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Uniklinikum DüsseldorfGezielte Teamentwicklung gegen Teamfrust

In der Neurochirurgie am Universitätsklinikum Düsseldorf (UKD) arbeiteten Medizin und Pflege aneinander vorbei. Es herrschten eine hohe Fluktuation und ein hoher Krankenstand. Doch es gelang, die Problemstation zur Vorzeigestation zu machen. Das Modell will das UKD jetzt auf weiteren Stationen nutzen.

Machen ihre Arbeit mit viel Herzblut: Alfons Schnitzler, Antonino Hösen und Jan Vesper (v. l.) tragen die Strickjacken, die sich das Team der ZN 24 hat anfertigen lassen.
Jens Kohrs

Machen ihre Arbeit mit viel Herzblut: Alfons Schnitzler, Antonino Hösen und Jan Vesper (v. l.) tragen die Strickjacken, die sich das Team der ZN 24 hat anfertigen lassen.

Für UKD-Verhältnisse ist Antonino Hösen ein kleiner Star. Der Leiter der Station ZN 24 am Universitätsklinikum Düsseldorf steht für ein Projekt, das unmöglich schien – und die einstige Problemstation zur Vorzeigestation gemacht hat. Heute ist die ZN 24 ein Begriff im UKD. Hier läuft es anders. Viele wollen explizit genau hier arbeiten, dazugehören. Pflegeschüler bewerben sich ganz gezielt. 24 Mitarbeiter für 17 volle Stellen – alle sind besetzt. Keine einzige Pflegekraft hat die Station im vergangenen Jahr verlassen – bis auf zwei Schwangere, „aber die kommen ja wieder“, sagt Hösen und schmunzelt. Es läuft gut für ihn und sein Team.

2017, als der junge Pflegewirt von Münster nach Düsseldorf wechselte, war das genaue Gegenteil der Fall: hohe Fluktuation, hohe Fehlzeiten, Stimmung auf dem Tiefpunkt. Dabei war die Station Teil von etwas Großem, entstanden 2014 mit dem Zentrum für Bewegungsstörungen und Neuromodulation, in dem das UKD die Neurologie und die Neurochirurgie gezielt zusammengeführt hat. Seitdem arbeiten die zwei Fachrichtungen auf der gemeinsamen Station eng zusammen und erbringen „eine hochspezialisierte Leistung“, wie der Ärztliche Leiter, Professor Dr. Alfons Schnitzler, betont. Die Patienten kommen aus ganz Deutschland und dem Ausland an den Rhein. „Wir waren davon ausgegangen, dass jeder das Einzigartige dieser Organisation erkennt und unsere Begeisterung teilt“, erinnert sich Professor Dr. Jan Vesper, der Leiter des Zentrums für Neuromodulation.

Gezielte Teamentwicklung gegen Teamfrust

Doch die Rechnung ging nicht auf. Die Euphorie der Macher ergriff die Pflegekräfte nicht. Zu unterschiedlich waren die Kollegen, die hier plötzlich zusammengewürfelt wurden. Zu viel war neu, zu viel war ungewohnt, nie gelernt. Ein Desaster. Nicht gut für die Patienten, nicht gut für das Klinikum, für das der Bereich ökonomisch höchst lukrativ ist. Das gesamte Projekt drohte zu scheitern. „Die Lage war dramatisch und die Qualität der Patientenversorgung in Gefahr“, erinnert sich Neurologe Schnitzler: „Da passte es ausgezeichnet, dass mit Antonino Hösen eine neue Stationsleitung kam.“ Gemeinsam haben sie sich damals auf eine Teamentwicklung eingelassen. Und gemeinsam heißt hier wirklich gemeinsam – alle, Ärzte, Pfleger, Physiotherapeuten, Patientenmanager, Raumpflegerin, Stationssekretärin, Service- und Versorgungsassistentin. „So hatte ich das bislang noch nie erlebt“, sagt Ulrike Ambrosy, die das UKD-Team zusammen mit Gabriele Brübach als externe Beraterinnen begleitet hat: „Alle wollten etwas verändern, und bis zum Schluss hat sich niemand aus der Verantwortung rausgezogen.“

Antonino Hösen wusste 2017 genau, was ihn erwartete. Der 32-Jährige hat die Besonderheit der Pflegesituation auf ZN 24 als Chance gesehen – und Rückendeckung von ganz oben gehabt. Der Vorschlag zur Teamentwicklung kam aus dem Aufsichtsrat des UKD, und auf Station haben alle Entscheidungsträger an einem Strang gezogen – auf Augenhöhe, egal ob Pfleger oder Assistenzarzt, Physiotherapeut oder Professor. Hösens wichtigste Aufgabe: eine gemeinsame Tagesstruktur finden für die zwei Welten und Kulturen, die auf der ZN 24 zusammentrafen, und neue Wege der Kommunikation suchen. Oberstes Ziel: Allen Kollegen soll klar sein, „diese Station ist etwas Besonderes“.

Mehr Information und mehr Kompetenzen

Dafür hat Hösen viel neu organisiert und auch eine Pflegevisite sowie eine Kurvenvisite eingeführt. Dazu treffen sich am Nachmittag eine Bereichspflegekraft und ein neurologischer Assistenzarzt, um die Ergebnisse der Arztvisite zu vermitteln und die weitere Diagnostik und Therapie zu jedem einzelnen Patienten zu besprechen. Die Pflege gibt dabei Auskünfte über den Tagesverlauf, etwa zu Beweglichkeit, Schmerzen, zum postoperativen Verlauf oder zu anderen Auffälligkeiten. Durch die Neuerungen kennen heute alle im Team die OP-Ergebnisse der Patienten und die Therapiepläne, und sie geben ihre Einschätzung ab, wenn ihnen etwas auffällt – „zwischen Pflegern und Ärzten fließen die Informationen in beide Richtungen“, beschreibt Hösen die entscheidende Veränderung. Er habe „Kommunikationsknotenpunkte“ geschaffen, sagt er: „Wenn sich Menschen treffen, gibt es direkte Diskurse und auch direkte Lösungen.“ So werden beide Seiten entlastet, etwa weil doppelte Kommunikation wegfällt.

Zudem wurden die Kompetenzen der Pflegekräfte erweitert, die jetzt zum Beispiel auch das Wund- und Pumpenmanagement übernehmen können. Darüber hinaus haben sie immer wieder mit gemeinsamen Aktionen am Teamgedanken gearbeitet – unter anderem als eine Fotografin alle Kollegen künstlerisch in Szene gesetzt hat. „Das war ein echtes Highlight“, erinnert sich Hösen.








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