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Caritas Nordrhein-Westfalen„Tarifabschluss führt zu Fachkräfte-Kannibalismus“

Die Caritas warnt vor einer weiteren Zuspitzung des Fachkräftemangels beim Pflegepersonal in den nordrhein-westfälischen Krankenhäusern. Der kürzlich zwischen Verdi und den Universitätskliniken abgeschlossene „Tarifvertrag Entlastung“ führe zu einem „Fachkräfte-Kannibalismus“ unter den Kliniken.

Klinikpersonal
Sudok1/stock.adobe.com

Symbolfoto

Mit Blick auf die Auswirkungen des „Tarifvertrags Entlastung“ rechnet Esther van Bebber mit dem Schlimmsten. Der Vertrag sehe zwar Arbeitsentlastung für das Pflegepersonal der sechs Unikliniken vor, belaste damit jedoch indirekt alle anderen Krankenhäuser, sagt die Diözesan-Caritasdirektorin im Erzbistum Paderborn. „Wenn die Beschäftigten an den Unikliniken zusätzliche freie Tage erhalten, führt das dort automatisch zu einem höheren Personalbedarf, der in der aktuellen Situation nur durch Abwerbung von anderen Kliniken oder Pflegeeinrichtungen gedeckt werden kann“, befürchtet van Bebber.

Damit verschärfe sich in Nordrhein-Westfalen die Konkurrenz um das Personal. Dass untereinander Lücken gerissen würden, werde bewusst in Kauf genommen. „Dieser Tarifabschluss führt zu einem ‚Fachkräfte-Kannibalismus‘ unter den Kliniken“, warnt van Bebber. Die einzelnen Krankenhäuser könnten dem ohne strukturelle Lösungen nicht entkommen.

Um eine Ungleichbehandlung zu verhindern, muss sich eine Finanzierungszusage des Landes auf alle Krankenhäuser erstrecken.

Nach langem Streik hatten sich die Universitätskliniken in Nordrhein-Westfalen und Verdi am 19. Juli 2022 auf ein Eckpunktepapier zu einem „Tarifvertrag Entlastung“ geeinigt, der Anfang 2023 in Kraft treten soll. Das Land habe angekündigt, die Universitätskliniken bei der Umsetzung des Tarifvertrages finanziell zu unterstützen, sagt van Bebber. Vor dem Hintergrund der gesetzlich verankerten Trägervielfalt und im Sinne eines fairen Wettbewerbes unter den Krankenhäusern sei eine solche einseitige Finanzierungszusage nach Auffassung der Caritas in NRW schlicht Wettbewerbsverzerrung.

„Die Arbeit muss auf zusätzliche Schultern verteilt werden“

„Um eine Ungleichbehandlung zu verhindern, muss sich eine Finanzierungszusage des Landes auf alle Krankenhäuser erstrecken“, fordert van Bebber. Zusätzliche finanzielle Mittel des Landes müssten allen Krankenhäusern und deren Pflegekräften zugutekommen, unabhängig von deren Trägerschaft und Größe. Die Katholischen Krankenhäuser seien starke und gute Arbeitgeber, benötigten aber ebenso faire und gerechte Rahmenbedingungen.

„Das sind genau die strukturellen Herausforderungen rund um den Pflegeberuf, die die Politik lösen muss“, fordert die Caritas in NRW. Nachhaltige Investitionen müssten die Attraktivität des Berufes spürbar erhöhen und sowohl Ausbildung, Wiedereinstieg wie auch Verbleib in der Pflege möglichst attraktiv gestalten. „Dazu gehört die Entlastung aller Pflegekräfte, die nur gelingt, wenn die Arbeit auf zusätzliche Schultern verteilt wird“, so van Bebber. Dieses Mehr an Pflege-Schultern im gesamten Gesundheitssystem sicherzustellen, gelte es „im Konsens und nicht kannibalisch“ anzugehen.

Auch Uniklinik-Direktor befürchtet „Verdrängungswettbewerb“

Nach der Einigung der Kliniken mit Verdi hatte sich bereits Essens Uniklinik-Direktor Prof. Jochen A. Werner mit einer Warnung zu Wort gemeldet. Werner lobte, die Vereinbarung könne „Vorbildcharakter für Krankenhäuser in ganz Deutschland“ besitzen, allerdings befürchte er als Konsequenz der deshalb notwendigen Aufstockung des Personals an den Unikliniken einen „Verdrängungswettbewerb“ mit Folgen für das gesamte deutsche Gesundheitswesen.

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