
Die Anordnung von Zwangssterilisierung, die Einstufung behinderter Kinder als „lebensunwert“, die Ermordung Kranker: Die Gesundheitsämter wurden im NS-Staat zu Erfüllungsgehilfen des verbrecherischen Regimes umfunktioniert. Wie es dazu kam und wie vielfältig die Behörden an der Umsetzung der NS-Ideologie mitwirkten, dokumentiert die Wanderausstellung „Volk – Gesundheit – Staat. Gesundheitsämter im Nationalsozialismus“.
Die Ausstellung wurde im Rahmen eines Forschungsprojekts von Medizinhistorikern an der Charité konzipiert und am 3. Juli von Brandenburgs Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher (Grüne) im Foyer des Ministeriumsgebäudes in Potsdam eröffnet. Nach der Eröffnung fand ein begleitendes Symposium im Ministerium statt.
Die Behörden wurden als dienstbares Vollzugsorgan aufgebaut, sie waren ein Selektionsapparat im Rahmen einer menschenverachtenden Politik.
„Die Beschäftigten in den kommunalen Gesundheitsämtern sind heute tagtäglich für die Bevölkerung im Einsatz“, sagte Nonnemacher zur Ausstellungseröffnung. Ob im Infektionsschutz, bei der Gesundheitsvorsorge oder beim Gesundheitsschutz für Kinder und Jugendliche – Ziel sei stets, jedem Menschen die besten Gesundheitschancen zu bieten.
„Im Nationalsozialismus war ihre Rolle dagegen eine gänzlich andere“, so die Gesundheitsministerin. „Die Behörden wurden als dienstbares Vollzugsorgan aufgebaut, sie waren ein Selektionsapparat im Rahmen einer menschenverachtenden Politik.“ Die Ausstellung zeige in bedrückender Deutlichkeit, wohin diese Politik geführt hat und welch grausame und oft tödliche Folgen sie für Millionen Menschen hatte. „So etwas darf nie wieder geschehen!“ sagte Nonnemacher. „Die Ausstellung ist für mich daher auch als Mahnung zu verstehen.“ Der Öffentliche Gesundheitsdienst müsse die Gesundheitsprävention stets für alle Menschen gleichermaßen ermöglichen, erst recht und insbesondere für die Kleinsten und die Schwächsten“, so die Ministerin.
Ich wünsche mir sehr, dass diese Ausstellung die entsprechende Aufmerksamkeit bekommt und vor den anstehenden Landtagswahlen ein Zeichen setzen kann.
„Die Ausstellung ist ein Meilenstein in der Aufarbeitung der Verantwortungen im Öffentlichen Gesundheitsdienst während des Nationalsozialismus“, sagte Dr. Kristina Böhm, Vorsitzende des Bundesverbandes der Ärztinnen und Ärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD) und Fachbereichsleiterin Öffentlicher Gesundheitsdienst Potsdam. „Sie erinnert und mahnt uns gleichermaßen, hier genau hinzuschauen, uns nicht wieder instrumentalisieren zu lassen und in jeder Hinsicht dem Gebot des Hippokratischen Eides zu folgen“, so die Bundesvorsitzende. „Ich wünsche mir sehr, dass diese Ausstellung die entsprechende Aufmerksamkeit bekommt und vor den anstehenden Landtagswahlen ein Zeichen setzen kann.“

Die Ausstellung „Volk, Gesundheit, Staat. Gesundheitsämter im Nationalsozialismus“ basiert auf Ergebnissen des Forschungsprojekts „Der Öffentliche Gesundheitsdienst in der Zeit des Nationalsozialismus. Die Beispiele Thüringen und Württemberg“. Initiiert wurde das Forschungsprojekt vom BVÖGD. Die Ausstellung dokumentiert verschiedene Tätigkeitsbereiche der Gesundheitsämter im Nationalsozialismus am Beispiel der beiden genannten Länder.
Wie Amtsärzte zu Dienern der menschenverachtenden Nazi-Ideologie wurden
Im Fokus steht dabei die Umsetzung der sogenannten „Erb- und Rassenpflege“, beispielsweise durch die Anordnung von Zwangssterilisierungen auf Basis des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“, durch „erbbiologisch“ ausgerichtete Eheberatungen, durch die Selektierung behinderter Kinder zur gezielten Tötung oder durch Zwangsarbeit. Die Ausstellung zeigt, wie Amtsärzte auf Basis der NS-Gesetze Daten sammelten, Anordnungen trafen und zu Dienern der menschenverachtenden Nazi-Ideologie wurden.
Bei dem Symposium im Ministerium hatte u.a. Professorin Sabine Schleiermacher von der Charité das Wort; Schleiermacher leitet das Forschungsprojekt „Der Öffentliche Gesundheitsdienst in der Zeit des Nationalsozialismus“. In einer Podiumsdiskussion sprachen die Teilnehmer über den heutigen Einfluss von Politik auf die medizinische Versorgung. An der Diskussion nahmen neben Staatssekretär Dr. Thomas Götz und Dr. Kristina Böhm auch Bundeswehr-Oberstarzt Prof. Dr. Ralf Vollmuth teil.
Die Ausstellung im Foyer des Gesundheitsministeriums, Haus S, Henning-von-Tresckow-Straße 2-13, 14467 Potsdam, ist bis zum 1. September werktäglich zwischen 7:30 und 17 Uhr zu sehen.





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