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Corona-PandemieKliniken in Not − Patientenverlegungen vorbereitet

Die steigenden Corona-Zahlen bringen die Kliniken an ihre Grenzen. Viele Intensivstationen sind ausgelastet. Zur Not müssen Patienten in andere Bundesländer gebracht werden. Münchner Ärzte warnen vor einem Klinik-Kollaps in der bayerischen Landeshauptstadt.

Operation
gornist/stock.adobe.com

Symbolfoto

Angesichts wieder steigender Corona-Infektionszahlen und einem damit einhergehenden erhöhten Patientenaufkommen spitzt sich die Lage in Deutschlands Kliniken erneut zu. Die Kapazitäten auf den Intensivstationen sind teilweise fast ausgeschöpft, planbare andere Operationen werden wie an der Charité bereits verschoben, Patienten finden unter Umständen in ihrer Nähe keine freie Klinik mehr und werden in andere Städte ihres Bundeslandes gebracht. Vor allem im Süden und Osten bereiten sich Kliniken auf die Verlegung von Patienten auch in andere Bundesländer vor, wie eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur ergab.

Allerdings sind die Aufnahmemöglichkeiten anderer Länder ebenfalls begrenzt. Sachsen-Anhalt etwa kann zwar noch Kranke aus dem eigenen Land versorgen - aber: „Es sieht so aus, dass man keine Kapazität hat, Patienten aus anderen Bundesländern aufzunehmen“, sagte ein Sprecher der Krankenhausgesellschaft.

Kleeblatt-Organisationsstruktur zur Bewältigung

Aus einem vertraulichen Bericht der Länder geht hervor, dass in Bayern und Baden-Württemberg bereits „täglich Verlegungen zwischen Krankenhäusern zum Ausgleich und zum Erhalt der Funktionsfähigkeit durchgeführt“ werden, wie die Zeitungen der Funke Mediengruppe berichten. „Im Norden gibt es noch Kapazitäten, im Süden sind sie praktisch aufgebraucht“, heißt es demnach im Bericht der länderübergreifenden Steuerungsgruppe des so genannten Kleeblattsystems zur Patientenverteilung bei regionaler Überlastung.

Die 16 Bundesländer sind in bundesweit fünf Gruppen (Kleeblätter) eingeteilt, die sich zunächst gegenseitig helfen sollen. Ist ein ganzes Kleeblatt überlastet, wird deutschlandweit verteilt. In Hessen und Bayern waren dem Divi-Intensivregister zufolge am Freitag nur noch 8,1 beziehungsweise 9,1 Prozent der Intensivbetten frei: 144 von 1788 Betten in Hessen und 282 von 3104 in Bayern.

DIVI sieht Politik in der Pflicht

Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) forderte mit Blick auf schärfere Corona-Gegenmaßnahmen ein entschiedenes Handeln der Politik. „Wir brauchen sehr zügig klare und der Lage angemessene Entscheidungen, und zwar für bundesweit einheitliche Regeln“, sagte Divi-Präsident Gernot Marx der Neuen Osnabrücker Zeitung. „Und wir brauchen eine klare Kommunikation der Entscheidungen und ein Ende der permanenten Streitereien, damit auch umgesetzt und eingehalten wird, was beschlossen worden ist.“

Blick in die Bundesländer

In Thüringen, dem Land mit der zweithöchsten Sieben-Tage-Inzidenz, ist die Lage vor allem in absoluten Zahlen dramatisch: Von den 637 Intensivbetten waren noch 82 frei. Zugleich hat das Land mit 23,9 Prozent (152) den höchsten Anteil an Corona-Patienten auf den Intensivstationen. Mitte der Woche hieß es bei der dortigen Krankenhausgesellschaft, Verlegungen von Patienten in andere Bundesländer gebe es noch nicht flächendeckend, es könne aber sein, dass Krankenhäuser in Grenzregionen das bereits machten. Die Steuergruppe für die Patientenverteilung schreibt den Funke-Zeitungen zufolge, die Lage werde „insbesondere in Thüringen als dramatisch eingestuft“.

Aber auch Sachsen richtet sich darauf ein, das Kleeblattprinzip wieder zu aktivieren und Patienten in Nachbarländer zu verlegen, wie der Geschäftsführer der Landes-Krankenhausgesellschaft, Stephan Helm, der dpa sagte. Das Land hat die höchste Sieben-Tage-Inzidenz und den zweithöchsten Anteil Corona-Patienten auf den Intensivstationen (22,1 Prozent). Von 1336 Intensivbetten sind noch 174 frei (13 Prozent).

Allerdings bildet Sachsen mit Thüringen, Sachsen-Anhalt, Berlin und Brandenburg ein Kleeblatt. Und in Thüringen ist die Lage noch dramatischer, Sachsen-Anhalt sieht sich an der Aufnahmegrenze und Berlin hatte am Freitag prozentual sogar noch weniger freie Intensivbetten (7,0) - so bleibt erstmal nur Brandenburg, wo die Lage noch halbwegs entspannt ist (17,4 Prozent freie Betten). Das Universitätsklinikum Leipzig verschiebt denn auch bereits nicht dringliche Operationen. Die Zahl der Operationen sei so um mehr als 30 Prozent verringert worden, teilte das Klinikum mit. Dringende Fälle werden jedoch weiter operiert. Auch Europas größtes Klinikum, die Berliner Charité, hatte ein solches Vorgehen bereits angekündigt.

Lage in Bayern besonders angespannt

Münchner Ärzte warnen bereits vor dem Klinik-Kollaps und drohender Triage. „Es ist fünf nach zwölf", sagte Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologie an der München Klinik Schwabing. Er betonte am 11. November 2021 in München, „dass die Notfallversorgung, wohlgemerkt in München, aber auch in Bayern, quasi an ihre Grenze kommt".

Auch Axel Fischer, Geschäftsführer der München Klinik, sprach von einer „Notlage" der Kliniken wegen der kritischen Corona-Situation. Man sei derzeit Herr des Pandemiegeschehens, sagte Fischer in München - aber nur „weil schon 50 Prozent unserer planbaren Operationen und Eingriffe heruntergefahren sind". Der Punkt einer Triage, also das Priorisieren von medizinischen Notfällen aufgrund von Mangel an Ressourcen, könne „innerhalb weniger Wochen" erreicht sein, „wenn jetzt nicht gegengesteuert wird".

Als Gründe hierfür nannte der Mediziner das aggressivere Verhalten der Delta-Variante, einen Nachlass der Immunisierung „insbesondere" bei den zu Jahresbeginn geimpften Personen und eine zu niedrige Impfquote in der Gesamtbevölkerung. „Wir wissen, dass in Deutschland 67 Prozent vollständig geimpft sind. Das reicht nicht. Wir müssen davon ausgehen, dass wir eine 85-prozentige Impfquote benötigen für die Gesamtbevölkerung", betonte Wendtner.

Kernproblem: Fehlendes Personal

Zu der zu niedrigen Impfquote kommt ein weiteres Problem: „Der größte limitierende Faktor, den wir momentan im Krankenhausbereich haben, ist das Personal“, erklärte der Geschäftsführer der Landes-Krankenhausgesellschaft Stephan Helm. Denn für jedes Intensivbett braucht es eine bestimmte Zahl medizinischen Personals. Und das Problem gibt es auch im etwas weniger belasteten Norden: „Verschärft wird die Lage aktuell dadurch, dass viele Kliniken ihre Intensivkapazitäten aufgrund eines Mangels an Pflegepersonal derzeit nicht vollumfänglich betreiben können“, hieß es bei der Krankenhausgesellschaft in Niedersachsen - wegen Kündigungen, Arbeitszeitverkürzungen und interne Stellenwechseln. „Ursache dafür sind die anhaltenden Belastungen des Personals durch die Corona-Pandemie.“

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