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Volle IntensivstationenVerlegungen in Berlin, Brandenburg und Bayern vorbereitet

Angesichts der steigenden Auslastung der Intensivstationen mit Corona-Patienten bereiten sich Berlin, Brandenburg und Bayern auf den Patiententransport in andere Bundesländer vor. Die Lage spitzt sich weiter zu.

Notfall
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Symbolfoto

Aufgrund der sich zuspitzenden Corona-Lage in den Kliniken soll in den nächsten Tagen eine größere Anzahl an Intensivpatient*innen in andere Bundesländer verlegt werden. Aktuell ist laut dpa die Rede von etwa 80 Patienten, die bis zum Wochenende verlegt werden sollen. Dazu sei inzwischen das sogenannte Kleeblatt-Konzept zur strategischen Verlegung von Intensivpatienten innerhalb Deutschlands aktiviert worden. Das teilte die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) in der Nacht zum 24. November 2021 mit.

Zweck der Kleeblatt-Konferenz, die sich täglich oder im Zwei-Tages-Rhythmus austauscht, ist es, eine bundesweite Verlegung von Corona-Patient*innen zu organisieren. Dabei geht es darum, freie Plätze und geeignete Transportmittel zu finden.  Unter dem Eindruck der ersten Corona-Welle hatten Bund und Länder im Frühjahr 2020 ein Konzept für die bundesweite Verlegung von Patienten entwickelt. Im September vergangenen Jahres wurde das sogenannte Kleeblattkonzept dann durch die Innen- und Gesundheitsminister beschlossen. Es sieht vor, dass zunächst innerhalb der fünf Regionen - West, Nord, Ost, Süd, Südwest - verlegt wird.

Wenn in einer dieser Regionen absehbar keine freien Plätze mehr vorhanden sind, wird im Austausch mit dem Gemeinsamen Melde- und Lagezentrum von Bund und Ländern beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) die Verlegung auch in andere Gebiete organisiert. Eine Fachgruppe des Robert Koch-Instituts berät dabei.

Bayern ist in der Notfall-Struktur das Kleeblatt Süd. Auch die ebenfalls besonders von Corona betroffenen Länder Thüringen, Sachsen, Berlin und Brandenburg haben den Angaben nach das Konzept aktiviert, sie gehören zum Kleeblatt Ost. Aktuell gab es zuletzt im Norden und in Hessen noch freie Kapazitäten.

Update:

Eine Sprecherin der Berliner Charité erklärte auf Anfrage, Berlin habe keine Anfrage zur Verlegung von Patienten in andere Bundesländer gestellt. Die Aufnahme schwerstkranker Covid- Patienten in der Charité, die dringend eine Beatmung benötigen, sei sichergestellt.

Über 1000 Intensivpatienten in Bayern

Die Zahl der Intensivpatienten hat in Bayern am 24.11.2021 mit über 1000 einen Höchststand erreicht. Zunächst war noch offen, welche bayerischen Kliniken betroffen sein könnten. Das LMU Klinikum, das nach eigener Aussage die meisten Covid-19-Intensivpatienten in der Landeshauptstadt behandelt, erweitere gerade seine Intensivkapazitäten deutlich und plane nicht, Patienten zur Behandlung in andere Bundesländer zu verlegen, teilte der ärztliche Direktor und Vorstandsvorsitzende, Markus Lerch, auf Anfrage mit.

„Das LMU Klinikum hat in den letzten Tagen und Wochen wiederholt mit Covid-19-infizierte Intensivpatienten aus anderen bayerischen Krankenhäusern übernommen, wann immer diese die Behandlung in einem Maximalversorger benötigten und soweit es die Intensivkapazitäten am LMU Klinikum erlaubt haben."

Der Pandemie-Beauftragte des Klinikums rechts der Isar der TU München, Christoph Spinner teilte mit, die Situation sei zwar angespannt. „Durch Verschiebung planbarer Operationen und Eingriffe kann die Akutversorgung von Covid-19 und Nicht-Covid-19 Patienten und Patientinnen derzeit jedoch weiter gewährleistet werden. Derzeit prüfen wir aufgrund der Aktivierung des Kleeblatt-Systems, welche Patienten und Patientinnen von den Intensivstationen verlegbar sind."

Lage schlimmer als vor einem Jahr

Neben den Infiziertenzahlen wächst auch die Zahl der Todesopfer schnell: In den vergangenen sieben Tagen starben in Bayern nach Daten der Münchner Ludwig-Maximilians Universität 432 Corona-Patienten - und damit innerhalb einer Woche mehr als im gesamten Oktober.

Die Intensivstationen sind mit einer höheren Zahl von Corona-Patienten konfrontiert als auf dem Scheitelpunkt der zweiten Corona-Welle Anfang des Jahres. Damals waren etwas über 900 Corona-Intensivpatienten in Behandlung. Am 24.11.2021 waren in exakt der Hälfte der 96 bayerischen Landkreise und kreisfreien Städte weniger als zehn Prozent der Intensivbetten frei, in zwanzig Kommunen gab es kein einziges freies Intensivbett.

In dieser Lage befinden sich viele Kliniken seit Wochen. Dabei ist der Anteil der Corona-Patienten in vielen Krankenhäusern immer weiter gestiegen, unter anderem weil planbare Operationen verschoben werden. Bayernweit ist nun mehr als ein Drittel der derzeit verfügbaren Intensivbetten mit Covid-19-Patienten belegt, den Großteil stellen nach wie vor die Ungeimpften. In manchen Kommunen ist die Lage extrem: So waren am Mittwoch 9 der 11 Intensivpatienten im Landkreis Augsburg Covid-Fälle, ein Bett war noch frei.

Hat die Politik zu wenig getan?

Erst vor kurzem hätte eine Verlegaktion den Rottal-Inn Kliniken in Niederbayern nach eigenen Aussagen sehr geholfen. Die Intensivbetten seien alle belegt, es gäbe keine Kapazitäten mehr. Der Vorsitzende, Bernd Hirtreiter, geht jedoch davon aus, dass wenn die Zahl der Corona-Patient*innen sich in den nächsten zwei bis vier Wochen verdoppeln würde, ein Verlegen von Schwerkranken nicht mehr möglich wäre.

Hirtreiter hält den Zustand in den Kliniken für ein kollektives Versagen der Politik. Im Sommer hätten sich die Politiker auf die Wahlen vorbereitet, da sei in Bezug auf Corona nicht viel passiert. Dabei hätte man Geimpfte schon nach vier bis fünf Monaten „durchboostern" müssen.

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