kma im Interview

Intelligente Pflaster als medizinische Wearables auf dem Vormarsch

Tragbare Sensoren haben sich im Heimbereich zur Selbstvermessung längst etabliert. In den deutschen Krankenhäusern hingegen sind medizinische Wearables noch rar. Christian Stammel, CEO von Wearable Technologies, erklärt die Hintergründe.

Intelligentes Pflaster

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Woran liegt es, dass sich Wearables zurzeit eher im privaten Bereich und weniger im Krankenhaus, beispielsweise am Patientenbett, durchsetzen?

Einerseits mangelt es noch an der Akzeptanz der Ärzte für diese neuen Technologien. Andererseits sind die Regulierungsprozesse im Gesundheitswesen extrem langwierig. Nichtsdestotrotz sehen wir immer wieder spannende Entwicklungen und Technologien, die mit einfachsten Mitteln enorme Effizienzsteigerungen im täglichen Routineablauf in einem Krankenhaus ermöglichen.

Welches Beispiel fällt Ihnen dazu ein?

Das kalifornische Unternehmen Leaf Healthcare bietet ein intelligentes Pflaster an, welches misst, wie oft die Liegeposition eines Patienten gewechselt wurde, um ein Wundliegen zu vermeiden. Das Wundliegen ist ein nicht zu unterschätzender Kostenfaktor im Krankenhaus. Das Pflaster mit dem integrierten Sensor wird am Oberkörper angebracht und überwacht Position, Orientierung, Bewegung und Aktivität des Patienten. Seine Daten sendet der Sensor über eine Wifi-Komponente an eine zentrale Monitoring-Station. Das Pflegepersonal kann dort oder auf einem angeschlossenen mobilen Endgerät sofort erkennen, wie oft der Patient tatsächlich gedreht wurde. Das intelligente Pflaster beeinflusst den Ablauf im Krankenhaus enorm, weil es Fehler, die beim Führen der üblichen Strichlisten auftreten, verhindert.

Viele medizinische Wearables werden in den USA entwickelt. Woran liegt es, dass vergleichsweise wenige dieser Produkte in Deutschland auf den Markt kommen?

Die Eintrittsbarriere in den europäischen Markt ist hoch. Einerseits sind die Regulatorien sehr komplex und unterscheiden sich von Land zu Land. Hinzu kommt, dass die Integration in die Krankenhausinformationssysteme sehr komplex ist. Den größten Erfolg bei der Integration von Wearables haben deshalb Krankenhäuser, die komplett neu aufgesetzt werden.

Quanta zum Beispiel, einer der weltgrößten Elektronikhersteller, hat in den vergangenen Jahren ein sehr interessantes Smart Hospital Solution System aufgebaut, das jetzt in den neuen Krankenhäusern, die in China und anderen Ländern Asiens auf der grünen Wiese entwickelt werden, implementiert wird. Dort ist man sehr offen für die Anbindung mobiler Endgeräte und für private Krankenhaus-Clouds. Bereits bei der Planung der Gebäude wird die private Cloud berücksichtigt. Patienten profitieren von der privaten Cloud nicht nur während des Klinikaufenthalts, sondern auch bei der Nachbetreuung im häuslichen Umfeld.

Bei Wearables denken die meisten an Smartwatches. Welche Systeme werden in den nächsten Jahren den Markt dominieren?

Wir gehen davon aus, dass im Jahr 2022 ein Drittel des gesamten Wearable-Marktes auf intelligente Pflaster entfallen wird. Wir reden hier über eine Größenordnung von mehreren hundert Millionen smart patches, die jährlich verkauft werden. Diese smarten Pflaster können Biovitaldaten, Bewegungsdaten messen, aber auch als TENS-Gerät oder sogar zur Medikation als Produktanwendung auf den Markt kommen.

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