
Innerhalb weniger Monate gelingt Avelios Medical die zweite faustdicke Überraschung im deutschen KIS-Markt. Nach SAP hat der junge KIS-Hersteller aus München nun auch eine strategische Partnerschaft mit Fresenius geschlossen. Fresenius unterhält mit seiner deutschen Krankenhaustochter Helios (mehr als 80 Krankenhäuser) und der spanischen Quirónsalud (57 Krankenhäuser) das größte Krankenhausnetzwerk in Europa. Nun investiert der im DAX gelistete Medizintechnik- und Gesundheitskonzern einen Millionenbetrag in das aufstrebende KIS-Unternehmen. Über die genaue Höhe des finanziellen Engagements haben beide Seiten Stillschweigen vereinbart.
Fresenius ergänzt damit laut dem KIS-Anbieter die bereits im Februar geschlossene Technologiepartnerschaft mit SAP um umfassende Erfahrung aus der Versorgungspraxis. Bewährte Prozesse und reale klinische Anforderungen aus unterschiedlichen Kliniken würden nun systematisch standardisiert und so „die verlässliche Skalierung der Avelios-Plattform in die Breite der Versorgung“ bringen, so das Unternehmen. Gegenüber kma erläuterte CEO Christian Albrecht exklusiv im Detail, wie es zu dem Deal kam und welche Kernpunkte die neuen Partner vereinbart haben.
Helios tauscht KIS bis 2030
Derzeit stützt sich Helios nach kma Informationen im Wesentlichen auf zwei KIS-Lösungen. Die spanische Tochter Quirónsalud verwendet „Casiopea“. In Deutschland setzt die größte Klinikkette hierzulande großteils auf IS-H. Da im Jahr 2030 jedoch der offizielle Support für das SAP-System endet, benötigt Fresenius zumindest für die deutschen Kliniken Alternativen. In diesem Kontext ist das Investment des Konzerns in Avelios „ein starkes Signal“, sagt Manager Albrecht. Angesichts der Größe von Helios eine Mammutaufgabe, die auch eine neue Herangehensweise bei Avelios fordert, wie der CEO einräumt. Sein junges Unternehmen habe eine steile Lernkurve bei der Umsetzung von KIS-Projekten hinter sich, weil man sich öfters in Detail-Anforderungen von Kunden verloren habe. „Einer unserer Fehler war, dass wir in frühen Projekten Kundenanforderung für Kundenanforderung zu individuell betrachtet haben.“
Schnelle Umsetzung mittels Blueprint
Daraus habe sein Unternehmen gelernt. Für neu startende Projekte wie das mit Fresenius arbeitet Avelios deshalb mit einem sogenannten „Blueprint“ – eine Art Basisplattform als KIS, das standardisierte Prozesse abbilde, dennoch ausreichende Konfigurationsmöglichkeiten für hausindividuelle Anpassungen biete. „Diesen Blueprint werden wir als wichtigen Teil der Partnerschaft auch mit Fresenius Schritt für Schritt in der Breite weiter ‚härten‘“, erläutert Albrecht – etwa bei Fragen, wie die ärztliche Aufnahme gestaltet oder wie die komplette Patientenreise aussehen soll.
Wir wollen den Beweis antreten, dass wir das hinkriegen und weiter erfolgreich skalieren. Das ist natürlich auch im Interesse von Fresenius.
Gänzlich neu ist der Ansatz allerdings nicht, auch Asklepios, regionale Klinikverbünde oder auch andere KIS-Anbieter arbeiten bereits mit Blueprints. Dennoch ist der Druck nun groß, dessen ist man sich im jungen Unternehmen durchaus bewusst. „Wir wollen den Beweis antreten, dass wir das hinkriegen und weiter erfolgreich skalieren. Das ist natürlich auch im Interesse von Fresenius“, sagt Albrecht.
Avelios bleibt unabhängig
Und was sagt Fresenius zu dem Deal: „Wir führen zusammen, was Deutschland und Europa im Gesundheitswesen brauchen: medizinische Exzellenz, technologische Stärke und den souveränen Einsatz von Digitalisierung und KI“, so Christian Pawlu, Chief Operating Officer von Fresenius Helios. „Mit unserer Beteiligung an Avelios Medical gehen wir einen weiteren Schritt beim Aufbau eines digitalen Gesundheitsökosystems – interoperabel, verlässlich und KI‑fähig.“
Das klingt harmonisch – und dennoch bleibt die Frage, ob die Macher von Avelios nicht befürchten, bald von einem ihrer milliardenschweren Partner geschluckt zu werden? Oder zumindest einen mächtigen Juniorpartner wie Asklepios beim Wettbewerber Meierhofer zu bekommen. Albrecht reagiert darauf ganz entschieden. „Nein, das war ein sehr wichtiger Punkt für uns in den Gesprächen. Uns ist unsere Unabhängigkeit sehr wichtig.“ Außerdem habe man sich auch gegenüber solch großen Partnern wie SAP und Fresenius durchaus in der starken Position gesehen. Warum? „Weil Avelios die modernste Lösung am KIS-Markt hat“, sagt Albrecht. An Selbstbewusstsein fehlt es den Münchnern offensichtlich nicht.
*Hinweis der Redaktion: Die erste autorisierte Fassung wurde überarbeitet. Die Textpassage zur SAP-Abkündigung wurde aktualisiert, weil Fresenius nach der Veröffentlichung zusätzliche Informationen geliefert hat.
Avelios Medical
Avelios Medical ist noch immer ein Newcomer in der KIS-Branche. Die Firma entstand ursprünglich 2020 aus einem KI-Forschungsprojekt am LMU Klinikum München. Das junge Unternehmen ging mit einem anderen Systemansatz an den Start. Es setzt auf flexible, skalierbare Architekturen und einen modularen Aufbau. Krankenhäuser können so ihr altes KIS entweder in einem Schritt ablösen oder einzelne Module schrittweise ausrollen. Zudem ist Künstliche Intelligenz ein zentraler Bestandteil des KIS, weshalb alle Daten in strukturierter Form erfasst werden.
Seit dem Pilotprojekt am LMU Klinikum hat sich das junge IT-Unternehmen zügig entwickelt, inzwischen zählt 15 Kunden mit insgesamt mehr als 70 Krankenhäusern. Darunter sind laut dem Unternehmen fünf Universitätskliniken sowie eine große Klinikkette. Zu den Kunden der Münchner zählen unter anderem die private Klinikkette Sana und die Medizinische Hochschule Hannover (MHH). Um die Projekte umsetzen zu können, hat das Unternehmen die Mitarbeitendenzahl 2025 fast verdoppelt und beschäftigt nun knapp 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Im Februar hat Avelios zudem eine strategische Partnerschaft mit dem deutschen Softwareriesen SAP geschlossen.






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