Für den Neubau des Klinikums Darmstadt ist zwar noch nicht einmal der Keller ausgehoben, doch schon jetzt eilt ihm ein gewisser Ruf voraus. Das liegt vor allem am verheißungsvollen Namen, den die Südhessen ihrem 130-Millionen-Bau gegeben haben. Das Klinikum Darmstadt baut ein "Hygienisches Krankenhaus". Die Geschichte zu dieser Idee klingt kurios: Schon seit Jahren möchte Darmstadt seine zwei Standorte im Stadtzentrum und dem Vorort Eberstadt in einem Neubau zusammenführen und benötigte dafür Geld vom Land Hessen. "Als wir den Bau 2010 planten, brauchten wir etwas Einzigartiges, einen unique selling point", erklärt Gerhard Becker, ehemaliger Geschäftsführer des Klinikums Darmstadt. Er suchte etwas, was die staatlichen Geldgeber beeindruckte, aber auch das Image der Klinik nachhaltig verbessert. "Im Grunde hätte das Einzigartige auch etwas anderes sein können", sagt Becker rückblickend. Ausschlaggebend für das hygienische Krankenhaus war eine Diskussion zwischen und Martin Thieves, dem Hygieniker der Darmstädter Klinik. "Thieves echauffierte sich, weil wir in einem schon fertiggestellten Neubau zu viele Totstellen in der Wasserleitung hatten, und dort sammelten sich Legionellen", so Becker. "Wir mussten aufwändig umbauen." Das weckte Beckers Aufmerksamkeit, und die Idee des hygienischen Krankenhauses war geboren. Die hessische Regierung hatte für Hygiene-Themen ein offenes Ohr, wohl auch weil Hygieneskandale wie im hessischen Fulda, wo nicht steriles OP-Besteck im Umlauf war, die Kliniklandschaft in den zurückliegenden Jahren erschüttert hat. Sie bewilligte den Darmstädtern 65 Millionen Euro und erklärte sich bereit, eine Bürgschaft für weitere 65 Millionen Euro zu übernehmen.
Bauen und Planen: Lesen Sie den kma report
130 Sitzungen bis zum Konsens
Becker stellte daraufhin ein Team aus Hygienikern, Mikrobiologen, Ärzten, Managern, Planern und Architekten zusammen und ließ ein Konzept ausarbeiten. Dann konnten die Klinikmitarbeiter in mehr als 130 Sitzungen ihre Interessen in den Plan einfließen lassen. Hartwig Jaeger, der das Krankenhaus mit geplant und Mitarbeitersitzungen moderiert hat, resümiert: "Die Layoutplanung mit den Mitarbeitern war ein gigantisches Hin- und Herschieben von Räumen. Dabei stand aber immer die Hygiene an der ersten Stelle." Grob vereinfacht, konzentrieren sich die Darmstädter Hygienemaßnahmen auf zwei Gruppen: Hautkeime und Darmkeime. Hautkeime verursachen in der Regel Wundinfektionen, von denen in Deutschland mehr als 200.000 Patienten jährlich betroffen sind. Darmkeime führen eher zu Harnwegsinfektionen und Atemwegsinfektionen. Beide werden über infektiöses Material übertragen und können bei geschwächten Patienten zum Tod führen. "Den Baumaßnahmen liegt die Feststellung zugrunde, dass Darmkeime wie VRE oder ESBL in den kommenden Jahren eine große Bedeutung bekommen. Anders als Hautkeime wie MRSA sind sie auch viel schwerer zu behandeln, da es wenig wirkungsvolle Antibiotika gibt", erklärt Jaeger. "In fünf Jahren werden wir jährlich zwischen 50 und 100 solcher Patienten haben", schätzt Darmstadts Chef-Hygieniker Martin Thieves.
Unreiner Arbeitsraum wird in Darmstadt abgeschafft
Die Verantwortlichen betonen, die Summe der Maßnahmen sei das Einzigartige am Darmstädter Bauplan (siehe Kasten Seite 18). Oft sind es kleine Maßnahmen, betont Hygieniker Thieves, die etwas bewirken. So sollen im Neubau die Siphons in besonders sensiblen Bereichen zweimal am Tag erhitzt werden, um so Bakterien, die sich dort oft sammeln, abzutöten. Zudem verschließen die Darmstädter den Hohlraum in jedem Waschbecken, die standardmäßig doppelbödig und mit einer Öffnung geliefert werden, mit Silikon. "Das Material kostet 30 Cent, und der Klempner ist damit eine Minute beschäftigt", erläutert Thieves. Völlig neu und in der Krankenhauslandschaft offenbar einzigartig ist die Auflösung des sogenannten unreinen Arbeitsraums. Dieser Raum, den jede Station hat, dient häufig als Lager für Reinigungsmaterial, als Spülraum für die Bettpfannen, in ihm findet Müllentsorgung statt, und er ist Abstellkammer für Geräte wie Infusionsständer oder Wäsche. Die Darmstädter teilen diesen Raum in drei: einen Spül-, einen Aufbereitungs- und einen Entsorgungsraum. Diese Maßnahme soll die Verbreitung von Keimen reduzieren. Den Spülraum rüsten die Darmstädter dabei besonders auf, denn Darmkeime schlummern vor allem in den Bettpfannen: Die Tür des Raums geht mit einem Fußschalter auf, beim Eintritt geht ein starker Deckensauger an, damit keine Keime nach außen treten, und auch die Spülmaschine für die Pfannen geht automatisch auf und zu. "Außerdem gibt es außen am Raum eine Leuchte, die anzeigt, wann die Maschine fertig ist und neu gefüllt werden kann. So verhindern wir, dass das Personal unnötig häufig in den Raum muss", erklärt Jaeger.
Kein Geld für das Raumluftkonzept
Das Land erfüllte den Darmstädtern Klinikbauern aber nicht alle Wünsche. Für ein neues Raumluftkonzept, das fünf Millionen Euro mehr gekostet hätte, fehlte das Geld. Wie viel die Baumaßnahmen für die Hygiene zusätzlich kosten ist schwer zu beziffern, es sind aber wohl weniger als fünf Millionen Euro. Auf einige Maßnahmen haben die Darmstädter Planer dabei bewusst verzichtet: Antibakterielle Tapeten oder Böden wird es in Darmstadt nicht geben. "Das kostet viel Geld, bringt aber nicht viel", sagt Becker. Antibakterielle Toilettenbrillen, Türklinken oder Lichtschalter hält er dagegen für sehr sinnvoll. "Aber da ist die Industrie technisch noch nicht so weit." Geplanter Baubeginn ist Ende dieses Jahres. Hessen verspricht sich von dem Projekt auch etwas Bleibendes über Darmstadt hinaus. Mit dem Ministerium hat die Klinik vereinbart, dass sie über ihr Projekt einen Katalog erstellen, den sich andere Landeskrankenhäuser ansehen können.
Informationen zu einzelnen Hygiene-Maßnahmen in Darmstadt finden Sie im kma report bauen und planen.


Bitte loggen Sie sich ein, um einen neuen Kommentar zu verfassen oder einen bestehenden Kommentar zu melden.
Jetzt einloggen