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Sars-Cov2-Folgen„Es braucht konstruktiven Umgang mit der Corona-Pandemie“

Mit ihren schwerwiegenden Erkrankungen und ihrer besonders komplexen und variablen Form der Dissemination wirkt sich die vierte Corona-Welle auf alle Lebensbereiche der Bevölkerung weltweit aus – mit gravierenden Folgen.

Coronavirus
Halfpoint/stock.adobe.com

Symbolfoto

Corona hat Spuren hinterlassen – in der Wirtschaft und der Gesundheitsversorgung, etwa in Gestalt zum Teil überlasteter intensivmedizinischer Krankenhauskapazitäten. Besonders in den Vordergrund rücken dabei immer mehr soziale und gesellschaftliche „Krisenbereiche“, die insbesondere Kinder, Jugendliche und vulnerable Gruppen hinsichtlich ihrer Bildungs-, Betreuungs- und Entwicklungsmöglichkeiten in besonderem Maße betreffen.

Die Corona-Pandemie stellt die deutsche (Gesundheits-) Politik sowie Bildungs- und Betreuungseinrichtungen vor enorme Herausforderungen im psychosozialen und edukativen Bereich. Trotz einer Impfquote in Deutschland von rund 70 Prozent, werden aktuell täglich über 20 000 Neuinfektionen gemeldet — Tendenz steigend. Ein Ende der Maßnahmen zum Schutz gegen die Corona-Infektionen kann somit zum aktuellen Zeitpunkt nicht erwartet werden. Aber die Auswirkungen der mit ihnen einhergehenden Einschränkungen sind gravierender als zu Beginn der Pandemie vermutet: Zu den ersten Anordnungen bei der Bekämpfung der Corona-Krise in Deutschland gehörte im vergangenen Jahr die Schließung von Kindertagesstätten, Schulen und Universitäten. Trotz kurzfristig erarbeiteter und implementierter Schutz- und Hygienekonzepte war eine vollständige Wiederaufnahme von Bildungs- und Betreuungseinrichtung sowie auch eine „normale“ Patientenversorgung, z.B. in Pflegeheimen, lange nicht möglich und belastete die Betroffenen stark. Immer deutlicher werden Sekundärfolgen von Schließungen, die sich in Form gesundheitlicher und sozialer Belastungen manifestieren.

Psychische Beeinträchtigungen durch Corona

Studien zeigen nun, dass insbesondere die Schließungen von Schulen und Kindertagesstätten, aber auch der Wegfall von Freizeitaktivitäten sowie die allgemeinen Kontaktbeschränkungen zu klinisch relevanten psychischen Belastungen bei Kindern und Jugendlichen geführt haben. So ist während des Verlaufs der Pandemie ein starker Anstieg psychischer Beeinträchtigungen bei Kindern und Jugendlichen erkennbar, die sich insbesondere in Form von psychosomatischen Beschwerden, Verhaltensauffälligkeiten und zum Beispiel manifesten depressiven Erkrankungen bemerkbar machen. Aus diesem Grund ist es von höchster Relevanz, strukturierte Konzepte für die verschiedenen Lebensbereiche umzusetzen, die die Risikoverbreitung in den genannten Kontexten reduzieren und gleichzeitig einer Benachteiligung vulnerabler Gruppen entgegenwirken.

Projekt „Sichere Bildung Bayreuth“

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler am Institut für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften (IMG) der Universität Bayreuth legen diesbezüglich verschiedene Vorschläge vor: Ziel entsprechender Projekte des IMG war es, dass Schließungen von Einrichtungen sowohl zeitlich als auch örtlich reduziert werden können, bei Eltern weniger Arbeitszeit ausfallen muss und Bildung im persönlichen Dialog mit Lehrenden, Gleichaltrigen und Praxispartnern vor Ort sowie eine bestmögliche Patientenversorgung stattfinden kann.

Ergebnisse des Projekts mit dem Titel „Sichere Bildung Bayreuth“ bestätigen, dass die Schließungen von Kitas, Schulen und Universitäten neben psychischer Benachteiligung auch soziale sowie physische Belastungen der betroffenen Gruppen hervorgerufen haben. Kennzeichnend für das Erleben der Zeit der Kitaschließungen waren Unzufriedenheit und Frust sowie Wut und Traurigkeit seitens der Kinder. Auch die kognitive und sozioemotionale Entwicklung litt unter der Schließung der Einrichtungen.

Es lässt sich nicht darüber streiten, dass die Schließung von Bildungs- und Betreuungseinrichtungen gleichzeitig zu enormer Überbelastung und Stress auf der Seite der Erziehungsberechtigten geführt hat: Mehrfachbelastungen, insbesondere durch die Organisation der Vereinbarkeit von Berufsleben und Kinderbetreuung sowie Homeschooling, gehörten zu den wesentlichen Facetten dieser Überbelastungen. Deutlich wurde, dass eine große Variabilität der Familien im Umgang mit der Pandemiesituation bzw. deren Bewältigung existierte. Ein großes Spannungsfeld wies dabei der familiäre Alltag auf. Normalität, Strukturen sowie Routinen im Alltag werden in dieser Zeit in vielen Familien zur „Mangelware“. Auch die Wiederaufnahme eines eingeschränkten Regelbetriebs war mit Unklarheiten – etwa hinsichtlich der Umsetzung einer Notbetreuung – verbunden.

Politik ist gefragt

Als zentrale Aufgabe der Politik wird die Unterstützung dieser Einrichtungen gesehen: Pandemie-bedingte Defizite, die die Entwicklung und Bildung von Kindern und Jugendlichen langfristig beeinträchtigen, müssen kompensiert werden. Auch jetzt sollten die in diesen Projekten herausgearbeiteten Handlungsempfehlungen verfolgt werden, um eine sichere, stabile und so wenig wie möglich belastete Bildung, Förderung und Entwicklung  von Kindern und jungen Erwachsenen während der Pandemie gewährleisten zu können.

Die Ergebnisse des Projektes „Sichere Bildung Bayreuth“ legen nahe, dass eine frühzeitige Öffnung der Kitas, Schulen und des Universitätsbetriebs möglich und für das Wohlergehen aller Beteiligten sowie die Bewältigung des Alltags förderlich war und ist. Neben bereits implementierten Maßnahmen, wie der AHA+A+L-Regelung (Abstand, Hygiene, Alltag mit Maske, Corona-Warn-App, Lüften) werden etwa festgelegte Abläufe bei der Mahlzeiteneinnahme sowie bei der Nutzung von Sanitärräumen empfohlen. Dabei wird allgemein angeregt, bei einer Raumkapazitätsauslastung von über 50 Prozent auf ein hybrides bzw. rein digitales Format zu wechseln.

Die Einführung von „3G“ entsprechen den Regelungen soll in Kombination mit leicht zugänglichen, offensiv kommunizierten Testungsangeboten zu einer geregelten Öffnung von Betreuungs- und Bildungseinrichtungen beitragen. Ein geschulter Umgang mit Krankheits- und Erkältungssymptomen bei Kindern in Kitas und Schulen sowie die Einführung von vermehrt digitalisierten Informations- und Kommunikationsplattformen gelten als eine Voraussetzung eines adäquaten Umgangs mit der Pandemie. Nicht zuletzt sollte ein gewisses Maß an Flexibilität bei der verantwortungsvollen Umsetzung der Maßnahmen – je nach aktueller „Pandemielast“ – gegeben sein. Primär im Vordergrund sind und bleiben aber stets die Bedürfnisse sowie die strukturellen Beteiligungsmöglichkeiten an der Mitgestaltung von Maßnahmen für Kinder, Jugendliche und allen Beteiligten, um diese gemeinsam entwickeln und implementieren zu können.

Betrachtet man den aktuellen Verlauf der Pandemie und die steigenden Infektionszahlen in Kitas und Schulen, die teils erneute Schließungen zur Folge haben, wird deutlich, dass die Optimierung geeigneter und sicherer Schutz- und Hygienemaßnahmen noch immer nicht abgeschlossen ist und weiterhin im Verantwortungsbereich der Politik liegt.

Projekt „Sichere Kinder-Reha“

Orientierung findet sich hierzu in einem weiteren vom IMG realisierten Projekt mit dem Titel „Sichere Kinder-Reha“. Unter der Überschrift „Rehabilitation organtransplantierter Kinder und deren Familien in der SARS-CoV-2-Pandemie“ werden konkrete Abläufe und Handlungsmaßnahmen dargestellt, die den  vermehrten Betreuungs- und Behandlungsaufwand von immunsupprimierten Kindern und Jugendlichen und ihren Familien beschreiben und die Wirksamkeit der Einzelmaßnahmen erläutern. Es zeigt sich: Um gravierende individuelle und langfristige Schäden von einzelnen Personen zu verhindern, braucht es einen konstruktiven Umgang mit der Pandemie und nicht ein ängstliches sichwegducken.

DGIV e.V.

Die Deutsche Gesellschaft für Integrierte Versorgung im Gesundheitswesen e.V. (DGIV) ist ein deutschlandweit agierender Verein mit der Zielsetzung, die Integrierte Versorgung in der medizi-nischen, pflegerischen und sozialen Betreuung als Regelfall durchzusetzen. Die DGIV wurde am 26. September 2003 in Berlin gegründet. Ziel der Gründungsmitglieder war es, die Integrierte Versorgung als alternative Versorgungsform zur damaligen Regelversorgung zu entwickeln und letztendlich durchzusetzen.