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Finanzlage der Unikliniken„Versorgungszuschlag bildet Aufwand nicht ab“

Die Universitätskliniken haben 2020 ein Minus von 544 Millionen Euro eingefahren. Ein Gespräch mit Prof. Jens Scholz, Präsident des Verbandes der Universitätskliniken Deutschlands (VUD) über auseinanderdriftende Kosten und Erlöse und warum das Minus 2021 noch höher ausfallen könnte.

Prof. Dr. Jens Scholz
UKSH

Prof. Dr. Jens Scholz, ab 1. Juli 2021 erster Vorsitzender des VUD.

Prof. Scholz, die Universitätsklinika haben 2020 ein deftiges Minus von 544 Millionen Euro eingefahren. Was sind die Gründe dafür?

Ein wesentlicher Faktor dafür ist die Corona-Pandemie, obwohl durch die Corona-Ausfallprämien eigentlich genügend Geld ins System gekommen ist. Leider wurde das Geld aber zunächst mit dem Gießkannenprinzip verteilt, was zur Folge hatte, dass gerade kleinere Krankenhäuser einen Riesengewinn gemacht haben. Mittlerweile wissen wir aber, in welchen Krankenhäusern die Corona-Patienten liegen und was die Behandlung kostet.

Der Rettungsschirm hat also aus Ihrer Sicht ausgerechnet die Krankenhäuser nicht richtig unterstützt, die die Hauptlast der Pandemiefolgen zu tragen hatten?

Da muss man differenzieren. Wir als Unikliniken haben zu Beginn der Pandemie gesagt, dass man für schwerkranke Corona-Patienten einen Satz von 800 bis 900 Euro pro Tag bräuchte, um mit einer Pauschale zurechtzukommen. Nun waren es am Anfang aber nur 560 Euro pro Tag. Später wurde dieser Satz immerhin gespreizt – auf eine Spanne von 360 bis 760 Euro. Das passierte aber erst im Laufe des Jahres. Deswegen haben viele Bundesländer ihren Universitätsklinken noch einmal zusätzlich Geld gegeben. Sonst wäre das Defizit sogar auf fast eine Milliarde Euro gewachsen.

Ein so großes Minus kann aber nicht nur durch Corona verursacht worden sein?

Nein, es gibt auch andere Faktoren. So geht die Kosten-Erlös-Schere derzeit immer weiter auseinander. Wir haben eine Inflationsrate von über vier Prozent, während der Anrechnungsfaktor in den Häusern nur bei 2 bis 2,3 Prozent liegt. Das heißt also, schon die festgelegte Steigerung in den DRGs der letzten Jahre hält mit der Inflation nicht mit. Es gibt steigende Personalkosten in der Pflege und bei den Ärzten ...

Moment, zumindest Tarifsteigerungen in der Pflege werden nach den jüngsten Reformen doch vollständig übernommen...

Wir haben in der Pflege aber viele zusätzliche Vereinbarungen, etwa weil Pflegekräfte in die Zeitarbeit gehen. Bei der Zeitarbeit gibt es jedoch Zuschläge, die über dem TVöD-Tarif liegen. Zudem verdienen beispielsweise Intensivpflegekräfte derzeit aufgrund des großen Personalmangels zum Teil 700 Euro, teilweise sogar bis 1500 Euro monatlich mehr als in den Tarifen steht. Diese Kosten sind durch nichts gedeckt. Auch die Lohnsteigerung der Ärzte findet sich in den DRGs nicht wieder. Der Index hängt immer zwei Jahre hinterher. Und in der Pflege haben wir mit dem Pflegepersonaluntergrenzen ein weiteres gravierendes Problem für die Erlöse.

Wie meinen Sie das?

Früher haben wir das Problem der Kosten- Erlös-Schere dadurch wettgemacht, indem wir jedes Jahr gewachsen sind. Nun allerdings können wir aufgrund der Pflegepersonaluntergrenzen und wegen der großen Erschöpfung der Pflegekräfte eine bestimmte Anzahl Intensivbetten nicht mehr besetzen. Derzeit betreiben wir ungefähr ein Drittel weniger Betten als in der ersten Welle, weil uns in den Krankenhäusern das Personal fehlt. Weniger Personal bedeutet, dass wir weniger Patienten behandeln können. Wachstum ist so nicht möglich. Die PPUG schaffen dazu neue Probleme. Wir haben zum Beispiel für das UKSH einmal berechnet, wie viele Betten wir ohne Pflegepersonalgrenzen mit unserem aktuellen Pflegepersonal betreiben könnten. Es sind 400.

Sie machen ernsthaft die PPUG mit dafür verantwortlich, dass wir nun viel weniger Betten in der Pandemie betreiben können? Die Zahl der stationären Fälle stagniert seit 2016, also lange vor Einführung der PPUG...

Zunächst einmal: Die Unikliniken sind noch bis 2019 gewachsen, erst von diesem Zeitpunkt an wurde der Fachkräftemangel für alle Beteiligten so richtig spürbar. Parallel dazu kamen dann Anfang 2020 Corona und die Umsetzung der Pflegepersonaluntergrenzen. In der Kombination war das sehr schwierig. Verstehen Sie mich richtig: Ich argumentiere nicht gegen die Pflegepersonaluntergrenzen, die finde ich richtig. Aber wenn man sowieso schon Fachkräftemangel hat und dann noch das System weiter verschärft, dann gibt es eben auch Schwierigkeiten, die Patienten zu versorgen.

Das BMG hat die PPUG wegen Corona zeitweise ausgesetzt…

Richtig. Nur führt der Mangel nun dazu, dass viele Pflegekräfte aus dem Beruf gehen, weil sie eben in der Corona Pandemie eine zusätzliche große Last getragen haben. Und das belastet wieder die Erlöse.

Wie stark belasten auch andere Faktoren wie etwa höhere Materialkosten die Etats der Kliniken?

Wir hatten bei einzelnen Artikeln Steigerungen im vergangenen Jahr Kostensteigerungen von bis zu 3000 Prozent. Inzwischen sind zwar die Preise zum Teil wieder heruntergegangen. Aber kein einziger dieser Preise ist wieder auf das Niveau vor der Pandemie gesunken. Zudem gibt es Kosten, die wir in diesem Umfang so vor der Pandemie nicht kannten. Nehmen Sie beispielsweise die Umsetzung der 3G-Regelung. Allein am UKSH zahlen wir für unser Sicherheitspersonal zehn Millionen Euro im Jahr, nur um zu kontrollieren, ob die Patienten auch 3G vorweisen können. Auch das ist durch nichts gegenfinanziert. Nächster Punkt: Die Freihaltepauschalen gibt es für stationäre Patienten. In Universitätskliniken gibt es aber viel mehr ambulante Patienten als in anderen Krankenhäusern, das Verhältnis ist drei bis fünf zu eins. Nur sind uns diese ambulanten Patienten in der Pandemie weggebrochen, weil Patienten die Kliniken meiden oder ambulante Behandlungen wie beispielsweise eine Chemotherapie verschoben werden.

Haben das große wirtschaftliche Minus wie auch das Personalprobleme in der Pflege konkrete Auswirkungen auf die unmittelbare Arbeitsfähigkeit der Unikliniken und damit auch auf die Versorgung der Patienten?

Ja, hundertprozentig. Wenn ihnen das Personal fehlt, wird es schwieriger, die Versorgungssicherheit rund um die Uhr aufrechterhalten zu können. Als Maximalversorger sind wir aber dazu verpflichtet, jederzeit Patienten aufzunehmen.

Welche Bereiche sind besonders betroffen?

Wir versuchen trotz der Situation alles abzuarbeiten. Zum Teil haben wir aber richtig lange Wartelisten in einzelnen Bereichen für Patienten, die wir nicht behandeln können, weil es zu wenig Intensivbetten gibt - in der Mamma-Chirurgie oder auch in der Kinderherzchirurgie. Jeder Notfall wird natürlich versorgt, das ist unstrittig. Aber es wird eben nicht jeder so versorgt, wie er es eigentlich normalerweise gern möchte.

Die Berliner Charité ist bereits wieder im Notbetrieb. Wie sieht es generell in den Unikliniken derzeit aus?

Ähnlich, weswegen wir aus finanzieller Sicht auch so für die Fortsetzung der Freihaltepauschalen gekämpft haben. Die Geschäftsführer von Krankenhäusern haben ein Problem, elektive Operationen abzusetzen, wenn sie nicht dafür einen finanziellen Ausgleich bekommen. Ohne Pauschale wurden deshalb bislang auch Operationen gemacht, die dann notwendige Intensivbetten blockiert haben.

Derzeit fegt die vierte Corona-Welle durch das Land, viele Kliniken sind am Limit. Der Bundestag hat am 18. November neue Ausgleichszahlungen beschlossen, die sich weitgehend an den Summen des ausgelaufenen Rettungsschirmes orientieren. Reicht das angesichts der aktuellen Belastung, oder droht den Unikliniken 2021 ein noch größeres Minus?

Die nunmehr beschlossenen Ausgleichszahlungen sind in erster Linie Liquiditätshilfen. In Anbetracht der großen Herausforderungen, die die vierte Welle gerade für die Uniklinika mit sich bringt, werden sie die wirtschaftliche Situation und die Jahresergebnisse 2021 nicht verbessern. Hierfür brauchen die Uniklinika unbedingt finanziellen Hilfen, die ihrer besonderen Versorgungsrolle gerecht und nicht im Ganzjahresausgleich verrechnet werden. Der Versorgungszuschlag bildet den zusätzlichen Aufwand in den Uniklinika nicht richtig ab. Gerade die aufwendigen Fälle mit Beatmungen und ECMO, die teilweise wochenlang auf den Intensivstationen liegen, werden überproportional in den Uniklinika versorgt. Der Versorgungszuschlag beruht hingegen auf einer einheitlichen Verweildauer von 13,9 Tagen bei allen Krankenhäusern.

Wie sollte die Finanzierung Ihrer Meinung nach generell aussehen?

Wir brauchen eine abgestufte DRG-Finanzierung. Wenn man ein Krankenhaus haben will, das rund um die Uhr für die Patienten da ist und alle Fachdisziplinen bereithält, dann muss man das auch finanzieren. Es gibt kein Land in Europa, das seine Unikliniken so schlecht behandelt wie Deutschland. In allen anderen Ländern in Europa haben die Unikliniken einen höheren Satz als jedes normale, andere Krankenhaus. Deswegen haben wir im Rahmen der Koalitionsverhandlungen auch gefordert, für die Uniklinika DRGs mit dem Faktor 1,2 zu nehmen, damit diese eine Chance haben, aus dieser Krise auch wieder herauszukommen. Zur Erinnerung: Wir haben knapp 2 000 Krankenhäuser in Deutschland, davon sind 35 Unikliniken Die Uniklinika haben aber bislang 25 Prozent aller Corona-Intensivpatienten behandelt, bei den beatmeten ECMO-Patienten waren es sogar 75 Prozent. Die Hauptlast liegt also bei den Universitätskliniken, das wird finanziell im DRG-System bislang nicht abgebildet.

Das klingt nach dem bekannten Verteilungskampf unter den Krankenhäusern, auch viele andere große private, kommunale oder konfessionelle Häuser haben viele Corona-Patienten versorgt…

Das ist das Problem der Deutschen Krankenhausgesellschaft, aber nicht meins. Wenn ich 2000 Krankenhäuser habe und ich es allen 2000 Häusern recht machen will, dann ist es schwierig. Mein Job ist, deutlich zu sagen: Wer trägt die Hauptlast in Deutschland? Wo kommt der medizinische Fortschritt her? Wer erprobt neue Therapien? Wer soll das alles machen und wie wollen wir das finanziell sicherstellen? Klar ist: Wir haben zu viele Krankenhäuser – auch angesichts des Fachkräftemangels. Der wird sich massiv verschärfen, wenn demnächst die Babyboomer in Rente gehen. Dabei haben wir im europäischen Vergleich genügend Ärzte und Pflegekräfte, nur haben wir sie an den falschen Stellen. Wir brauchen weniger Krankenhäuser und müssen das Personal auf die Krankenhäuser verteilen, die auch wirklich an der Versorgung teilnehmen.

In der Corona-Pandemie hat sich notgedrungen eine neue Aufgabenverteilung unter den Kliniken etabliert. Unikliniken haben regional oft eine Lenkungsfunktion in der Versorgung von Corona-Patienten übernommen. Ein Vorbild für eine Neuordnung der Krankenhausstrukturen in Deutschland?

Ja. Tatsächlich haben die Unikliniken jetzt in der Pandemie eine Art Dirigentenfunktion übernommen – und das funktioniert sehr gut. Endlich steht die grundsätzliche Frage im Vordergrund: Wo bekommt der Patient die beste Versorgung – und nicht der Wunsch eines Bürgermeisters oder Landrates, seine notleidende Klinik am Laufen zu halten. Dieser Versorgungsansatz muss in der Zukunft das zentrale Leitmotiv für die Versorgung sein. Wir brauchen eine abgestufte Versorgung. Wo medizinisches Personal rund um die Uhr erreichbar ist, muss auch die beste Versorgung stattfinden.

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