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Kampf gegen teure PillenJosef Hecken zündet nächste Kontrollstufe

Immer mehr Medikamente werden offiziell auf ihren Mehrwert für die Patienten überprüft. Das ist nach Ansicht von Pharmakritikern auch bitter nötig: Milliarden werden ihnen zufolge unnötig ausgegeben.

Rund eine Stunde lang schon hatten die fünf zumeist schon etwas älteren Herren über Arzneimittel in Deutschland geredet. Wie jedes Jahr kam bei der Vorstellung des Arzneiverordnungs-Reports durch Herausgeber und weitere Experten vor allem heraus: Viele Medikamente in Deutschland sind teurer als nötig. Erst auf Nachfrage wartete der ebenfalls anwesende Chef des zentralen Gremiums im Gesundheitswesen, des Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA), mit einer Neuigkeit auf, die bei Vertretern der Pharmabranche den Puls in die Höhe treiben dürfte: Knapp zwei Monate nach der Bundestagswahl will GBA-Chef Josef Hecken die nächste Stufe zünden, um Missstände bei der Pillenversorgung in Deutschland einzudämmen.

Big Pharma hantiert mit chemischen Tricks
Die Pharmabranche ist unter Druck. "Die sehr umsatzstarken Arzneimittel mit Umsätzen von über eine Milliarde US-Dollar sind auf dem Rückzug", sagt der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, Wolf-Dieter Ludwig. Die Konzerne reagierten unter anderem mit chemischen Tricks - beim "Evergreening" beantragten sie zum Beispiel neue Patente für nur leicht veränderte Mittel. Andere Firmen können diese Medikamente dann nicht mit günstigeren Generika nachahmen. Oder die Hersteller mischen verschiedene Wirkstoffe und bewerben bei den Ärzten schon solche Kombinationen allein als Fortschritt. Beispiel Targin: In dem Mittel ist ein starkes Schmerzmittel mit einem Wirkstoff gegen Darmfunktionsstörungen kombiniert. Laut Ludwig wäre es aber besser und billiger, beides getrennt zu geben.

Von den 30,6 Milliarden Euro, die die Kassen 2012 für Arzneimittel ausgaben, hätten unterm Strich laut dem Report rund 3,7 Milliarden Euro gespart werden können - ohne dass Patienten schlechter versorgt worden wären. Nun gibt es mit der Nutzenbewertung des G-BA seit einiger Zeit ein Verfahren gegen solche Medikamente, die nur dem Hersteller, nicht aber dem Patienten mehr bringen. "Die frühe Nutzenbewertung erfüllt den Zweck, die Spreu vom Weizen zu trennen", meint Hecken. Von 48 Mitteln, die bisher überprüft wurden, bekam bisher nur rund jedes fünfte die Bestnote.

Bestandsmarkt ist in Heckens Visier
39 dieser Präparate hingegen verfehlten das Urteil "Beträchtlicher Zusatznutzen" - was weitere Schritte wie etwa Preisverhandlungen zwischen Hersteller und Krankenkassen in Gang setzt, so dass die ursprünglich geplanten Preise sinken. Das Problem ist nur: Bisher wurden nur neu auf den Markt gekommene Mittel überprüft. Was ist aber mit denen, die nicht neu sind, aber trotzdem noch teils Jahre unter Patentschutz stehen, die teuer sind und deren Mehrwert gegenüber älteren Präparaten bisher nicht abschließend bewertet wurde?

Hecken machte nun deutlich, dass er mit früheren Ankündigungen ernstmachen will, diesen sogenannten Bestandsmarkt Schritt für Schritt auf den Prüfstand zu stellen: In seiner Sitzung am 14. November will der Ausschuss das offizielle Prüfverfahren für die nächsten fünf Arzneimittelgruppen aus diesem Bereich einleiten, kündigte er an. Es geht dabei um einem Umsatzvolumen von immerhin rund 700 Millionen Euro.

GBA-Beschlüsse werden mit Spannung erwartet
Die ersten dieser Präparate rief der GBA bereits im Frühjahr zur Bewertung auf. Mit der ersten Tranche nahmen sich die Prüfer das Schmerzmittel Tapentadol vor - sowie Medikamente gegen Osteoporose, Mittel zur Schlaganfallprophylaxe sowie Vorbeugung tiefer Venenthrombosen. Auch Antidiabetika und Antidepressiva sowie Arthritis-Präparate kamen schon dran. Ergebnisse gibt es noch nicht. Welche Medikamente im November auf den Prüfstand gestellt werden, ist noch unklar.

Der Herausgeber des Reports, Ulrich Schwabe, hält sich seit Jahren nicht zurück mit Kritik an der Pharmabranche und am Gesetzgeber. Nun hofft er auf Hecken: "Wir erwarten mit Spannung die ersten Beschlüsse des GBA für diesen gewichtigen Sektor."

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