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Corona-PandemieRehabilitation auf Links gedreht

Die Corona-Pandemie zwingt die deutschen Rehakliniken, ihren Therapie-Alltag radikal umzubauen. Ein Wandel ist überfällig, doch nach der Phase des quasi verordneten Leerstands sind viele Häuser ohnehin angezählt.

Physiotherapie
Andrey Popov/stock.adobe.com

Symbolfoto

Therapiearbeit im Krisenmodus entwickelt sich für deutsche Reha-Manager zum Albtraum ohne absehbares Ende. Die Belastung für die Häuser ist enorm. Sie müssen Abstandsregeln einhalten, Gruppen verkleinern, die Verpflegung umorganisieren, patientennahe Behandlungen umstellen und ihr Angebot einschränken. Zudem dürfen sich stationäre und ambulante Patienten nicht begegnen, weshalb viele ambulante Behandlungen erst gar nicht stattfinden. Hinzu kommt deutlicher Mehraufwand beim Personal – vom medizinischen Team bis hin zu Service und Reinigung. Auch Corona-Tests für neue Patienten und Mitarbeiter verursachen zusätzliche Material-, Transport- und Laborkosten.

„Es wurde alles auf Links gedreht“, sagt Dr. Norbert Hemken, Vorstand des Verbunds Norddeutscher Rehakliniken (VNR): „Trotzdem arbeiten die Kliniken momentan nur mit einer Auslastung von 60 bis 80 Prozent, müssen aber 100 Prozent der Kosten stemmen.“ Die Crux dabei: Die Pflegesätze seien auf 95 Prozent Auslastung kalkuliert. Thomas Bublitz, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Deutscher Privatkliniken (BDPK), fordert für die Rehakliniken denn auch „einen angemessenen Corona-Zuschlag – am besten einen, mit dem ihre Leistungen bezahlt werden“. Das sei „sinnvoller und besser investiert als eine Leerstandspauschale“.

Hohe Mehrkosten

Regelrecht enttäuscht klingt Dr. André M. Schmidt angesichts der aktuellen Situation: „Nachdem uns in der Corona-Krise als Backup der Akuthäuser eine derart starke Rolle übertragen wurde, ist es für mich umso unverständlicher, dass wir von der Gesetzlichen Krankenversicherung und den politisch Verantwortlichen jetzt wieder vergessen werden“, klagt der Vorsitzende der Geschäftsführung von Median. Um eine sichere Reha zu gewährleisten, habe die Unternehmensgruppe – mit 120 Häusern größter privater Reha-Anbieter in Deutschland – zahlreiche Maßnahmen außerhalb des medizinisch-therapeutischen Bereichs getroffen. Das führe zu täglichen Mehrkosten zwischen 15 und 20 Euro pro Rehabilitanden, „die uns nicht erstattet werden“. Es brauche „ein klares Bekenntnis von Politik und Kostenträgern und eine eindeutige gesetzliche Grundlage“, fordert Schmidt.

Auch Norbert Hemken kann sich beim Thema Finanzen schnell in Rage reden. Insbesondere der Corona-Zuschlag von acht Euro pro Patient und Belegungstag für zusätzlichen Sachaufwand, den die Deutsche Rentenversicherung im Juli beschlossen hat, „bilde die Situation nicht annähernd ab“. Zudem sei der Kostendruck in den Verhandlungen, die jede einzelne Reha-Einrichtung mit jeder einzelnen Krankenkasse führen muss, unverändert. „Da findet Corona gar nicht statt“, ärgert sich Hemken.

Insgesamt ist der VNR-Vorstand überzeugt, dass sich „Reha generell ändern wird – bei Aufstellung, Geist und Trägervielfalt“. Je nach Dauer der Corona-Krise und der Art ihres jeweiligen Angebots „werden Einrichtungen auf der Strecke bleiben“, glaubt Hemken. Die 16 zumeist privat geführten und kettenunabhängigen Häuser mit knapp 4 300 Mitarbeitern, die sein Verbund vertritt, nimmt er von seiner Prognose zwar „ausdrücklich“ aus. Doch auch bei ihnen sei die Situation angespannt, denn die Krise nimmt Betten vom Markt: „Wir können nicht alle Patienten aufnehmen und müssen ablehnen.“

Lange Wartelisten

Das betreffe nicht nur die Reha als Heilverfahren ohne vorherigen Krankenhausaufenthalt, zum Beispiel bei Rückenproblemen. Auch bei den Anschlussheilbehandlungen (AHB), die spätestens innerhalb von 14 Tagen nach einem stationären Klinikaufenthalt beginnen müssen und branchenweit rund 40 Prozent aller Reha-Maßnahmen ausmachen, gebe es Engpässe. Allein im Reha-Zentrum am Meer in Bad Zwischenahn, dessen Geschäftsführer Hemken ist, bleiben coronabedingt 85 der 460 Zimmer leer. Lange Wartelisten und entsprechende Beschwerden seien die Folgen.

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