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PflegepersonalbemessungsinstrumentNeues Instrument zeigt höheren Personalbedarf als bisher angenommen

DKG, Verdi und DPR haben Anfang der Woche Gesundheitsminister Jens Spahn ihr gemeinsam erarbeitetes Instrument zur verbindlichen Bemessung des notwendigen Pflegepersonalsbedarfs und der Pflegepersonalausstattung vorgestellt.

Pflegepersonal im Krankenhaus
Foto: Fotolia (sudok1)

Symbolfoto

Damit haben sie – entgegen vieler Unkenrufe – ihren selbstgesetzten Auftrag aus der Konzertierten Aktion Pflege (KAP) fristgerecht erfüllt.

Die Tatsache, dass sich drei Verbände mit sehr unterschiedlichen Interessen geeinigt haben, zeigt den Ernst der Lage. Das betont Franz Wagner, Präsident der Deutschen Pflegerates (DPR), bei der Vorstellung des neuen Pflegepersonalbemessungsinstrumentes (PPR). „Unsere Herausforderung war es, einen Balanceakt zu finden zwischen zuverlässiger Erfassung von Versorgungsbedarfen und einer raschen und unbürokratischen Umsetzbarkeit.“ Das entwickelte Instrument basiere auf der Pflegepersonalregelung (PPR) der 1990-er Jahre und folge dem sogenannten Ganzhausansatz. Dabei werde nicht abteilungs- oder schichtbezogen gerechnet.  

Die neue PPR 2.0 bemisst zwar – wie einst die PPR – Minutenwerte des Pflegebedarfs, ist aber an wesentlichen Stellen mithilfe von Pflegewissenschaftlern und -experten weiterentwickelt worden: Zum einen ist der Grundwert, also der Minutenwert, für alle Patienten angehoben worden. Auch der einmalig anfallende Fallwert, der sich im Zusammenhang mit Aufnahme und Entlassung ergibt, wurde angepasst. Zum anderen erfasst das Instrument die Versorgung am Tag, definiert in der Zeit zwischen 6 und 22 Uhr – früher fing die Nachtschicht bereits um 20 Uhr an.

Personalbedarf wesentlich höher als bisher festgelegt

Mit den PPR 2.0 werden Pflegeleistungen weiterhin strukturell in zwei Säulen unterteilt: die allgemeine Pflege (AP) und die spezielle Pflege (SP), die sich wiederum jeweils in vier Stufen gliedern. Der Pflegekomplexmaßnahmen-Score (PKMS) wird durch eine Stufe A4 abgelöst und „bleibt dadurch von seiner Wirkung her auch erhalten“, so Wagner. Herangezogen wird dafür der Barthel-Index, der die Fähigkeiten des Patienten bewertet. Und es wurde eine neue Stufe S4 geschaffen für besonders hohen Aufwand, „um unter anderem auch die pflegerische Übernahme von ärztlichen Leistungen abzubilden, die mit einem Aufwand oberhalb der Stufe S3 liegen“. Es wird im Gegensatz zur früheren Pflegepersonalregelung auch berücksichtigt, welche Maßnahmen erforderlich sind, nicht welche erbracht wurden.  

Ein Pretest an 44 Krankenhäusern hat gezeigt, dass der Personalbedarf bei Anwendung des neuen Pflegepersonalbemessungsinstruments wesentlich höher ist, als jetzt durch die Pflegepersonaluntergrenzen (PPUG) festgelegt. Demnach würden schätzungsweise 40 000 bis 80 000 Stellen fehlen. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) gehe eher von der unteren Grenze, also 40 000 neuen Pflegestellen aus, so DKG-Chef Dr. Gerald Gaß. Verdi tendiere eher zu den 80 000. Ungeklärt bleibt die Frage, mit wem diese neuen Pflegestellen besetzt werden sollen. Denn auch jetzt werde schon jede zusätzliche Pflegekraft finanziert, die eingestellt wird, erklärt Gaß weiter: „Der Arbeitsmarkt Pflege ist aber einfach leergefegt.“ Die drei Player wollen das Problem lösen, indem sie vor allem junge Menschen für den Pflegeberuf gewinnen. Zudem wollen sie Zehntausende aktivieren, die den Beruf zwar gelernt haben, aber derzeit aufgrund unattraktiver Arbeitsbedingungen nicht mehr ausüben. Diese „stille Reserve“, wie Wagner sie nennt, sei momentan das Mittel zur Wahl, um schnell viele Pflegekräfte zu generieren.  

Gesundheitsminister Jens Spahn hat am 13. Januar die drei Verbände bei sich im Haus empfangen und zugesichert, dass er das neue Pflegepersonalbemessungsinstrument schnell prüfen lasse wolle. Sylvia Bühler, Mitglied des Verdi-Bundesvorstandes, beschreibt die Situation wie folgt: „Der Ball liegt jetzt im Spielfeld des Bundesgesundheitsministeriums. Er muss jetzt nur noch aufgegriffen werden.“ Gaß unterstreicht dabei, dass es angesichts der Ausgliederung der Pflegekosten aus den DRG und der ministeriellen Zusage, zusätzliche Pflegestellen zu finanzieren, „keinen Anreiz mehr für Krankenhäuser gibt, an der Pflege zu sparen.“

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