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Sterben im KrankenhausHinterzimmer waren gestern

Mehr als 400.000 Menschen sterben jährlich in deutschen Krankenhäusern. Lange Zeit wurde die letzte Lebensphase eines Menschen stiefmütterlich behandelt. Jetzt hat ein Umdenken stattgefunden. Lesen Sie dazu die kma-Titelgeschichte der Februarausgabe.

Obwohl der Herbst den Tag früh ergrauen lässt, vermittelt das Zimmer der Palliativstation im Braunschweiger Marienstift eine angenehme Atmosphäre. Das warme Orange der Wände strahlt in den Raum, und der weiße Zimmerbrunnen mit den Chromkugeln befeuchtet die Atemluft. Ruhig und geduldig spricht Chefarzt Rainer Prönneke mit Frau F. Mit halb geschlossenen Augen folgt sie seiner Stimme und nickt, als er ihr den Trinkbecher reicht. Auf dem Fensterbrett ihres Zimmers steht eine Fotogalerie mit Bildern der Verwandten. Angehörige, die sie besuchen, können auf der bequemen Schlafcouch auch über Nacht bleiben. Auf dem Stationsflur steht ein Engel mit Kerze. Immer, wenn ein Mensch auf der Palliativstation stirbt, wird ein Licht angezündet. Für die Trauernden steht ein Koffer mit Bibel und spirituellen Impulsen bereit. Sie können dort auch persönliche Erinnerungsstücke hineinlegen. Einmal im Jahr gibt es einen Abschiedsgottesdienst zu Ehren aller Verstorbenen, gleich welcher Konfession und Kultur. Die festen Rituale tun Verwandten und Mitarbeitenden gut, weil sie in der Haltlosigkeit eine feste Struktur geben. Vor 32 Jahren, erinnert sich Prönneke, gab es keine Proteste, als seine Großmutter wie selbstverständlich ihre letzten Lebenstage im Badezimmer eines Krankenhauses verbrachte. Später, auf seiner ersten Arztstelle, war es immerhin ein Einzelzimmer am Ende des Flurs, in dem Menschen meist unter laufender Infusion starben.

Das Thema Sterben ist wieder salonfähig
In der Nachkriegsgesellschaft der Bundesrepublik wurde der Gedanke an den Tod lange Zeit aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt. An seine Stelle trat die Beschäftigung mit dem medizinischen Fortschritt und der Fokus auf die moderne Apparatemedizin. Zunehmend jedoch erwachsen vielen Menschen Zweifel daran, unter den gegenwärtigen Verhältnissen noch natürlich sterben zu können. Die Frage nach einem würdevollen Tod beschäftigt immer mehr Menschen. Einen wesentlichen Anteil an dem Wiederbegehren nach einem sinnhaften und selbstbestimmten Lebensende hat die Hospizbewegung. "In den letzten dreißig Jahren hat sich erfreulicherweise eine Menge getan”, erklärt Rainer Prönneke. "Die Hospizbewegung hat den Sterbenden wieder ins Blickfeld geholt. Davon hat sich die palliativmedizinische Entwicklung inspirieren lassen. Um die Versorgung von Sterbenden zu intensivieren und zu verbessern, unternehmen wir heute mehr, als die Schmerzen zu lindern.” Es gilt hinzuschauen, um deren Bedürfnisse kennen zu lernen und sinnvolle Strukturen aufzubauen. Allerdings reicht die Einrichtung einer Palliativstation und stationärer Sterbezimmer für die Implementierung einer Sterbekultur bei weitem nicht aus, "sondern bildet nur die Basis, von der aus die Versorgung aller Betroffenen organisiert werden muss”, erklärt Prönneke, der auch Mitglied der Expertengruppe der Niedersächsischen Koordinierungsstelle für Hospizarbeit und Palliativmedizin ist. 2005 hat er ein Konzept zur Integration von Hospizidee und Palliativmedizin im Krankenhaus entwickelt. Für ihn bemisst sich die Qualität des Umgangs mit Schwerkranken daran, ob es ein ganzheitliches und tragfähiges Konzept der Sterbekultur in einem Haus gibt. Die Palliativmedizin versteht sich ausdrücklich nicht als rein ärztliche Disziplin. Hier kooperieren Ärzte, Pflegende, Sozialarbeiter, Seelsorger und Psychologen auf Augenhöhe. Von vornherein herrscht ein multidisziplinärer Behandlungsansatz, der sektorübergreifend ambulante und stationäre Strukturen einschließt. "Das ist tatsächlich für einen Mediziner nicht ganz so leicht, weil man sich öffnen und andere Perspektiven zulassen muss”, räumt Prönneke ein. Neben der hohen fachlichen palliativpflegerischen und medizinischen Qualifikation der Mitarbeitenden gehören eine würdevolle Umgebung, die Einbeziehung und Begleitung der Angehörigen, feste Rituale, Supervision und vor allem Geduld, Zeit und Zuwendung zu den wesentlichen Voraussetzungen einer gelungenen Sterbekultur nicht nur am Marienstift.

Den vollständigen Artikel finden Sie in der Online-Ausgabe der kma 02/2013.

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