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UmfrageKliniken kämpfen mit Abwanderungen in der Intensivpflege

Eine Umfrage im Krankenhaus-Pool des Deutschen Krankenhausinstituts (DKI) hat ergeben, dass den meisten deutschen Krankenhäusern aktuell weniger Intensivpflegekräfte zur Verfügung stehen als noch Ende 2020.

Intensivstation
Michelle/stock.adobe.com

Symbolfoto

In fast drei Vierteln der deutschen Krankenhäuser mit Intensivbetten stehen aktuell weniger Intensivpflegekräfte zur Verfügung als noch am Jahresende 2020. Hauptgründe hierfür sind Kündigungen, interne Stellenwechsel oder Arbeitszeitreduktionen. Die Abwanderungen betreffen in gut einem Drittel der Kliniken bis zu fünf Prozent des Intensivpflegepersonals und in knapp 30 Prozent der Intensivbereiche zwischen fünf und zehn Prozent der Pflegekräfte.

Das ist das Ergebnis einer Umfrage im Krankenhaus-Pool des Deutschen Krankenhausinstituts (DKI), einem Online-Tool für Blitzumfragen zu tagesaktuellen Themen. An der Repräsentativbefragung beteiligten sich bundesweit 233 Krankenhäuser ab 50 Betten. Bei Fortschreiten dieses Trends drohen Einschränkungen beim Elektivprogramm der Krankenhäuser oder Sperrungen von Intensivbetten auch für Notfälle.

DKG fordert angemessene Gehälter

Für Dr. Gerald Gaß, Vorstandsvorsitzender der DKG, gehört weiterhin das Angehen des Pflegepersonalmangels zu den wichtigsten Aufgaben der Gesundheitspolitik und müsse ganze oben auf der Agenda der neuen Bundesregierung stehen. Jeder müsse verstehen, dass eine der höchsten Bettendichten der Welt und modernste Medizintechnik allein keine Kranken versorgen können.

„Politik und Krankenhäuser müssen gemeinsam alles dafür tun, dass der Pflegeberuf wieder attraktiver wird. Das funktioniert nur mit besseren Arbeitsbedingungen und natürlich guten Gehältern, die der hohen Verantwortung und Qualifikation angemessen sind. Für die politischen Rahmenbedingungen muss beispielsweise das Pflegepersonalbedarfsbemessungsinstrument schnellstmöglich umgesetzt werden. Aber auch Kliniken stehen selbst in der Pflicht, die Arbeitsbedingungen entsprechend zu verbessern und Ausbildungsanstrengungen noch weiter zu erhöhen“, erklärt Gaß.

Vor allem aber darf nicht übersehen werden, dass die aktuellen Verschärfungen in der Pflege auf pandemiebedingte Belastungen zurückzuführen sind. Diese Belastungen werden aktuell vor allem durch ungeimpfte Patienten verursacht, die in unverhältnismäßig hoher Zahl auf den Intensivstationen eingeliefert werden. Die Situation, die sich absehbar noch verschärfen wird, wäre also ohne großen Aufwand vermeidbar.

„Die starken Belastungen der Pflegekräfte dürfen sich nicht noch weiter verschärfen. Wir benötigen umgehend eine koordinierte Kampagne für Auffrischungsimpfungen und wirksame Schritte, um die Impfquote spürbar zu steigern. Denn die Belastungen auf den Intensivstationen sind eindeutig durch Ungeimpfte und leider zunehmend durch Impfdurchbrüche bei älteren Patienten verursacht“, so Dr. Gerald Gaß.

Baden-Württembergs Kliniken wollen Personaluntergrenzen aussetzen

Unterdessen ruft die Forderung der Baden-Württembergische Krankenhausgesellschaft (BWKG) nach dem flexibleren Einsatz von intensivmedizinischem Klinik-Personal bei steigenden Corona-Infektionszahlen Kritik von Gewerkschaftern hervor. Wenn Kliniken, von denen viele rote Zahlen schreiben, die Vorgaben unterschreiten, drohen ihnen laut BWKG empfindliche Strafen. Die Vorgaben müssten daher ausgesetzt werden, um gemischte Teams bilden zu können und insgesamt bei weiterem Anstieg der Fallzahlen noch möglichst viele Patienten versorgen zu können.

Die Gewerkschaft Verdi kritisierte die Forderung, da diese zu weiterer Arbeitsverdichtung führe. Die Verdi-Gesundheitsexpertin Irene Gölz sagte: „Wer fordert, die Personaluntergrenzen auszusetzen, ohne eine Entlastung zu schaffen, versucht die Probleme auf dem Rücken der Beschäftigten auszutragen." Nach den Mindest-Vorgaben kümmert sich in der Intensivmedizin und pädiatrischen Intensivmedizin in der Tagschicht eine Pflegekraft um zwei Patienten, in der Nachtschicht um drei.

Diese Personaluntergrenzen sollten lediglich eine gefährliche Versorgung verhindern, erläuterte Gölz. Ein wirklich entlastendes Konzept, orientiert am Pflegebedarf der Patienten, von Verdi, Deutschem Pflegerat und der Deutschen Krankenhausgesellschaft liege dem geschäftsführenden Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) seit Anfang 2020 vor, ohne dass er darauf reagiert habe. Das Personal leide nicht unter zu geringer Bezahlung - Intensivkräfte an Unikliniken verdienten bis zu 4600 Euro brutto -, sondern unter Stress. Um den Exodus aus dem Beruf zu verhindern oder Rückkehrer zu gewinnen, müssten mehr Stellen geschaffen werden. Bundesweit fehlten 100 000 Stellen.

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