Erste Hilfe im Notfall

Leben retten per Smartphone-App

Die Smartphone-App „Mobile Retter“ lenkt Ersthelfer in Minutenschnelle zu einem Notfall. Für Notfallpatienten steigen damit die Überlebenschancen, weil die mobilen Retter jene kritischen Minuten überbrücken, bis der Rettungsdienst eintrifft.

App Mobile Retter

Foto: Mobile Retter

Das Smartphone als Lebensretter

Nach dem erfolgreichen Start im Landkreis Gütersloh vor drei Jahren setzen immer mehr Landkreise auf diese Software.

Ralf Stroop erinnert sich noch gut an jenen Augenblick, als die Idee für seine Notfall-App „Mobile Retter“ geboren wurde. Der Leitende Oberarzt der St. Barbara-Klinik in Hamm-Heessen saß zuhause im heimischen Wohnzimmer, vor ihm auf dem Tisch lag das Handy. „Plötzlich sah ich Kollegen vom Rettungsdienst ins Nachbarhaus eilen. Da hätte ich doch selbst zum kranken Nachbarn laufen und helfen können. Immerhin zählt im Notfall jede Minute“, sagt der Arzt. Und so weckte die dramatische Situation in der Nachbarschaft in dem Mediziner den Erfindergeist.

Stroop arbeitet zwar als Facharzt für Neurochirurgie, hat aber zwei weitere Ausbildungen: die zum Ingenieur für Elektro- und Informationstechnik und die zum Diplom-Biochemiker. Es müsse doch möglich sein, „eine App zu entwickeln, mit deren Hilfe ein sich zufällig in der Nähe befindlicher mobiler Retter, so wie ich es war, aufgespürt werden kann, der sofort losläuft, um schon vor Eintreffen des Rettungsteams wichtige Ersthelfermaßnahmen einzuleiten“, dachte sich der Mediziner. Natürlich sollten diese mobilen Retter nicht das professionelle Rettungsteam ersetzen, sondern lediglich ein paar Minuten früher vor Ort sein und sofort mit qualifizierter Erste Hilfe beginnen. Denn je schneller Helfer noch vor dem Eintreffen von Rettungsdienst und Notarzt wichtige Maßnahmen zur Wiederbelebung einleiten, desto höher sind nicht nur die Überlebenschancen für den Patienten. Von der schnellen Hilfe kann auch entscheidend abhängen, in welchem Zustand der Patient den Notfall überleben wird.

Nach drei Minuten ohne Sauerstoff entstehen irreparable Hirnschäden
Denn selbst wenn professionelle Rettungskräfte hierzulande durchschnittlich nach neun Minuten den Einsatzort erreichen (in ländlichen Regionen und einigen städtischen Ballungsräumen wie Berlin dauert es länger), kann es bereits zu spät sein. Schon nach drei Minuten ohne Sauerstoff entstehen im Hirn irreparable Schäden. Auch nach Wiederherstellung der Herz-Kreislauf-Funktion verstirbt innerhalb von 30 Tagen mit rund 70 Prozent der Großteil der aufgenommenen Patienten im Krankenhaus, und zwar primär an den Folgen einer Hirnschädigung. Lediglich 5000 von jährlich 75.000 Personen, die außerklinisch einen Herz-Kreislauf-Stillstand erlitten haben, überleben einen Notfall ohne schwere neurologische Probleme.

Die Idee zur Notfall-App setzte Stroop mit Unterstützung eines Bekannten aus der IT-Szene um. „Dann bin ich zur Kreisverwaltung Gütersloh gegangen und habe mein Projekt vorgestellt. Der hat sehr aufgeschlossen reagiert und wollte die Notfall-App unbedingt haben.“ Seit 2013 läuft nun in dem Kreis das Smartphone-basierte System „Mobile Retter“ mit speziell geschulten Ersthelfern. Zu den „mobilen Rettern“ zählen Krankenschwestern, Pfleger, Sanitäter, Rettungsassistenten, Feuerwehrkräfte, DLRG-Schwimmer und auch Ärzte. An technischer Ausrüstung benötigen sie nur ein Smartphone und die App.

Bei einem Notfall alarmiert die Leitstelle denjenigen mobilen Retter, der sich zufällig nahe zum Patienten aufhält. Er wird gefragt, ob er den Einsatz in der Nachbarschaft übernehmen könne. Möglich macht dies die GPS-Ortung. Der Retter muss dann zweimal per Knopfdruck sein Okay geben und macht sich via App-Navigation sofort auf den Weg. Bislang sind allein im Kreis Gütersloh 550 mobile Retter registriert, insgesamt wurden inzwischen schon von dem Verein mehr als 4.000 Helfer ausgebildet. Allein im Kreis Gütersloh rückten bis Ende September 2016 die dort registrierten 550 mobilen Retter zu mehr als 1.300 Einsätzen aus. Von insgesamt 190 Reanimationen wurden 37,6 Prozent von den „mobilen Rettern“ eingeleitet.

Immer mehr Landkreise wollen die Rettungs-App
Längst stößt die bereits ausgezeichnete App auch außerhalb von Gütersloh auf starkes Interesse. Im August 2016 startete das System im Kreis Unna, seit Oktober 2016 ist auch die Region Ingolstadt dabei. Im Kreis Germersheim läuft es bereits. Bislang seien es aber vor allem Landkreise, die nachfragten, so Stroop. „Dabei ist es für Städte ebenso sinnvoll, denn auch dort leben ja oft potentielle Ersthelfer in der Nachbarschaft, die man mobilisieren könnte und die einen wertvollen Dienst leisten würden, wenn der Rettungsdienst nicht so schnell durchkäme im Stadtverkehr“, urteilt der Facharzt, der das Projekt bundesweit etablieren möchte. Die Kosten für die App sind überschaubar: jeder teilnehmende Kreis zahlt je Einwohner drei bis vier Cent.

Wer sich dafür interessiert, wendet sich an den neu gegründeten gemeinnützigen Verein „Mobile Retter“. Als finanzielles Polster des Vereines dient bislang vor allem ein Fördergeld von 500.000 Euro, das die App im Februar als Preisträger einstrich bei der Google Impact Challenge in der Kategorie „Leuchtturm-Projekt“. Der Verein schult nicht nur die Einsatzleitungen, sondern kümmert sich auch anschließend um die Ersthelfer. „Denn es ist schon extrem, allein am Notfallort mit der Belastungssituation umgehen zu müssen. In der Klinik oder Praxis ist man nie allein, da gibt es immer Kollegen, mit denen man sich austauschen kann.“

Vorbild Skandinavien
Bernd Strickmann, Ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes im Kreis Gütersloh, unterstützt die Notfall-App. Er wünscht sich in der Bevölkerung ein größeres Bewusstsein für die Bedeutung von Wiederbelebungsmaßnahmen, um den Kreis der Ersthelfer erweitern zu können. Vorbild sind für ihn die nordischen Länder. „Dort sind Erste-Hilfe-Übungen in der Schule Pflichtfach. Einen solchen Kurs erst zur Zeit der Fahrschulprüfung anzubieten, nutzt wenig. Die jungen Leute haben dann andere Flausen im Kopf und sind für das Thema nicht sehr aufnahmebereit. In der Schulzeit prägt sich das beim Kind noch ganz anders ein“, sagt Strickmann. Die Zahlen sprechen ohnehin für sich: Während in Deutschland die Reanimationsquote von Laien laut Deutschem Reanimationsregister bundesweit bei 27 Prozent liegt, melden Länder wie Schweden oder die Niederlande Quoten von bis zu 70 Prozent.

Die App ist erhältlich im iTunes App Store und im Google Play Store

 

Dieser Artikel erschien in kma Ausgabe 2/17.

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Kommentare (1)

  1. Erste Hilfe

    26.04.2019, 14:12 Uhr

    Herzlichen Dank für den Beitrag. Das Thema Erste Hilfe ist schon etwas, was man nicht unterschätzen sollte. Ich persönlich bin der Meinung, dass man eigentlich immer ein Erste-Hilfe Set zu Hause haben sollte. Solch eine App kann schon sehr hilfreich sein, aber dazu muss man sich wirklich darauf verlassen können, sonst kostet sie am Ende nur wertvolle Zeit. Ich habe das schon einmal bei einem alten Arbeitgeber von mir erlebt, dass der Erste Hilfe Koffer nicht ganz vollständig war. Das hatte dann eben die Folge, dass ich nicht genug Verbandszeug für meine blutende Hand hatte. Mein Arbeitgeber hat daraus gelernt und ich auch. Mittlerweile habe ich mir so etwas auch für mich Zuhause  verschiedenes über einen erste-Hilfe-Shop besorgt. Normalerweise hat man ja immer nur ein paar Pflaster daheim, aber ein richtiges Set kann im Ernstfall wahres Gold wert sein.  

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