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Interview„Die Potenziale neuer Technologien sind offenkundig“

Im Interview mit kma spricht Till Osswald, Director Healthcare von Microsoft Deutschland, über das wachsende Interesse an Telemedizin und nimmt an, dass das Potenzial noch nicht ausgeschöpft ist.

Ärztin am Computer
Nikcoa/stock.adobe.com

Symbolfoto

Hält der Boom der Telemedizin, den wir im Zuge der ersten Corona-Welle gesehen haben, auch mit der zweiten Welle an – oder übertrifft er ihn womöglich?

Der Bedarf an telemedizinischen Lösungen war auch vor Corona schon groß. Gerade im ländlichen Raum sehen wir uns mit einem massiven Mangel an Hausärzten konfrontiert. Corona wirkt da also wie ein Katalysator für bereits bestehende Probleme und hat die Notwendigkeit der Telemedizin nochmals deutlich gemacht. Mit Microsoft Teams bieten wir vielfältige Lösungen, um Ärztinnen und Ärzte in ihrem Alltag zu unterstützen und ermöglichen ihnen den Einsatz von Fernmedizin. Der wesentliche Unterschied zwischen der ersten und der zweiten Corona-Welle liegt in der Zeit für die Vorbereitung. Praxen, die während der ersten Corona-Welle telemedizinische Leistungen angeboten haben, gehen nicht mehr hinter diesen Standard zurück. Seitens der Patienten wiederum wächst Akzeptanz im Zuge der Anwendungen.

Kann man sagen, dass das deutsche Gesundheitswesen hier Vorreiter ist – oder werden telemedizinische Lösungen in anderen EU-Ländern oder auch global viel intensiver genutzt?

Ein Vorreiter ist Deutschland hier leider nicht. Telemedizin mit Videoeinsatz gibt es im Ausland schon lange – beispielsweise in den USA. Auch Israel nutzt die Möglichkeiten solcher Lösungen seit mehreren Jahren sehr intensiv. China hat ebenfalls die Chancen erkannt, die telemedizinische Lösungen bieten, um Krankenhäuser zu entlasten und eine Versorgung der Bevölkerung gerade im ländlichen Raum zu gewährleisten. In Europa sind vor allem die skandinavischen Länder oder auch Großbritannien als Vorreiter zu nennen. Dort ist Telemedizin mit Videoeinsatz seit Jahren Usus, während die entscheidenden gesetzlichen Weichen in Deutschland dafür erst 2018 gestellt worden sind.

Bietet Microsoft auch Lösungen an, die für den Patienten-Klinikkontakt geeignet sind – beispielsweise für chronische Patienten, die ansonsten für einen Termin in ein Krankenhaus müssten?

Die bieten wir durchaus an. Gemeinsam mit unserem Microsoft-Partner, der HMS Analytical Software GmbH aus Heidelberg, haben wir eine solche beispielsweise entwickelt. Dabei geht es darum, den Gesundheitszustand von Patientinnen und Patienten mittels Wearables und KI-Algorithmen kontinuierlich zu überwachen – und zwar vom Intensivmonitoring aus über die Normalstation bis zu dem Zeitpunkt, da sie sich bereits wieder zuhause befinden. Anwendungsfälle sind dabei neben dem Monitoring von Covid-19-Patienten auch beispielsweise Patientinnen und Patienten, die am Dengue-Fieber oder Ebola erkrankt sind. Letzteres ist für deutsche Kliniken vielleicht gegenwärtig nicht so relevant, zeigt aber die Möglichkeiten auf.

Hat die Bereitschaft, telemedizinische Leistungen im Gesundheitswesen zu nutzen, spürbar zugenommen, oder ist man hier eher noch skeptisch? Welche Rolle spielt Corona dabei?

Nach unserer Einschätzung nimmt die Bereitschaft spürbar zu. Die Skepsis, die über viele Jahre dominiert hat, ist nicht zuletzt im Rahmen der Corona-Pandemie gewichen – zum einen, weil der Bedarf nochmals offensichtlich wird, zum anderen, weil viele Lösungen sich in der Krise nun erstmals beweisen können. Im gesamten Gesundheitswesen sehen wir eine starke Zunahme digitaler Dienste im Bereich der Telemedizin – sei es bei Kliniken, Fachärztinnen und -ärzten oder bei niedergelassenen Allgemeinmedizinerinnen und -medizinern. Die Potenziale neuer Technologien sind offenkundig – und die sehen nach meiner Einschätzung inzwischen auch alle Akteure im Gesundheitswesen. Auch durch die Pandemie. Sicher ist: Nach Corona lässt sich das Rad nicht mehr zurückdrehen!  

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