Schmerzzentrum von einer Operation abzusehen und die Schmerzen konservativ zu behandeln. Das zeigt: Die konservative Orthopädie hat noch ungenutzte Potenziale.” Der Chef der Manuellen Medizin in Sommerfeld, Wolfram Seidel, ist zuversichtlich: "Mehr und mehr Menschen im arbeitsfähigem Alter – gerade zwischen 45 und 60 Jahren – leiden unter Rückenschmerzen. Die Krankenkassen können es sich nicht mehr lange leisten, die konservative Orthopädie zu ignorieren.”


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