"Die Firmen müssen sich nun besser vorbereiten, um den tatsächlichen Nutzen ihrer Medikamente zeigen zu können", sagte Martin Schloh, Partner im Bereich Pharma & Healthcare Consulting bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PWC). Am Donnerstag fand in Berlin eine Anhörung von fünf Pharmaverbänden mit dem Bundesgesundheitsministeri um zum Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz (AMNOG) statt. Neben dem Vfa, dem Verband der forschenden Pharma-Unternehmen in Deutschland wird auch der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) teilnehmen.
Künftig können Hersteller für neue Präparate den Preis bestenfalls nur noch für ein Jahr selbst festlegen und das auch nur dann, wenn das Medikament einen Zusatznutzen gegenüber eingeführten Präparaten und Therapien vorweist. Der medizinische Nutzen der meisten Mittel ist bisher schwer abzuschätzen, die Wirksamkeit oft begrenzt oder schlecht belegt. So können Krebsmedikamente pro Jahr und Patient schnell 50.000 Euro oder mehr kosten. Oft verlängern sie das Überleben der Patienten nur um wenige Monate. In Deutschland untersucht das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen oder kurz IQWIG seit rund sechs Jahren anhand von Gutachten, welche Therapien von den Krankenkassen künftig noch bezahlt werden sollen und welche nicht. Seine Entscheidung geht dann an den Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA). Ist der Zusatznutzen durch Studien belegt, wird der Hersteller mit dem Spitzenverband der Kassen einen Preis verhandeln. Das muss innerhalb eines Jahres nach der Zulassung beziehungsweise des Verkaufsbeginns geschehen.
Die Branche müsse nun verstärkt die Chance nutzen und offen die Diskussion über den Nutzen und die Kosten von Arzneimitteln mit den Krankenkassen führen, sind sich Fachmann Schloh und die beiden PwC-Partner im Bereich Pharma & Healthcare, Nikolaus Schumacher und Volker Fitzner einig. Die Pharmahersteller hätten bei der Entwicklung neuer Medikamente das Risiko, dass von 100 Wirkstoffen nur einer auf den Markt komme. "Wenn ein Unternehmen erfolgreich ist, dann soll es einen marktgerechten Preis erhalten können. Allerdings müssen Hersteller auch die Handlungsrahmen und Optionen der Krankenkassen verstehen, die einen Beitrags-Euro nur einmal ausgeben können", erklärt Volker Fitzner.
Im vergangenen Jahr waren die Ausgaben der gesetzlichen Kassen für Medikamente um 5,3 auf mehr als 32 Milliarden Euro gestiegen. Wachstumsträger sind kostenintensive Spezialpräparate wie beispielsweise Krebsmedikamente oder auch Produkte gegen die Autoimmunerkrankung Multiple-Sklerose mit jährlich zweistelligen Zuwachsraten. Ihr Anteil am GKV-Arzneimittelumsatz erreicht bereits rund 26 Prozent, obwohl ihr Verordnungsanteil nur 2,5 Prozent beträgt. Für 2011 wird mit einem Defizit der Kassen zwischen 11 und 15 Milliarden Euro gerechnet. Die Gesamtausgaben für 2010 sind auf rund 170 Milliarden Euro kalkuliert.
Bundesgesundheitsminister Rösler will die Ausgaben der Krankenkassen für neuartige Arzneimittel um etwa 2 Milliarden Euro kürzen. Das geht aus dem derzeit in der Regierung abgestimmten Referentenentwurf zur Neuordnung des Arzneimittelmarktes hervor. Zentraler Punkt ist ein geändertes Zulassungsverfahren für neue Arzneimittel. Nach den bisherigen Plänen sollen zudem zum 1. August die Hersteller-Rabatte an gesetzliche Krankenkassen von 6 auf 16 Prozent erhöht und der bis Ende 2013 befristete Preisstopp für Medikamente eingeführt werden. Die anderen Maßnahmen des Sparpakets - vor allem die Verpflichtung der Hersteller zu Preisverhandlungen für neue und teure patentgeschützte Präparate - sollen nach Aussagen vom Frühjahr Anfang 2011 in Kraft treten.
Einsparpotenzial sehen die Experten im Bereich der Krankenkassen: "Solange die Finanzierung der Gesundheitsversorgung noch nicht eingheitlich geregelt ist, werden die Kassen nicht umhin kommen, in allen Ausgabearten dramatische Einsparungen vornehmen zu müssen", sagt Martin Schloh. "Derzeit haben wir um die 160 Krankenkassen in Deutschland und die offene Frage ist doch, wie viele Kassen brauchen wir wirklich, um Kosteneffekte zu erzielen, fragt Berater Nikolaus Schumacher. Der Bundesrechnungshof (BRH) will künftig verstärkt das Finanzgebahren der gesetzlichen Krankenkassen untersuchen. Die Ergebnisse der bisherigen Prüfungen nannte BRH-Präsident Dieter Engels in einem Interview jüngst "unglaublich". Er monierte "überhöhte Vorstandsgehälter bis 300.000 Euro, abenteuerliche Abfindungen, zu hohe Verwaltungskosten und teure Beraterverträge."




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