Kliniken brauchen Pflegepersonal

Doch woher nehmen, wenn nicht stehlen?

Der zunehmende Mangel an Pflegekräften gestaltet sich immer auswegloser. Kliniken beginnen in der Not massiv Mitarbeiter bei der Konkurrenz abzuwerben.

Pflegepersonal im Krankenhaus

Foto: Fotolia (sudok1)

Pflegepersonal im Krankenhaus

Durch die norddeutsche Presse gingen im August markige Schlagzeilen: Von „akutem Pflegenotstand“ und „Kannibalismus unter Kliniken“ war die Rede. Stationen, die schließen und Operationen, die abgesagt werden müssen. Kliniken, die massiv versuchen, Mitarbeiter abzuwerben, und Prämien ausloben, wenn haus­eigene Kräfte Kollegen aus anderen Häusern vermitteln.Das kann doch keine Lösung sein!

Laut Mathias Eberenz, Sprecher der Asklepios-Gruppe, „kann man derzeit noch nicht von einem Pflegenotstand sprechen“. Christian de la Chaux, Pflegedirektor des Friedrich-Ebert-Krankenhauses, sieht das anders und bezeichnet die Situation als dramatisch. „Und die Lage wird sich in der nächsten Zeit noch verschlechtern“, ist sich de la Chaux sicher. Allerdings handelt es sich nicht nur um ein punktuelles Problem, denn Personalmangel herrscht im gesamten Bundesgebiet.

Die derzeitigen Probleme sieht Patricia Drube vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe (DbfK) vor allem in den Versäumnissen der Vergangenheit: „Es gibt einfach keine ausreichende Datenlage. Zahlen über vorhandene Pflegekräfte bzw. den Bedarf an Pflege­kräften gibt es nicht.“ Zwar sind endlich Ansätze da, aber die Frage, warum damit so lange gewartet wurde, steht nun übergroß im Raum. „Der Vergleich soll nicht anmaßend klingen, aber letztlich wundere ich mich, dass es in Schleswig Holstein exakte Zahlen über landwirtschaftliche Tierbestände gibt, aber keinerlei Referenzgrößen über Pflegepersonal“.

Ursachen für den Mangel an Pflegekräften

Der Pflegeberuf geht mit einer hohen Verantwortung einher. Mitarbeiter müssen immer mehr leisten und das steigende Arbeitspensum wird auf immer weniger Schultern verteilt. „Aber den Weg, über drastische Abwerbe­aktionen zu gehen, halte ich für völlig falsch. Der Kuchen wird ja dadurch nicht größer“, macht Mathias Eberenz deutlich. „Auch in der geforderten Quotenregelung sehe ich kein Potenzial. Es müssen gesellschafts­politische Lösungen gefunden werden“, so Eberenz weiter. Doch Lösungswege scheinen nicht in Reichweite.

Oliver Grieve, Pressesprecher des UKSH, ist der Überzeugung, dass der bundesweite Pflegemangel die Arbeitsbedingungen der Pflegekräfte verschlechtert hat. Die Zahl der Bewerbungen von Pflegekräften sinkt und weil der Personalmarkt leergefegt ist, musste auch im UKSH eine Station kurzfristig schließen, deren Betten auf andere Einheiten verteilt und bei einer anderen die Betten reduziert werden. „Inzwischen sind aber wieder alle am Netz“, so Grieve.

„Politische und gesellschaftliche Fehlentwicklungen haben zu dieser Krise geführt“, sagt Michael van Loo, Personalleiter am UKE Hamburg. Er sieht zudem Marketingdefizite und ist der Meinung, dass viele Probleme im wahrsten Sinne des Wortes „haus­gemacht“ sind. Die Personalpolitik sei mangelhaft und ein Employer Branding kaum vorhanden – Kliniken hätten­ es massiv versäumt, sich als attraktive Arbeitgeber darzustellen. Barbara Napp, Pflegerische Zentrumsleitung, Universitäres Herzzentrum Hamburg, fügt hinzu: „In den letzten Jahren wurden die Ausbildungskapazitäten immer mal wieder verändert. Die Auswirkungen treffen uns jetzt.“

Doch wie kann man dem entgegenwirken, wie die vorhandenen Pflegekräfte halten und den Nachwuchs für den Beruf gewinnen? „Pflegekräfte brauchen Wertschätzung, Anerkennung und generell bessere Arbeits­bedingungen, wie z.B. Teilzeit­modelle, hauseigene Kitas, Sport- und Erholungsmöglichkeiten“, meint Mathias Eberenz. „Für junge Menschen muss dieser Beruf wieder lohnenswert werden.“

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