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SLK-Kliniken HeilbronnStaatsanwaltschaft ermittelt gegen "Skandalarzt"

Holländische Medien nennen ihn „Dr. Frankenstein”, in Deutschland konnte er unentdeckt praktizieren – bis jetzt. Aufgeschreckt durch Medienberichte haben die kommunalen Kliniken der Region Heilbronn den Mediziner aus dem Dienst entfernt. Jetzt wird auch die Justiz aktiv.

Gegen den niederländischen Skandalarzt an einem Heilbronner Krankenhaus hat die Staatsanwaltschaft Vorermittlungen aufgenommen. Man prüfe den Vorwurf der fahrlässigen Körperverletzung, bestätigte ein Sprecher der Behörde am Montag. Am Freitag zuvor hatte der Klinikverbund SLK die Zusammenarbeit mit dem Mediziner für beendet erklärt. Er ist in den Niederlanden wegen früherer Fehldiagnosen angeklagt und soll bis zu 200 Patienten geschädigt haben. Der SLK-Verbund reagierte damit auf Berichte der Heilbronner Stimme und Anfragen des niederländischen
Fernsehsenders "NOS". Nach Darstellung der Klinik war der niederländische Mediziner als Assistenzarzt auf der Station tätig und stand damit in den für den Patienten relevanten medizinischen Entscheidungen ständig unter der Aufsicht von Chefarzt und Oberärzten. Als Stations- und
Konsilarzt habe er im Klinikum keine Eingriffe durchgeführt oder für die Patienten
kritische Therapien eingeleitet, heißt es in der Erklärung weiter. "Das Klinikum schließt daher derzeit mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit aus, dass Patienten in Heilbronn
geschädigt wurden. Dies wird in den kommenden Tagen anhand der Patientenakten
noch einmal verifiziert." Der Geschäftsführer der SLK-Kliniken Heilbronn, Thomas Jendges, zeigte sich "überrascht und geschockt".

Patienten in den Suizid getrieben
Der Mediziner soll in den größten medizinischen Strafprozess in der Geschichte der Niederlande verwickelt sein. Dem Mediziner wird schwere Körperverletzung in mindestens 21 Fällen vorgeworfen. Er soll von 1998 bis 2003 im Krankenhaus in Enschede bei Dutzenden Patienten unheilbare Krankheiten wie Alzheimer, Multiple Sklerose und Parkinson fälschlicherweise diagnostiziert haben. Sie waren zum Teil jahrelang mit schweren Medikamenten behandelt worden. Ein Patient habe Selbstmord begangen, nachdem ihm fälschlicherweise Alzheimer attestiert worden war. Bei mindestens 13 Patienten sollen aufgrund der falschen Diagnosen unnötig Gehirnoperationen ausgeführt worden sein. "Bei einem Mann wurde 12,5 Kubikzentimeter Hirngewebe entfernt", sagte Anwalt Yme Drost, der rund 200 mögliche Opfer vertritt.

2003 hatte das Krankenhaus in Enschede den Arzt entlassen, nachdem seine Abhängigkeit von Medikamenten bekannt worden war. Er soll auch Rezepte gefälscht und über 80 000 Euro veruntreut haben. Ein offizielles Disziplinarverfahren gab es nie. Auf Druck des Krankenhauses hatte der Arzt sich freiwillig aus dem Ärzteregister streichen lassen und darf daher seit 2006 nicht mehr in den Niederlanden praktizieren. Das Strafverfahren gegen den Mann ist ausgesetzt, da noch Zeugen aus Deutschland vernommen werden sollen.

Doch wie kam der Mann 2011 nach Heilbronn? Er sei der Klinik von einer Ärztevermittlungsagentur als Honorararzt angeboten worden, berichtete Jendges. Alle notwendigen Urkunden - einschließlich einer deutschen Approbation und einer Facharztanerkennung - hätten vorgelegen und keinen Anlass zur Skepsis gegeben. Der Mann habe zuvor schon an anderen deutschen Kliniken als Honorararzt gearbeitet. In einem Telefonat habe sich der Chefarzt bei einem Kollegen in Worms über den Mann informiert - jedoch nur über dessen Teamfähigkeit. Keines der drei deutschen Krankenhäuser habe vor der Beschäftigung des Mannes um Referenzen gebeten, sagte ein Sprecher des Medisch Spectrum Twente der niederländischen Nachrichtenagentur ANP.

Vorwürfe angeblich schon 2011 bekannt
Nach einem Bericht der Heilbronner Stimme sollen die in den Niederlanden erhobenen Vorwürfe gegen den Skandalarzt bereits 2011 im Klinikum bekannt gewesen sein. Diese seien aber damals nicht bis zur Geschäftsführung gelangt, sagte ein Sprecher der Klinik am Montag. Kurz nach Beginn der Tätigkeit des Mannes habe es einen Hinweis gegeben, dass der Arzt seine Zulassung zurückgegeben habe und es ein Verfahren gegen ihn gebe, sagte Geschäftsführer Jendges demnach. Die Personaldirektion habe aber entschieden, ihn weiter zu beschäftigen, da der Mann nicht verurteilt war und es auch keinen Haftbefehl gegeben habe. Wer genau im Klinikum von den Vorwürfen wusste, konnte Jendges nicht sagen. "Mir persönlich war es nicht bekannt."

Schon vor vier Jahren hatte der 67-Jährige in Nordrhein-Westfalen Schlagzeilen gemacht: 2009 berichtete die "Bild"-Zeitung, dass der Mann von einer Klinik in Bad Laasphe (Kreis Siegen-Wittgenstein) entlassen wurde, nachdem man dort von Journalisten auf die Ermittlungen in den Niederlanden aufmerksam gemacht worden war. "Bild" berichtete damals, der Mann sei in Bad Laasphe als Oberarzt und Neurologe tätig gewesen und nicht durch Fehler aufgefallen. Wahrscheinlich hatte der Arzt nicht unter seinem richtigen Namen gearbeitet.

Ministerin: "Klinik hätte nur googlen müssen"
Politiker, und Verbände von Ärzten und Patienten in den Niederlanden reagierten fassungslos: Es sei unvorstellbar, dass der Skandalarzt in Deutschland ungehindert praktizieren konnte. Hollands Gesundheitsministerin Edith Schippers wirft der Klinik in Heilbronn Nachlässigkeit vor: "Das Krankenhaus hätte seinen Namen nur ein Mal googlen müssen und dann hätten sie das große Elend gesehen", sagte die rechtsliberale Ministerin. "Wenn ein renommierter Arzt als Assistent arbeiten will, dann würde ich denken, dass das stinkt." Die sozialdemokratische Regierungspartei forderte eine europäische schwarze Liste, um solche Fälle zu verhindern. Es sei für die Niederlande unmöglich gewesen, die deutschen Behörden vorher zu informieren, versicherte Schippers. Grund seien die strengen Datenschutzbestimmungen in Deutschland und die Zuständigkeit der Bundesländer.

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