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„Vier Sterne Plus“Der Klinik-Rebell und seine Krankenhaus-Vision

In den Waldkliniken Eisenberg verwirklicht David-Ruben Thies seine Idee von einem neuen Krankenhaus. Die Kino-Dokumentation „Vier Sterne Plus“ beschreibt, wie er vorgeht und an welche Grenzen er dabei stößt. Das faszinierende Portrait eines Getriebenen wirft viele Fragen auf und einen kritischen Blick auf das deutsche Gesundheitssystem.

David-Ruben Thies
Carsten Waldbauer

David-Ruben Thies will das Gesundheitssystem verändern, und dafür geht er unkonventionelle Wege.

Vier Sterne Plus Filmtour
Jens Kohrs

Filmpremiere in Berlin: David-Ruben Thies mit Gesundheitssenatorin Ulrike Gote (Bündnis 90/Die Grünen).

Mittlerweile hat er sich daran gewöhnt. Sich selbst gut 90 Minuten lang auf der großen Kinoleinwand zu sehen, das sei am Anfang unerträglich gewesen, sagt David-Ruben Thies. Ein wenig Koketterie ist da sicher auch im Spiel, denn der Geschäftsführer der Waldkliniken Eisenberg (WKE) in Thüringen mag den großen Auftritt – schon allein, weil ihm seine Botschaft so wichtig ist. Die soll gehört werden. Deshalb ist Thies mit dem Team im März wochenlang durch die Republik getourt, um den Dokumentarfilm „Vier Sterne Plus“ zu bewerben (Kinostart: 14. April 2022). Sie waren in jedem Bundesland. 16 Kinos, 16 Vorstellungen samt Gesprächen mit Besuchern und Vertretern aus dem Gesundheitswesen – und 16-mal die unmissverständliche Aufforderung: Schaut hin, so sieht meine Krankenhaus-Vision aus, und so lässt sie sich realisieren.

Thies ist ein Exot unter den deutschen Klinik-Chefs, unkonventionell, unbequem, immer neugierig, hartnäckig, positiv verrückt. Da scheint es fast folgerichtig, dass er zum Filmstar werden musste. „Vier Sterne Plus“ zeigt, wie der 53-Jährige im Saale-Holzland-Kreis zwischen Jena und Gera ein besonderes Krankenhaus gebaut hat (Filmtrailer von Vier Sterne Plus). Im September 2020 haben die Waldkliniken in Eisenberg ihr neues Bettenhaus eröffnet, ein rundes Schmuckstück, entworfen vom italienischen Architekten und Designer Matteo Thun. Die Patienten sollen hier als Gäste empfangen werden. Mit Komfort, Bio-Essen, begehbarem Humidor, Kaminfeuer und dem Duft von frischem Brot. Das Haus hat Hotel-Standard, belegt durch eine für Krankenhäuser bisher einmalige Sterne-Zertifizierung des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes.

Neues Pflegekonzept, neue Haltung

Und auch sonst ist hier einiges anders. Thies hat die Beschäftigten von Anfang an intensiv und aufwändig in die Planungen für den Neubau eingebunden. Über die Berufsgruppen hinweg sollten alle mitreden und Ideen einbringen – mehrmals wurde dafür die Eisenberger Stadthalle angemietet. Er hat die Pflege nach der niederländischen Unit-Struktur organisiert, bei der eine Pflegekraft von der Aufnahme bis zur Entlassung feste und dauerhafte Bezugsperson für maximal zehn Patienten ist. Der Pflegepersonal-Schlüssel in Eisenberg liege deutlich besser als der bundesweite Durchschnitt, betont Thies gerne. Um das Pflegeteam zu überzeugen, hat er einige im Bus mit in die Niederlande genommen. Dort konnten sie sich selbst alles anschauen und im Einsatz erleben. Zudem setzt er konsequent auf Digitalisierung und hat dafür unter anderem eine eigene E-Health-Cloud samt digitaler Patientenakte für sein Haus entwickeln lassen.

„Er ist einer, der nie schläft und nachts seine Ideen zur Welt bringt“

Die Regisseurin Antje Schneider und ihr Kameramann Carsten Waldbauer haben Thies für ihren Film, der voraussichtlich ab Herbst auch in der ZDF-Mediathek zu sehen sein wird, ziemlich genau fünf Jahre begleitet. Was 2017 mit einer Doku-TV-Serie für den Mitteldeutschen Rundfunk begann und gefühlvoll Patientengeschichten erzählte, wurde so zu einem intensiven Dauer-Filmprojekt. Schneider und Waldbauer waren fortan ganz nah dran. Sie haben Thies auf zahlreichen Auslandsreisen begleitet, bei denen er sich seine Inspirationen holt. Sie waren bei Sitzungen mit Architekten und Planern dabei. Sie dokumentieren die Fortschritte auf der Baustelle genauso wie die Rückschläge, zum Beispiel durch die Corona-Pandemie. Und es geht auch um die System-Grenzen, an die selbst ein Energiebündel wie Thies zwangsläufig stößt. „Er ist ein Getriebener seiner Ideale, voller Euphorie“, sagt Schneider, „einer, der nie schläft und nachts seine Ideen zur Welt bringt.“

Die Botschaft des Viel-Rauchers, die der Film so ruhig wie eindrucksvoll transportiert, rüttelt an den Grundfesten des deutschen Gesundheitssystems: „Es muss sich radikal ändern“, fordert Thies. Zum Beispiel nach dem Vorbild der Niederlande oder Dänemarks, gute Beispiele gebe es genug. Thies diagnostiziert schonungslos und stellt alles infrage: Es gebe zu viele Krankenhäuser, es werde zu viel operiert, Prävention stehe zu wenig im Fokus, und die Pflegekonzepte seien ineffizient. „Wir verbrennen unendlich viel Geld“, sagt Thies im Film. Er war selbst einmal Krankenpfleger. Und er hat den Frust erlebt und das Jammern gehört, weil so vieles nicht funktioniert. Weil aber nichts bewegt, wer nur jammert und selbst nichts verändert, hat er die Seite gewechselt und sich in eine Position gebracht, in der er selbst Entscheidungsgewalt hat. Seit 2008 sitzt er in Eisenberg am Ruder. Was er hier bewegt, soll zeigen, dass „es“ geht, dass Veränderung aus dem Mikrokosmos Krankenhaus heraus möglich ist.

Keine Krankenhausplanung von der Stange

Die Waldkliniken sind ein kommunales Kreiskrankenhaus mit Versorgungsauftrag für die Region und gleichzeitig ein Fachkrankenhaus für Orthopädie. Sie zählen 236 Betten, 13 davon für Privatpatienten. Für Thies gelten dieselben Gesetze und Vorgaben wie für alle anderen Krankenhaus-Lenker, mehr Geld als sie hat er auch nicht. Trotzdem habe das neue Bettenhaus, das so sehr bestaunt wird, nicht mehr gekostet als ein gängiger Krankenhausneubau in gleicher Größe, das betont Thies gerne und immer wieder. Er hat bewiesen, dass sich ein anderes Haus zum gleichen Preis bauen lässt. Statt auf die übliche Krankenhausplanung von der Stange zu setzen, hat er sich dafür zum Beispiel im deutlich günstigeren Hotelsegment bedient. Bei ihm ist eben kaum etwas von der Stange. Es ist individuell, es sind Lösungen, die er sich von anderen abgeschaut und dann mit seinem Team und Partnerfirmen weiterentwickelt hat. „Es geht, auch wenn es saumäßig anstrengend ist“, sagt Thies, als er bei der Berlin-Vorführung des Films auf der Bühne steht. Warum also sollte, was in Eisenberg möglich ist, nicht auch bundesweit möglich sein?

Wird der Patient nach der Thies-Theorie zum Gast und fühlt sich wohler, weil der Krankenhausaufenthalt Züge einer Wellness-Zeit bekommt, braucht er zum einen weniger Schmerzmittel und wird auch schneller gesund. Gleichzeitig sorgen Thies‘ ausgefallene Ideen dafür, dass auch Patienten von weit her auf das Haus in Thüringen aufmerksam werden und sich bewusst für eine Behandlung im Saale-Holzland-Kreis entscheiden. Das ist sein Weg, sich im Wettbewerb der chirurgischen Häuser langfristig sein Stück am lukrativen Kuchen zu sichern. In erster Linie bleibt auch Thies Geschäftsführer, der seinem Haus schwarze Zahlen und vor allem das Überleben sichern will. Denn wird seine Vision vom neuen deutschen Gesundheitssystem wahr, wird es in der Republik deutlich weniger Kliniken geben.

Neid bei manch anderem Klinikchef

Das mag ein wesentlicher Grund sein, warum Thies nicht im Schulterschluss mit anderen Klinikmanagern kämpft. Die meiden ihn oder suchen zumindest nicht seine Nähe. „Sie grüßen mich, mehr aber auch nicht“, sagt er und nimmt es mit einem Schulterzucken. Irgendwie steht ihm die Rolle als exotischer Einzelkämpfer auch. Würden sie gemeinsame Sache machen, „dann müssten wir ja untereinander entscheiden, welches Haus künftig schließen muss“, sagt Thies. Wirklich vorstellbar scheint das nicht. Bei manch anderem Klinikchef mag auch Neid mitschwingen. Thies setze in Eisenberg um, was viele wohl gerne selbst umsetzen würden, sagt eine Politikerin, die ihn seit Jahren eng begleitet und schätzt: „Einige sind sicher eifersüchtig. Aber man muss es eben machen – und man muss es auch können.“

Wie sehr er manch einen vor den Kopf stößt, dass seine Art und sein Anspruch auch die Mitarbeiter häufig überfordern, das ist Thies sehr wohl bewusst. Er will viel und am liebsten alles gleichzeitig. Dabei auch mal über Grenzen hinauszugehen – für ihn gehört das dazu. Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke) hat das bei der Bettenhaus-Eröffnung launig so formuliert: „Den Thies kann man vorne reinlassen und dann rausschmeißen, dann kommt er auf der anderen Seite wieder rein. Es ist also sinnlos – reden sie gleich mit ihm…“

Großraumbüros für Chefärzte

Der Mann lässt nicht locker, sucht den Kontakt zu den politischen Entscheidern im Bund, im Land und in der Kommune. Er fordert, provoziert und hinterfragt. Auf der Suche nach neuen Konzepten spitzt er gerne zu – und scheut auch nicht davor zurück, etwa die Privilegien und Statussymbole von Chefärzten infrage zu stellen. Ginge es nach ihm, hätten sie längst keine eigenen Büros mehr – stattdessen möchte Thies ihnen am liebsten Großraumbüros verordnen. So weit ist er auch in Eisenberg noch nicht. Aber er arbeitet daran und will Vorbild sein. Wenn genug Geld zur Verfügung steht – „förderfähig ist das ja nicht“ – soll zunächst seine Verwaltung umgebaut und umgestaltet werden. Dann wird auch der Chef kein eigenes Büro mehr haben.

Wer ihn nach dem ausgefeilten Plan dahinter fragt, erntet ein Kopfschütteln. Thies ist einer, der Gelegenheiten wahrnimmt, wenn sie sich ihm bieten. Das hat ihn nicht nur auf die große Leinwand gebracht, so ist er jetzt auch noch Co-Autor geworden. Parallel zum Film ist das Buch „New Work in der Medizin“ erschienen, initiiert von der Change-Expertin Vera Starker. Als sie die Idee zu dem Buch hatte, hat sie nicht nur die Ärztin Mona Frommelt als weitere Autorin gewonnen. Sie ist auch auf Thies aufmerksam geworden, hat ihn angesprochen und überzeugt. David-Ruben Thies auf allen Kanälen, im Kino und auf 250 Buchseiten – alles für die Botschaft.

Olivenbäume statt Systemumbau

Er selbst ist trotzdem Realist genug. „Die Politik müsste sich zu einem deutlichen Umbruch entscheiden, aber das Ergebnis werde ich nicht mehr erleben“, sagt er. Der Umbau des Systems in den Niederlanden oder Dänemark etwa habe rund zehn Jahre gedauert – „und bei uns hat ja bislang niemand die wirklich große Reform vor“. Eisenberg jedenfalls möchte er bis zum Ende seines Arbeitslebens treu bleiben und dort „jetzt erst einmal alles zum Fliegen bringen“. Durch die Corona-Pandemie „können wir immer noch nicht richtig zeigen, was wir tun“, sagt er. Das schmerzt ihn. Und auch die digitale Patientenakte der WKE läuft noch nicht wie eigentlich vorgesehen. Gleichzeitig baue er mit Verwaltungsdirektorin Marie Köhler schon jetzt seine Nachfolgerin auf.

Am Ende zeigt „Vier Sterne Plus“ dann auch noch den etwas ruhigeren David-Ruben Thies. Im April 2021 verabschiedete er sich in ein Sabbatjahr. Sechs Monate lebte er völlig zurückgezogen in der Toskana, kümmerte sich um Olivenbäume und Zypressen. Es war die erste Auszeit dieser Art, doch sie soll sich wiederholen. Alle drei Jahre ein halbes Jahr, so hat er es sich jetzt in seinen Vertrag verhandelt. Auch ein Energiebündel muss von Zeit zu Zeit aufladen.

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