Die Gesundheitswirtschaft ist eine Boombranche wie kaum eine andere in Deutschland. In der Branche, die neben Kliniken, Reha-Einrichtungen und Medizintechnik auch den Gesundheitstourismus und Wellness-Einrichtungen umfasst, wurden 2005 laut Bundesgesundheitsministeriums bundesweit 278 Milliarden Euro umgesetzt. Je nach Zählart arbeiten rund 5,4 Millionen Menschen in diesem Bereich. Vor allem das wachsende Verständnis für Prävention lässt den Gesundheitstourismus und Wellness-Bereich wachsen.
"Es reicht Urlaubern schon lange nicht mehr, zwischen Strandkorb und Gaststätte hin und her zu schlendern. Sie wollen in den Ferien etwas für ihren Körper tun", sagt Erwin Sellering (SPD), Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern, das deutsches Gesundheitsland Nummer 1 werden will. Immer mehr Kliniken und Hotels springen auf den Zug auf und wollen sich vom größer werdenden Kuchen eine Scheibe abschneiden. Die Folge ist ein scharfer Wettbewerb, in dem viele hoffen, mit einem Qualitätssiegel die Konkurrenz ausstechen zu können.
Das führt zu einem schwer überschaubaren Wildwuchs an Siegeln, entsprechend groß ist die Verunsicherung der Kunden, kritisiert der Chef des Kuratoriums Gesundheitswirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern, Horst Klinkmann. Die 6. Branchenkonferenz Gesundheitswirtschaft am kommenden Mittwoch und Donnerstag in Rostock trägt diesem Phänomen mit dem Motto "Qualität und Innovationen" Rechnung. Mehr als 600 Experten wollen prüfen, wie sich die Branche vor ihren eigenen Auswüchsen schützen und damit den wichtigen Bereich der Prävention stärken kann.
"Es klemmt an der Qualität im Gesundheitstourismus", betont Tagungspräsident Klinkmann. Alle Angebote müssten auf den Prüfstand und die guten dann möglichst schnell mit einem einzigen bundesweit gültigen Qualitätssiegel versehen werden. Das müsse die technische Ausrüstung und die Qualität der Dienstleistungen berücksichtigen, die Bewertung des Services müsse von der Ernährung über Therapie bis hin zu guten Betten reichen. Nur mit verbindlichen Aussagen könnten dann die Gesundheitsmanager mit den Krankenkassen in den Dialog treten, ob Teile der Kosten von denen übernommen werden können. "Das könnte den Gesundheitstourismus ankurbeln", sagt Klinkmann.
Dass an einer umfassenden Prävention kein Weg vorbeigeht, weiß auch Birgit Fischer, Vorstandschefin der Barmer GEK. Ihre Krankenkasse wie auch ihre Konkurrenz fördern ein besseres Gesundheitsbewusstsein und einen aktiveren Lebensstil der Mitglieder. "Aber die Menschen dürfen nicht bei allem, was sie vorhaben, gleich nach einem Geldgeber rufen,", wehrt sie das Ansinnen nach finanzieller Unterstützung des Gesundheitstourismus ab. Ein Urlaub im Sinne der Krankenkassen bedeute eine gesunde Mischung aus Aktivität und Entspannung. Wer dazu Anregungen und Konzepte brauche, könne das von den Kassen haben.
Auch bei der hohen Zahl von Qualitätssiegeln ist nicht mit einer schnellen Vereinfachung zu rechnen. Auf der Branchenkonferenz wird der Präsident des deutschen Tourismusverbands, Reinhard Meyer, das Projekt "innovativer Gesundheitstourismus" vorstellen. Darin geht es auch um die Suche nach den sogenannten "Best-Practice-Beispielen". Es soll zunächst ermittelt werden, was der Kunde will und braucht. Wie die Qualitätskriterien den Kunden später vermittelt werden sollen, ist noch nicht klar. Auf jeden Fall nicht mit dem nächsten Qualitätssiegel, betont Meyer. Dazu wäre Voraussetzung, dass alle Verbände mitspielen. Mit ersten Ergebnissen rechnet er im April 2011.




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