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E-RezeptEin enger Zeitplan

Die für Anfang 2022 geplante Einführung des E-Rezepts wurde kurzfristig verschoben. Susanne Koch, Referentin für E-Health und Verbandsstrategie beim bvitg, erläutert Hintergründe und Vorschläge, die künftig zu einem besseren Ablauf der TI-Projekte führen sollen.

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Das Bundesgesundheitsministerium hat Ende 2021 entschieden, die Einführung des E-Rezepts zu verschieben und die Testphase zu verlängern. War diese Entscheidung richtig?

Ja, die Entscheidung war richtig. In der gesetzlich vorgegebenen Frist waren nicht alle Schritte für die Einführung des E-Rezepts abbildbar. Diese umfassen die anfängliche Spezifikation über Entwicklung und Testung bis zur flächendeckenden Verfügbarkeit in den Institutionen. Zudem fehlte eine offizielle Projekt-„Leitung“ ebenso wie die im Projektmanagement übliche Anpassung von Zeitplänen. Als absehbar war, dass die Frist nicht zu halten war, wurde schnell die Schuldfrage gestellt, anstatt pragmatische Problemlösungen zu diskutieren. Durch die Verlängerung der Testphase und Aufhebung der Nutzungsfrist konnte diese verfahrene Situation teilweise aufgelöst werden.

Kritisiert wurde, dass der Test des E-Rezepts mit zu wenig Patienten stattfand. Warum wurden keine Testpatienten (und Testkassen) verwendet, wie das bei der Einführung des Versichertenstammdatenmanagements der Fall war?

Bei dem E-Rezept haben wir im Gegensatz zum VSDM die Besonderheit, dass zum Durchlaufen des entsprechenden Prozesses nicht nur eine beliebige ambulante Institution mit TI-Anbindung notwendig ist – die Konstellation ist erheblich komplexer. Benötigt werden ambulante und stationäre Institutionen mit TI-Anschluss, E-Rezept-Modul und vorhandenem elektronischen Heilberufsausweis (eHBA) für die behandelnde Person zum Signieren des E-Rezeptes sowie Apotheken mit entsprechend aktualisierter Software. Zu Beginn der Tests im Raum Berlin-Brandenburg war diese Kombination selten. Eine Vorauswahl von Patientinnen und Patienten hätte die gegebenen Bedingungen nur marginal verbessert.

Welche Probleme sind in der ersten Testphase des E-Rezepts aufgetreten?

Zum einen war da der sehr enge Zeitplan. Dazu kam der Bedarf nach notwendigen Anpassungen, der erst durch die Testphase sichtbar wurde. Das Zusammenspiel der verschiedenen Softwaresysteme war im Vorhinein nur schwer zu testen. Zum anderen mussten die Hersteller selbst Leistungserbringerinnen und Leistungserbringer aus ihrem Kundenkreis akquirieren. Eine Herausforderung vor dem Hintergrund, dass aktuell eine Vielzahl an Neuerungen von den Anwendern umzusetzen sind. Da ist die Motivation zur Teilnahme teilweise sehr gering. Einige Hersteller hatten zudem in dem ersten Testgebiet keine oder kaum Kundschaft – und hatten deshalb keine Möglichkeit zu testen.

Ein Gutachten im Auftrag der Apotheker kam zum Ergebnis, dass es Abrechnungsprobleme zu Lasten der Apotheken gab. Wie kam dieser Fehler zustande und ist er mittlerweile behoben?

Soweit bekannt, war der Abrechnungsservice, den die Gematik für die Apotheken bereitstellt, noch nicht verfügbar. Deshalb konnten E-Rezepte nicht den Kassen in Rechnung gestellt werden, wodurch die Apotheke auf den Kosten sitzen blieb. Dies scheint aber behoben.

Der bvitg fordert, dass die gematik das Projekt E-Rezept koordinieren soll. Wer war bislang verantwortlich, und warum hat die Gematik nicht von Anfang an die Koordination übernommen?

Leider wurde bisher versäumt, hier klare Strukturen oder eine verantwortliche Projektleitung zu etablieren. Dies hat sich leider auch in der Kommunikation zu der Thematik gezeigt. So gab es Mitteilungen über eine erfolgreiche Einführung, obwohl die Frist von vielen Beteiligten schon als nicht mehr haltbar bewertet wurde. So ein Vorgehen fördert leider nicht das Vertrauen der Anwender. Eine Besetzung der Koordinationsrolle hätte alle Beteiligten zusammenbringen können. Aus meiner Sicht ein wesentlicher Schritt, um abgestimmt, transparent und nachvollziehbar kommunizieren zu können. So hätte eine gute Zusammenarbeit sichergestellt werden können. Dies sehen wir für alle zukünftigen Entwicklungen als notwendig.

Damit das E-Rezept eingeführt werden kann, sollen jetzt 30 000 Rezepte ausgestellt und von den Apotheken abgerechnet werden. Wie ist man auf diese Zahl gekommen und was genau wird überprüft?

Wieso genau eine Anzahl von 30 000 E-Rezepten ausreichend zur Prüfung des Prozesses sein soll, kann ich leider nicht beantworten. Es soll aber durch eine feste Anzahl sichergestellt werden, dass der gesamte Prozess von Verschreibung, Einlösung und Abrechnung eines E-Rezepts fehlerfrei durchlaufen wird. Hier gab es in der Vergangenheit die größte Kritik, weil die Daten nicht bis zum Prozessende kommen würden. Ohne die Abrechnung ist eine funktionierende Verschreibung leider trotzdem nicht mehrwertstiftend.

Medikamente sind oftmals lebensnotwendig. Wie stehen Sie zu Forderungen nach einer analogen Alternative zum E-Rezept, falls die IT einmal ausfällt?

Die Sorge hinter solch einer Forderung ist vollkommen nachvollziehbar. Wenn es zu einem IT-Ausfall kommt, kann eine papierbasierte Alternative die Versorgung bei sehr zeitkritischen Fällen sichern. Das darf immer nur ein Ausnahmefall sein, da sich sonst das E-Rezept nur langsam durchsetzen wird. Das E-Rezept verändert einen Prozess, welcher sich über viele Jahre in den Institutionen etabliert hat. Nur gutes Changemanagement kann einen erfolgreichen Wechsel bringen.

Wie könnte eine solche analoge Alternative aussehen – und ließe sich diese in den digitalen Workflow integrieren?

In den auf dem E-Rezept befindlichen QR-Codes sind die Informationen gespeichert, die auf dem Papier-Rezept in Klartext gedruckt wurden. Auch handschriftlich befüllte Rezepte werden noch akzeptiert. Für eine Alternative muss man meiner Meinung nach nicht das Rad neu zu erfinden, sondern sollte möglichst pragmatisch vorgehen.

Welche Überlegungen gibt es auf Seiten der Industrie zur Weiterentwicklung des E-Rezepts?

Wir sprechen uns dafür aus, bereits vor der flächendeckenden Verfügbarkeit schon an die Weiterentwicklung des E-Rezepts zu denken. Stand jetzt wurde das Papier-Rezept elektrifiziert. Hier muss die Nutzung der Daten auch in anderen Anwendungen wie der elektronischen Patientenakte (ePA) ermöglicht werden, um so beispielsweise die Ar zneimit teltherapiesicherheit zu erhöhen. Es muss also zukünftig darum gehen, nicht nur elektronisch zu werden, sondern greifbare, datenbasierte Mehrwerte für die Versorgung zu schaffen und somit die Akzeptanz des E-Rezeptes noch weiter zu erhöhen.

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