Er ist der Stolz seiner Entwickler, und der Stolz all jener, die ihn benutzen: Der "Da-Vinci"-Roboter, ein bislang einzigartiges OP-System, mit dem Chirurgen OP-Instrumente über eine Computerkonsole und Roboterarme steuern können, während eine Kamera zehnfach vergrößerte 3D-Bilder vom Operationsfeld liefert, ist ein Exportschlager des US-amerikanischen Medizintechnikherstellers Intuitive Surgical. Über 30 europäische Krankenhäuser arbeiten mit dem System, allein 19 davon in Deutschland. Und sie alle preisen die Vorteile: sanftere OPs, das heißt weniger post-operative Blutungen und Funktionsstörungen als nach herkömmlichen minimal-invasiven Eingriffen.
Und nun das: Zu massig und sperrig sei der "Da Vinci", zu groß die Steuerkonsole, zu unhandlich das Konstrukt mit seinen vier Roboterarmen. Und, noch viel wichtiger: zu teuer sei das System – in der Anschaffung, im täglichen OP-Betrieb und in der Instandhaltung. Die Kritik kommt aus einer Ecke Europas, die man bislang eher mit lieblicher Landschaft und Sherry als mit Medizintechnik verbindet: aus Andalusien. Hier haben sich Mediziner und Ingenieure der Universitäten Cordoba und Malaga mit dem Technikunternehmen Tecnalia zusammengetan, um einen eigenen OP-Roboter zu entwickeln: "Broca" soll ihr Produkt heißen – ursprünglich nach dem französischen Neurochirurgen Paul Broca benannt, nun, nachdem sich herausgestellt hat, dass das System weniger für neurochirurgische, sondern vorrangig für laparoskopische Eingriffe verwendet werden soll, ist es ein Akronym für "Brazo Robotico para Operaciones (Roboterarm für Operationen) Córdoba Andalucia".
"Passt in jeden OP-Saal"
Das Projekt wird mit insgesamt 3,2 Millionen Euro unterstützt, 80 Prozent der Summe stammen aus dem Europäischen Strukturprogramm ERDF, mit dem regionale Entwicklungen gefördert werden, den Rest steuert das spanische Wirtschaftsministerium bei. Die Entwickler arbeiten seit 2012 an dem Da-Vinci-Konkurrenzsystem, kürzlich stellten sie den ersten Prototypen auf einer Messe in Cordoba vor: Das System besteht aus drei sechsachsigen Roboterarmen, die individuell oder auch koordiniert gesteuert werden können, je nachdem, wie die OP es erfordert. Wie beim Da-Vinci sieht der Chirurg das Operationsfeld über einen 3D-Bildschirm; die OP-Instrumente bewegt er über eine sensorische Joystick-Konsole und per Stimme. Die Entwickler preisen vor allem die geringen Ausmaße des Systems: Kein OP-Saal müsse wegen der Installation umgerüstet oder ausgebaut werden.
Noch suchen die spanischen Entwickler weitere Industriepartner, bemühen sich um Firmen, die Expertise und technische Ausstattung einbringen. Kürzlich hat sich Panasonic eingeklinkt, wird 3D-Operationsmonitore beisteuern. "Wir haben keine Sekunde gezögert, als uns Tecnalia um eine Zusammenarbeit gebeten hat", sagt Michael Unger, General Manager Europe von Panasonic Healthcare. "Wir sind von dem revolutionären 3D-Robotor-Projekt überzeugt."
An dem Projekt beteiligt sind auch potenzielle spätere Anwender: Chirurgen der Reina-Sofia-Universitätsklinik in Cordoba, darunter Urologen, Gynäkologen, Gastroenterologen und Herzchirurgen, haben beim Projektstart ihre Wünsche und Vorstellungen geäußert. Einer von ihnen ist der Urologe José María Requena, der das Projekt maßgeblich koordiniert. Er macht keinen Hehl daraus, dass der spanische Roboter als kostengünstigere Version die "bislang einzige am Markt verfügbare Lösung", ersetzen können soll: Das US-Produkt sei zu teuer, sagt er, "und daher für viele Kliniken kaum erreichbar". Sein Projektkollege Rafael Medina, Professor für Computerwissenschaft und Künstliche Intelligenz an der Universität Cordoba, äußert sogar politische Motive: Das Ziel des Projektes sei es, "die Roboterchirurgie zu demokratisieren", sie also auch weniger finanzstarken Kliniken zur Verfügung zu stellen.
Natürlich sei der Da Vinci sehr teuer, sagt Alexander Haese, leitender Arzt an der Hamburger Martini-Klinik, eine UKE-Tochter, die sich auf Prostata-Eingriffe spezialisiert hat. Seit 2004 arbeitet die Klinik mit dem Da-Vinci-Roboter. Erst kürzlich haben Haese und sein Team ein drittes Da-Vinci-Gerät gekauft, Kosten: knapp zwei Millionen Euro. Der Wartungsvertrag schlägt zusätzlich mit 150.000 Euro im Jahr zu Buche. Haese betont die guten Erfahrungen: "Der Vertrag deckt alles ab, der 24-Stunden-Reparaturservice ist hervorragend und sehr zuverlässig, zur Not wird auch mal ein Ersatzteil über Nacht eingeflogen." Qualität sei eben teuer, so seine Argumentation. "Man kann nun mal nicht erwarten, dass einem etwas so Gutes hinterher geworfen wird." Und außerdem, so schiebt er nach, "bleibt einem ja auch nichts anderes übrig."
Ein Drittel weniger Instandhaltungskosten
Das könnte sich nun bald ändern. Wie viel der spanische Roboter kosten wird, darüber gibt es noch keine Aussagen; 600.000 Euro sind laut Rafael Medina für den ersten Prototypen bislang an reinen Produktionskosten angefallen. Billiger würde die Arbeit mit dem spanischen Roboter aber vor allem – diese Prognose wagen die Entwickler dann doch – im laufenden OP-Betrieb: Die Instandhaltungskosten würden um ein Drittel geringer ausfallen als mit dem Da-Vinci-System. Hinzu komme, so eine Tecnalia-Sprecherin, dass der Broca-Roboter mit konventionellen, also am Markt erhältlichen Laparoskopie-Instrumenten und -material genutzt werden könne, die Anwender also nicht auf einen einzigen Anbieter angewiesen seien.
Genau das sei der Fall bei dem Da-Vinci-System – und treibe die Kosten in die Höhe, berichtet Alexander Haese von der Martini-Klinik. In die OP-Instrumente, Schere oder Nadelhalter etwa, seien Chips eingebaut, die jeden einzelnen Einsatz mitzählten – und nach einer bestimmten Zahl an OPs die Funktion sperrten. Dann müsse nachgerüstet werden. Gut 1.500 bis 2.000 Euro an Materialkosten kommen so laut Haese bei einer Prostata-OP mit dem Da-Vinci zusammen.
Bis zur Marktreife werde es noch drei bis vier Jahre dauern, sagt José María Requena. Aber wenn dann, in wenigen Jahren, in der Hamburger Martini-Klinik der Kauf des nächsten, des vierten OP-Roboters ansteht, dann, so sagt Alexander Haese schon heute, "wird man sich das in Spanien ganz sicher mal genauer ansehen."


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