Ästhetik-Offensive

Mit eleganter Klinikausstattung zu mehr Erlösen

Immer häufiger investieren Kliniken in neue Optik, schicke Möbel, glanzvolle Bäder. Mit der Ästhetik-Offensive wollen sie nicht nur die Patienten beeindrucken, sondern vor allem: die privaten Kranken­versicherungen. Goldene Wasserhähne jedoch, fand kma heraus, erwartet hier keiner.

Ausstattung Stiegelmeyer-Bett

stiegelmeyer

Ausstattung Stiegelmeyer-Bett

Das ist noch ein Krankenzimmer? Der Besucher dreht und wendet sich, lässt den Blick wandern: vom warmen samtigen Holzton des Bodens auf die hochwertigen Einbaumöbel, über die schicke Bodenlampe und den Schreibtisch bis hin zu den zwei mit orangefarbenen Stoffen bezogenen Stühlen, die ein wenig an Retrodesign erinnern – und deren Farben sich in den Vorhängen wiederfinden. Alles an dem Raum, das stimmige Ensemble, der warme Look, erinnert an Hotel, an Komfort, an Chic. Wenig deutet darauf hin, dass sich der Besucher hier auf der Station B befindet - in einem Krankenhaus, genauer: der St. Georg Klinik im thüringschen Eisenach.

Vor drei Jahren hat das Akutkrankenhaus eine Komfortstation eingerichtet, acht Einzel- und zwei Doppelzimmer modernisiert und verschönert, sogar eine Lounge und eine schicke Rezeption gibt es nun. Diese Hotelanmutung war volle Absicht – die Patienten sollen sich entspannen und zurückziehen können, sagt der Klinikgeschäftsführer Ralf Weigel: „Ein dezentes Ambiente sorgt für Ruhe.

PKV verlangt einen klaren Mehrwert

Erklärungen wie diese führen Krankenhäuser immer wieder an, um die Modernisierung ihrer Patientenzimmer zu begründen: Je schicker und hochwertiger die Klinikräume, desto schneller könne sich der Patient wieder erholen. Tatsächlich aber steckt auch eine klar betriebswirtschaftliche Strategie hinter den Generalüberholungen: Komfortzimmer oder ganze Wahlleistungsstationen können sich als wahre Erlösquellen entpuppen. Wenn man es denn richtig macht, wie Franz-Josef Richter, Geschäftsführer von Bilfinger Ahr Careservices, sagt.

Der ehemalige Pflegedienstleiter berät seit acht Jahren Kliniken, die Individualverträge über Wahlleistungen mit der privaten Krankenversicherung abschließen wollen, bringt sie mit Architekten und Ausstattern zusammen, geht Baupläne und Musterbücher mit ihnen durch, führt für sie die Verhandlungen mit dem PKV-Verband. Er weiß: „Die PKV will einen klaren Mehrwert im Vergleich zu den Stationen der Regelversorgung sehen.“ Viele Feinheiten, die noch vor Jahren ein Raunen auslösten – etwa der Flachbildschirm oder die Regendusche im Bad – sind heute Standard, so der Berater.

Beim Bad liegen Maßstäbe besonders hoch

Den PKV-Verband beeindrucke laut Richter vor allem ein stimmiger Ersteindruck, durchaus auch ein Wow-Effekt beim erstmaligen Einsehen der Pläne oder Betreten der fertigen Räume – und: Konsequenz bis ins Detail. Das klingt zunächst gegensätzlich, ist aber auch das Grundprinzip jeder schönen Wohnung, sagt Richter: „Dass nämlich das Design als stimmungsvolles Gesamtkonzept, aber auch im Kleinen überzeugen muss. Das Komfortzimmer  mag ein noch so schönes Mobiliar haben, wenn der Handtuchhalter aus billigem Plastik ist statt in Edelstahloptik, stört das den Gesamteindruck – und kann Punktabzug geben.“

Gerade das Bad schauen sich die PKV Begutachter ganz genau an: Hat die Toilette ein WC mit Absenkautomatik, ist das Becken spülrandlos? Gibt es ein modernes Bidet mit Spüldusche? Ist die Drückplatte für die Spülung hochwertig verarbeitet? Die hohen Ansprüche kennen auch Sanitärhersteller – und stellen ihre Produktpalette darauf ab.

Es braucht nicht immer den Edel-Look

Auch nützliche Funktionen beeindrucken die PKV-Vertreter, verrät Franz-Josef Richter. „Das sind ja keine abgehobenen Leute mit unrealistischen Ansprüchen, sondern Experten mit Ahnung vom Klinikalltag, die genau wissen, was geht und was nicht, was praktisch ist – und was nur Blendwerk.“ Das sagt Richter dann auch jenen Kliniken, die zu viele Möbel oder Accessoires in einem einzigen Zimmer unterbringen oder den Edel-Look auf Biegen und Brechen mit Mahagoniholz herstellen wollen. „Da muss ich dann doch bremsen“, so Richter. „Goldene Wasserhähne interessieren die PKV nun wirklich nicht.“ Und den Patienten am Ende auch nicht.  

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