Man kann sie mit normalen Rollstühlen nicht transportieren, sie auf normalen OP-Tischen nicht operieren, ihnen mit normalen Manschetten nicht zuverlässig den Blutdruck messen. Sie stellen ungewollt ein Gesundheitsrisiko für die Mitarbeiter der Pflege dar, die sie mit Körperkraft bewegen oder aus dem Bett hieven sollen, damit sie gewaschen werden können, keine Druckgeschwüre bekommen, zur Toilette oder zur ärztlichen Behandlung gelangen können. Dabei brauchen diese Patienten medizinische Hilfe dringender als viele andere – und sie werden immer mehr: Menschen mit massivem Übergewicht.
Mit dem demografischen Wandel, besagen Prognosen, wird die Zahl der immer älteren und dickeren und dabei multimorbiden Patienten stetig und unaufhaltsam anwachsen – eine Entwicklung, auf die sich bisher offenbar nur eine Minderheit der deutschen Krankenhäuser eingestellt hat. Sowohl die technische Ausstattung als auch der Schulungsstand des Personals für einen professionellen Umgang mit Adipösen sei "flächendeckend extrem schlecht”, berichtet Dietmar Frenk, der als Unternehmensberater für betriebliches Gesundheitsmanagement regelmäßig in Kliniken unterwegs ist. "Wenn ein 180-Kilo-Patient kommt, dann wird halt improvisiert.”
"Ich sehe tagtäglich Dinge, da gruselt es mir”
Was "improvisieren” letztendlich bedeuten kann, schildert Frenk anhand eigener Erfahrungen aus seinen Vor-Ort-Terminen in Kliniken, die er auch im Auftrag der Berufsgenossenschaft BGW besucht. Da werden für einen adipösen Patienten zwei Betten zusammengebunden in der irrigen Annahme, sie könnten auch die doppelte Last aushalten, was aber nicht stimmt, weil der Patient ja auf der Ritze liegt, dem statischen Schwachpunkt. Da werden Patienten auf Rollstühle gesetzt, die unter ihnen zusammenzubrechen drohen. Da liegen Patienten plötzlich samt Toilettenbecken am Boden, weil das nicht auf dem Boden stand, sondern frei an der Wand montiert war. "Das passiert nicht tagtäglich”, sagt Frenk, "aber es ist eben leider auch keine Seltenheit. Ich sehe tagtäglich Dinge, da gruselt es mir.” Peter Kuhn, Geschäftsführer der Firma Ascuro Adicare, einem Spezialanbieter für Adipositasversorgung, sind Fälle bekannt, in denen Kliniken massiv Übergewichtige zum Wiegen in den Keller gebracht und auf die Kartoffelwaage gestellt haben. Seine Lageeinschätzung: "Dass der Anteil der morbide Adipösen mit einem BMI von über 40 in zehn Jahren um 75 Prozent zugenommen hat, spiegelt sich in der Reaktion der Einrichtungen nicht wider.” Was die nachhaltige Prävention im Pflegebereich betrifft, sei Deutschland im europaweiten Vergleich "noch ein Entwicklungsland”, urteilt die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA). Auch im Inlandsvergleich sind demnach ergonomische Lösungen, die körperliche Belastungen ausreichend senken könnten, im Gesundheitswesen weniger verbreitet als in anderen Branchen, konstatiert die Bundesanstalt – und dies, obwohl die Belastungen und Gefährdungen von Krankenhausmitarbeitern "in vielen Bereichen hoch, oft auch zu hoch” seien.
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