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ModulbauweiseWas Klinikplaner von Aldi und Lidl lernen können

Der Kostendruck im Gesundheitswesen ist in aller Munde. Trotzdem leisten sich Kliniken bei jedem Neu- oder Umbau den Luxus eines Unikats. Dabei ließen sich mit Lösungen von der Stange eine Menge Geld sparen und bessere Ergebnisse erzielen. Nicht hipp, aber zweifellos zweckmäßig.

Uniklinik Greifswald Modulbau
Kleusberg

Ein Teilbereich der Uniklinik Greifswald – modular errichtet und nicht von einem konventionellen Gebäude zu unterscheiden.

Augenblicklich starten viele Baumaßnahmen im Gesundheitswesen permanent am Punkt Null. Ein steter Strom neuer Architekten entwickelt Krankenhäuser und versucht, damit sich, Landräten, Bürgermeistern und anderen Trägern ein Denkmal zu setzen. Die Produkte dieser Entwicklungsarbeit sind sehr oft „besonders“. Zum Leidwesen der späteren Nutzer nur leider nicht immer funktional, mitunter nicht mal regelkonform. Erfahrungen von anderen Architekten, die bereits zu guten Ergebnissen führten, werden selten genutzt. Stattdessen wird das Krankenhaus laufend neu erfunden – in vielerlei Spielarten und für teures Geld. Eine kontinuierliche Evaluation, die auf Bewährtes zurückgreift und Schritt für Schritt Spitzenergebnisse ermöglichen könnte, findet nicht oder nur rudimentär statt.

Discounter machen es vor

„Wenn Krankenhausbaumaßnamen – meist später und teurer als geplant – fertiggestellt werden, wird nur selten hinterfragt, was gut und was weniger gut gelaufen ist, was die neuen heiligen Hallen auszeichnet und was nicht. Dann ist man erst mal nur froh, dass man es überhaupt gepackt hat“, berichtet Horst Träger, Präsident der Fachvereinigung Krankenhaustechnik e.V. (FKT) und Technischer Leiter der Universitätsmedizin Rostock. Kritische Stimmen wolle zu diesem Zeitpunkt niemand hören, sagt er und sieht hier beachtliches Verbesserungs- und Einsparpotenzial.

„Diskounter und Supermarktketten machen es uns vor. Nach einer Fertigstellung quasi übers Wochenende finden Kunden bei Aldi und Lidl ihre Lieblingsschokolode mit schlafwandlerischer Sicherheit am immer selben Ort. Schick ist das nicht, dennoch könnten wir uns von dieser Vorgehensweise einiges abschauen“, so Träger. Er hat dabei vor allem die universell einsetzbaren Baupläne der Discounter im Blick, die Supermärkte im Baukastenprinzip errichten – ganz unabhängig davon, wo der Markt errichtet wird. Vergleichbare Prototypen für unterschiedliche, in jedem Krankenhaus anzutreffende Bereiche wie Bettenzimmer, OPs, Röntgenräume und andere Funktionseinheiten wären auch im Gesundheitswesen machbar.

Zu der aufwendigen Planung gesellen sich im Krankenhausbau Probleme bei der Umsetzung. 985 Mängel habe er vor Kurzem bei der Abnahme eines neuen Bettentrakts mit nur 900 Quadratmetern festgestellt, berichtet Träger. Die Ergebnisqualität leide unter dem Fachkräftemangel. Qualifizierte Handwerker für Bau und Technik zu finden, werde immer schwieriger. Selbst das Abschöpfen von Fördermitteln, die der Bund für Energieeffizienzmaßnahmen oder derzeit für den Corona-konformen Umbau von Lüftungsanlagen zur Verfügung stellt, werde durch den Fachkräftemangel erschwert.

Weniger Pfusch durch Serienfertigung

Einen möglichen Ausweg aus diesem Dilemma sieht er im Modulbau. Ähnlich wie auch in der Automobilindustrie wird hier nach vorgegebenen Standards in Serie gefertigt. Bauarbeiter und Handwerker aus unterschiedlichen Gewerken verrichten in Fertigungsstraßen optimal aufeinander abgestimmt immer gleiche Tätigkeiten. Schlechtes Wetter gibt es in der Halle nicht. Bauzeiten werden so um 40 bis 50 Prozent verkürzt und die Fehlerwahrscheinlichkeit erheblich reduziert.

Dazu komme der besondere Charme, dass beim Modulbau ein Großteil der lärm- und schmutzintensiven Tätigkeiten von der Baustelle in die Fabrikhalle verlagert wird. Das alles mit Kosten- und Planungssicherheit. Prototypen für bis ins Detail optimierte Patientenzimmer und Funktionsbereiche ließen sich auf diese Weise schnell und in gleichbleibend hoher Qualität verwirklichen.

Dazu kommt: Building Information Modeling (BIM) und BIM2FM – die Nutzung digitaler Planungsdaten für den späteren Betrieb – seien im Modulbau längst gelebter Alltag. Der erklärte politische Wille zur Digitalisierung des Baugeschehens sei damit schnell erfüllbar, so Träger. In der Regel übernähmen Systembauer sogar den nachhaltigen Rückbau abgewohnter Gebäudeteile. Optisch seien Modulgebäude von konventionell errichteten nicht mehr zur unterscheiden. Da fragt man sich doch: Warum baut man Krankenhäuer überhaupt noch konventionell?

Prototypen gehen auch konventionell

„Mich stört im Modulbau die eingeschränkte Flexibilität, zum Beispiel bei einer späteren Umnutzung“, erklärt Matthias Vahrson. Der frisch gekürte neue Vizepräsident der Fachvereinigung Krankenhaustechnik e.V. (FKT) sieht Systemgebäude deshalb kritisch. Außerdem seien diese häufig teurer als konventionell errichtete Gebäude. Als Leiter des Bereichs Baumanagement bei der FACT GmbH, einer Tochter der Franziskus-Stiftung, deren Aufgabenschwerpunkt das Technikmanagement für die stiftungseigenen Häuser ist, hat er es zum Großteil mit Umbaumaßnahmen im Bestand zu tun.

Das sei Alltag in deutschen Krankenhäusern und mache den Löwenanteil aller Bautätigkeiten im Gesundheitswesen aus. Da sei es schwer bis unmöglich, in der Halle vorzuarbeiten. Alltag sei darüber hinaus, dass beim Bauen im Gesundheitswesen Vorgaben auch während der Errichtungsphase immer noch mehrfach geändert werden. „Wir reagieren bis zum Schluss sehr offen auf neue Anforderungen. Im Modulbau ist diese Erwartung von Bauherrenseite nicht oder nur bis zu einem gewissen Grad erfüllbar.“ Ob das nun gut oder schlecht sei, könne man diskutieren, räumt Vahrson ein.

Horst Träger betrachtet es als einen klaren Vorteil des Modulbaus, dass sich die späteren Gebäudenutzer ab einem gewissen Zeitpunkt auf Lösungen festlegen müssen. Das ständige Umplanen verteuere und verzögere Baumaßnahmen im Gesundheitswesen nämlich zusätzlich. Da jede auch kleinste Umplanung einen Rattenschwanz an weiteren Änderungen nach sich ziehe, entstünden dadurch zudem meist Folgefehler, die vorher keiner im Blick hatte. Da sei es doch gut, wenn man dieser Praxis, erst während der Bauphase richtig nachzudenken, mit einem stichhaltigen Argument einen Riegel vorschieben könne.

Also alles eine Frage der Philosophie? Ja und nein, resümieren die FKT-Präsidenten. Vielmehr müsse man im Einzelfall entscheiden, wo welche Vorgehensweise am sinnvollsten ist. Dass man durch Prototypen für immer wiederkehrende Raumgruppen das Baugeschehen im Gesundheitswesen erheblich optimieren könnte, sei aber universal gültig – egal ob im Modul- oder konventionellen Bau, beim Umbau im Bestand oder beim Errichten neuer Gebäude.

Als Mitglied der DIN-Arbeitsgruppe „Temporäre medizinische Einrichtungen“, erarbeitet der neue FKT-Vizepräsident, Matthias Vahrson, aktuell Standards für Krisenkrankenhäuser wie die Corona-Klinik auf dem Gelände der Berliner Messe. In Anlehnung an die DIN 13080 „Gliederung des Krankenhauses in Funktionsbereiche und Funktionsstellen“ werden in diesem Gremium standardisierte Bereiche definiert, Flächenansätze und Mustergrundrisse erarbeitet. Darauf aufbauend könnten solche Vorgaben bis hin zu Prototypen für die wichtigsten Bereiche auch in dauerhaft genutzten Gesundheitseinrichtungen entstehen.

Raffinesse mit Zweckmäßigkeit koppeln

Temporäre Bauten ist das Stichwort, bei dem der Geschäftsführer des Bundesverbands Bausysteme e.V., Günter Jösch, einhakt. Übergangslösungen sind ein bedeutsames Einsatzgebiet der Raumsystem-Hersteller: Teilbereiche einer Klinik werden zum Beispiel in sogenannten Containern untergebracht, während anderswo konventionell neue Gebäudetrakte errichtet werden. Der Begriff Container beschreibt dabei nur unzureichend, um was es sich tatsächlich handelt: In einzelne Raumsysteme zurückbaubare funktionale und durchaus ansehnliche Systemgebäude. Ihr wichtigstes Alleinstellungsmerkmal besteht bis jetzt darin, dass sie schnell auf- und wieder abgebaut sowie von A nach B transportiert werden können.

„Ergänzend zu Interimslösungen bieten viele Modulhersteller Gebäude aus Stahl, Holz oder Beton, die ebenfalls industriell vorgefertigt und auf der Baustelle lediglich zusammengefügt, mit einer Außenfassade versehen und mit den Medienanschlüssen verbunden werden“, erzählt Jösch. Diese Modulgebäude für die dauerhafte Nutzung seien in Qualität, Nutzungsdauer und Ausstattung vergleichbar mit konventionellen Bauwerken. Schon im Unterschied bei der Errichtung würden die Vorteile klar hervorgehen, urteilt der Bauexperte. Die Planung muss danach komplett abgeschlossen sein, bevor mit der Produktion der Module begonnen wird. Eine permanente Kontrolle sichere die gewünschte Qualität. „Zeitgleich werden vor Ort die Zuwegungen, Medienanschlüsse usw. hergestellt, sodass mit der Anlieferung und dem Zusammenfügen der einzelnen Module vor Ort die kurze Bauzeit eher als Ereignis zu sehen ist“, sagt Jösch.

Die Zukunft sieht er in hybriden Gebäuden. „Modular gebaute lassen sich wunderbar mit konventionell errichteten Komplexen kombinieren und so Raffinesse und Individualität mit Zweckmäßigkeit koppeln. Jeder sollte dabei das machen, was er am besten kann, und seine Grenzen kennen – Modulbauer ebenso wie konventionelle Baufirmen. Die Kosten konventioneller und in Modulbauweise errichteter Gebäude seien alles in allem identisch“, resümiert der Geschäftsführer des Systembauerverbandes. Die eigentlich höheren Kosten der Modulbauweise, die Vahrson als Nachteil ins Feld führte, mache der frühere Kapitalrückfluss durch die schnellere Fertigstellung wieder wett, argumentiert Jösch.

Prototypen im Fluss

Prototypen für zukünftige Krankenhäuser, sollte es sie tatsächlich geben, dürfen aber nicht in Stein gemeißelt sein. Anforderungen ändern sich, die im Krankenhaus eingesetzte Technik entwickelt sich rasant. Planer von Gesundheitseinrichtungen werden sich künftig beispielsweise mit den Erkenntnissen aus der Corona-Pandemie auseinandersetzen müssen. Um Abstands- und Hygieneregeln einhalten zu können, müssen Wartebereiche, Cafeterien und andere Gemeinschaftsräume möglicherweise dauerhaft großzügiger bemessen werden. Dafür sinkt im Zeitalter von Telemedizin und Homeoffice der Bedarf an Untersuchungsräumen und Büroflächen.

Auch das vieldiskutierte Einzelzimmer für alle wird nochmal auf den Tisch kommen. Der Einsatz von Pflege-, Transport- oder Putz-Robotern wird die Logistikflächenplanung verändern und Türen im Gesundheitswesen weitgehend automatisieren. Dazu gilt es, den Weg des Patienten durch das Krankenhaus so kurz wie möglich zu halten. Die Lösung besteht also in Prototypen, die laufend hinterfragt und weiterentwickelt werden – im großen Stil. Sie sollten Raum bieten für Individualität, entscheidende Details aber vorgeben.

Erschienen in kma 12/20  Jetzt kaufen!

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