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KommentarDigitalisierung des Gesundheitswesens erinnert an eine Quizshow

Ob ihr wirklich richtig steht, seht ihr, wenn das Licht angeht. Was einer Spielshow für Kinder entliehen ist, spiegelt doch die aktuelle Situation im Gesundheitswesen passend wider: Wenn es um die Gesundheitsversorgung geht, wollen wir unbedingt richtig stehen, oder?

Admir Kulin
m.Doc GmbH

Admir Kulin, Gründer und Geschäftsführer der m.Doc Gmbh, Anbieter für innovative digitale Gesundheitslösungen.

Kennen Sie die Quizshow 1,2 oder 3, die 1977 erstmals im ORF und ZDF ausgestrahlt wurde? Dort treten drei Teams bestehend aus jeweils drei Kindern der 4. oder 5. Klasse gegeneinander an. Ein Team kommt aus Deutschland, eines aus Österreich und bis Ende 2006 kam eines aus der Schweiz. Mittlerweile reist das dritte Team jedes Mal aus einem anderen Land an. Den Kindern werden Fragen gestellt – in jeder Sendung zu einem anderen Schwerpunkt. Zu jeder Frage werden den Kindern drei Antwortmöglichkeiten in Form von Feldern gegeben. Die Kinder springen zwischen den Feldern hin und her, bis der Moderator sagt: „1,2 oder 3, letzte Chance… vorbei!“ Nach dem „Vorbei“ darf nicht mehr gewechselt werden. Die richtige Antwort wird mit den Worten „Ob ihr wirklich richtig steht, seht ihr, wenn das Licht angeht“ aufgelöst. Jeder Spieler, der auf die richtige Antwort gesetzt hat, bekommt einen Ball. Das Team, das am Ende der Show die meisten Bälle gesammelt hat, gewinnt das Duell.

Jetzt fragen Sie sich sicher, warum ich Ihnen die Spielregeln einer Quizshow für Kinder erkläre. Ganz einfach: Wenn ich an die Digitalisierung des Gesundheitswesens denke, fühle ich mich total an eben jene Show erinnert. Da ist das Team Deutschland – oder wenn wir etwas größer denken wollen auch gerne das Team Europa. In jedem Fall sind alle Spieler top vorbereitet. Das Team besteht aus vielen Spezialisten, aber natürlich auch aus genügend Generalisten, die gleich auf mehreren Gebieten eine umfassende Expertise vorweisen können.

Die Besonderheit bei 1,2 oder 3 ist jedoch, dass eine gute Vorbereitung und ein fundiertes Wissen noch nicht ausreichen, um zu gewinnen. Taktik und das richtige Timing sind mindestens genauso entscheidend. Denn der Trick ist, sich nicht zu früh für die richtige Antwort zu entscheiden. Stellen Sie sich vor, unser Team steht gleich zu Beginn geschlossen auf dem Feld mit der richtigen Antwort. Das wäre natürlich der entscheidende Hinweis für alle andere Teams. Daher das Wechseln zwischen den Feldern. Allerdings muss man dann beim Countdown schnell sein, denn vorbei ist vorbei! Und wenn wir jetzt wieder auf die Digitalisierung des Gesundheitssystems zurückkommen, sind Timing und die richtige Strategie genau die Schwachstellen unseres Teams. Ab und zu gelingt einem Kandidaten zwar das richtige Timing. Sie oder er steht auf dem Feld mit der richtigen Antwort und sammelt ein paar wichtige Punkte für uns. Doch insgesamt liegen wir zurück – nicht komplett chancenlos, aber doch deutlich zurück.

Kandidaten aus anderen Ländern sind stark

Gegen wen spielen wir da aktuell, woher kommen die anderen starken Teams? Zunächst einmal sind da die USA. Sie haben ein Händchen, zum richtigen Zeitpunkt das richtige Feld zu besetzen. Gute Beispiele sind Amazon, Google und Apple, die sich sowohl als Versandapotheke als auch im Bereich der Telemedizin etablieren. Aber auch das dritte Team, Asien, hat den Dreh raus. Die beiden liefern sich aktuell ein Kopf an Kopf rennen, während wir für jeden Ball, den wir sammeln echt dankbar sind. Und genau deshalb kommt mir auch der Vergleich mit der Quizshow in den Sinn. Denn wir haben hierzulande großes Potenzial. Es gibt bereits einige sehr gute Lösungen am Markt und viele weitere tolle neue Sachen und Kooperationen entstehen auch bei uns gerade. Ja selbst von Seiten der Politik kommt unter anderem mit dem Krankenhauszukunftsgesetz jetzt ein Fördertopf, der die Karten noch einmal ganz neu mischen kann.

Warum wir als Team im Vergleich zu den USA und Asien dennoch nicht häufig genug richtig stehen? Weil dann eben doch IBM den Zuschlag für den Dienst zum E-Rezept in Deutschland bekommt und Google trotz der hinreichend bekannten Vorwürfe zur Pressefreiheit eine strategische Partnerschaft mit dem Bundesgesundheitsministerium eingeht. Damit partizipiert ein US-Marktriese an einem mit deutschen Steuergeldern bezahlten Content und kann dadurch seine Vorherrschaft unter den Suchmaschinen auch in einem Sektor ausbauen, wo seine Chancen bisher überschaubar waren. Wenn wir in Europa also nicht zu reinen Konsumenten werden wollen, dürfen wir meiner Meinung nach nicht zulassen, dass ein derart hoher Prozentsatz der Wertschöpfung außerhalb der Region stattfindet.

Halbzeit fast vorbei

Wenn wir bei der Spieleanalogie bleiben, befinden wir uns aktuell gefühlt kurz vor der Halbzeit. Und wie in vielen anderen Bereichen liegen wir offenkundig auch bei der Digitalisierung des Gesundheitssektors mit Blick auf den Spielstand hinten. Aber wir haben immer noch die Chance, das Spiel zu drehen, ja genau, es sogar zu gewinnen!

Was wir dafür brauchen? Zunächst einmal müssen wir uns darauf besinnen, dass das Gras auf der anderen Seite – also in den USA oder Asien – auch nicht grüner ist. Die dortigen Lösungen sind unseren keinesfalls haushoch überlegen, dort ist man weder innovativer noch per se besser als in Europa. Allerdings ist dort wesentlich mehr Kapital, was die aktuelle Omnipräsenz natürlich erklärt.

Wenn wir das verinnerlicht haben, sollten wir daran denken, wie es andere erfolgreiche deutsche Unternehmen geschafft haben. Vielleicht nehmen wir uns SAP als Vorbild, ein Unternehmen, dass durch die Vision von fünf mutigen Menschen zu einem Weltmarktführer geworden ist. Und warum? Weil es auf dem Weg dahin viele Unterstützer gab, die an die Vision geglaubt und daher auch in schwierigeren Zeiten die Unterstützung nicht eingestellt haben. Ich selbst hatte das Vergnügen, mit einem der Gründer sehr eng arbeiten zu dürfen und kann definitiv nur den Hut ziehen vor der Leistung und auch vor den Menschen im Hintergrund. Und vielleicht erinnern wir uns bei der Gelegenheit auch gleich einmal daran, wo einer der derzeit heiß gehandelten Corona-Impfstoffe entwickelt wurden – in einer kleinen „deutschen“ Denkfabrik – und woher Unterstützung und Kapital kamen – vom gegnerischen Team, wenn wir uns an die Quizshow -Analogie erinnern.

Hidden Champions groß machen

Biontech zeigt einerseits, welch Potenzial in den Hidden Champions hierzulande steckt. Andererseits aber eben auch unsere Schwachstellen, denn das Unternehmen ist an der amerikanischen NASDAQ gelistet und nicht etwa an einer europäischen Börse. Wenn wir beides erkennen, die Stärken und die Schwächen, können wir die zweite Halbzeit für uns nutzen. Das Krankenhauszukunftsgesetz ist dabei eine erste von vielen möglichen Chancen. Wenn es uns mit der Förderung aus dem Gesetz gelingt, in kurzer Zeit unsere Kliniken mit Blick auf den Digitalisierungsgrad ganz nach vorne zu bringen, ist das auch international ein Signal. Denn ganz ehrlich, weit vorne ist aktuell kaum eine Einrichtung.

Allerdings müssen wir auch realistisch bleiben. Mit einem einzigen Gesetz werden wir nicht aufholen können, was wir in den vergangenen Jahren versäumt haben. Dennoch ist es ein wichtiger Schritt auf dem richtigen Weg – vor allem auch deshalb, weil der Gesetzgeber deutlich formuliert hat, dass es um die Implementierung fertiger Lösungen und nicht um Entwicklungsprojekte geht. Damit werden all jene „Goldgräber“ gebremst, die durch das KHZG den schnellen Euro wittern und mal eben Lösungen aus dem Hut zaubern. Hier scheint es, als hätte es durchaus ein Learning aus dem bisher nur mäßig erfolgreichen Digitalisierungspakt für Schulen gegeben. Ebenso beim Antragsverfahren, dass deutlich unbürokratischer daherkommt als wir es bisher gewohnt sind.

Kurz: Wir haben jetzt die Möglichkeit, die richtigen Entscheidungen zu treffen, um auf Sieg zu spielen. In meiner Zeit als Profisportler haben wir nach einer motivierenden Ansprache des Trainers in der Halbzeit noch so manches Spiel gedreht. Ich weiß also aus eigener Erfahrung, was möglich ist, wenn man gemeinsam ein Ziel verfolgt. Daher spricht aus meiner Sicht auch nichts dagegen, jetzt zur Aufholjagd zu blasen – damit am Ende auch das Licht angeht, weil das Team Deutschland richtig steht.

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