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IQWiG-Cehf im InterviewJürgen Windeler fordert stärkere Diskussion über Nutzen von Medikamenten

Seit Januar 2011 werden in Deutschland neue Medikamente einer rechtlich vorgeschriebenen frühen Nutzenbewertung unterzogen.

Jürgen Windeler, Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), zieht eine positive Bilanz. Die Bewertung des Iqwig ist das Fundament für die Preisverhandlungen zwischen den Herstellern und dem Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung. Windeler fordert die schnelle Ausweitung der Bewertung auf Arzneimittel, die bereits im Markt sind. Ein erstes Verfahren zum sogenannten Bestandsmarkt hat das Landessozialgericht Berlin-Brandenburg auf Klage des Pharmakonzerns Novartis gestoppt. Demnächst soll entschieden werden, ob die Klage zulässig ist.

Herr Windeler, wie fällt Ihre Bilanz nach rund zwei Jahren frühe Nutzenbewertung aus?

Windeler: "Wir haben um die 30 Medikamente begutachtet und hatten eine ganze Reihe positiver Bewertungen. Viele Bedenken, die vor der Verabschiedung des Gesetzes zur Neuordnung des Arzneimittelmarktes (AMNOG) geäußert wurden, haben sich nicht bewahrheitet. In den meisten Fällen bekamen wir von den Arzneimittelherstellern sehr gute Studiendaten. Wir haben keine Anhaltspunkte, dass uns Firmen in relevantem Umfang Daten verschweigen. In ganz wenigen Fällen wussten wir, dass Firmen Daten hatten, die sie nicht vorgelegt haben."

Wie geht es nach der Klage von Novartis mit der Bewertung älterer Medikamente weiter?

Windeler: "Die entscheidende Frage ist, gibt es Rechtsmittel der Hersteller in diesem Verfahrensschritt. Das Sozialgesetzbuch sieht diese nicht vor. Auf jeden Fall wird es eine Verzögerung geben. Ich beobachtete die Diskussion, die sich zu sehr an Kosteneinsparungen orientiert, mit Sorge. Es geht auch darum, zu klären, welche Medikamente brauche ich überhaupt und welche sind vielleicht problematisch - Beispiel Antidepressiva."

Fordern Sie eine Debatte über das Thema, warum so viele Medikamente verschrieben werden ?

Windeler: "Die Diskussion über Arzneimittelpreise ist relativ leicht. Man kann die Kosten durch Rabatte drücken. Besser wäre, über den Sinn von Arzneimitteln zu diskutieren und dies auch durch intensivere Fortbildungen für Ärzte und Patienten zu vermitteln. Wie viele und welche Medikamente braucht man überhaupt? Diese Diskussion ist schwieriger. Sie würde zu der Erkenntnis führen, dass manche schlechter sind als andere und wir in Deutschland vielleicht zu viele Medikamente verschreiben."

Muss das AMNOG verbessert werden?

Windeler: "Wir müssen uns stärker um den Bestandsmarkt kümmern. Wir müssen die Prozesse verbessern, sie flexibler und berechenbar machen. Schließlich müssen wir diskutieren, dass die Zulassungsentscheidungen der europäischen Arzneimittelbehörde EMA manchmal weit von den Studien der Hersteller abweichen. Eine ausreichende Begründung ist hier nicht immer erkennbar."

Wie ist der Stand bei der Bewertung von Medizinprodukten wie Brustimplantaten?

Windeler: "Es bleibt alles beim Alten. Es gibt in der Politik wenig Lernbereitschaft aus den Skandalen. Mein Wunsch ist, dass Medizinprodukte wie Medikamente einer frühen Nutzenbewertung unterzogen werden. Wirtschaftsinteressen sind gut und schön. Aber der Patient sollte an erster Stelle stehen."

Für viele Pharmafirmen war die frühe Nutzenbewertung anfänglich ein rotes Tuch.

Windeler: "Ein Problem war, dass das AMNOG verabschiedet wurde, als viele Studien bereits im Gang oder abgeschlossen waren. Die Frage der Überlegenheit über Standardtherapien war daher in den Studien gar nicht enthalten. Nun können die Firmen mit den Anforderungen planen. Laut AMNOG muss ein neues Medikament besser sein, als der derzeitige medizinische Standard. Insgesamt hat der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) von Ärzten, Krankenhäusern und Krankenkassen acht Kriterien festgelegt."

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