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InterviewTelemedizin verbessert die Versorgung von Schmerzpatienten

Wie wirkt sich eine engmaschigere Betreuung auf den Behandlungserfolg aus?

Gaul: Der Arzt kann den Krankheitsverlauf wesentlich besser monitoren und die Behandlung entsprechen feinjustieren. Der Patient wird mehr wahr- und damit ernstgenommen. Das erhöht seine Compliance und hilft ihm dabei, die vom Arzt empfohlen Maßnahmen beispielsweise zur Anpassung des Lebensstils, zu Entspannungsverfahren, Sport und Ernährung bis zur regelmäßigen Einnahme von Medikamenten konsequent umzusetzen und damit Selbstwirksamkeit zu erlernen.

Gemeinsam mit der IKK classic und Thieme TeleCare bieten Sie ein telemedizinisches Programm für chronische Kopfschmerzpatienten an? Welche Überlegungen stecken dahinter?

Gaul: Der Hausarzt wird in der Regel kaum eine intensivere Begleitung seiner Schmerzpatienten anbieten können. Wir haben uns also gefragt, wie wir Patienten die Unterstützung bieten können, die sie brauchen und sich wünschen, um ihre Beschwerden spürbar zu lindern oder mit ihrer Schmerzerkrankung gut umgehen zu können. Das entlastet nicht nur den Patienten, sondern perspektivisch auch das Budget der Krankenkassen.

Welche Rolle spielt dabei der Hausarzt?

Gaul: Der Hausarzt bleibt die erste Anlaufstelle und zentraler Ansprechpartner für Diagnostik, Medikation und Therapie. Ein gutes Arzt-Patientenverhältnis ist dabei essenziell! Für die engmaschige Betreuung des Patienten bekommt der Hausarzt im Rahmen des Programms Support von psychologisch geschulten Gesundheits-Coaches.

Was genau ist die Rolle der Gesundheits-Coaches. Welche Bedeutung kommt diesen zu?

Gaul: „Was habe ich? Was bedeutet das für mich? Wie gehe ich damit um? Was ist ein realistisches Therapieziel?“ – Für diese Fragen kann sich der Arzt nicht immer ausreichend Zeit nehmen. Der Coach unterstützt an dieser Stelle. Er steht mit dem Patienten in einem sehr intensiven Austausch und ergänzt die Leistung des Hausarztes. Der Coach telefoniert regelmäßig mit dem Patienten, hört ihm zu und schenkt ihm Aufmerksamkeit. Er berät und motiviert ihn, bespricht (Teil)erfolge und Rückschläge mit ihm und steht im akuten Bedarfsfall als Ansprechpartner auch kurzfristig zur Verfügung. Es sind also vor allen Dingen die psychologischen und edukativen Aspekte der Behandlung, die in der Interaktion zwischen Coach und Patient im Vordergrund stehen.

Außerdem steht den Patienten im Rahmen des Programms die Thieme Coach App zur Verfügung. Wie kann diese zum Erfolg der Schmerzbehandlung beitragen?

Gaul: Die App unterstützt mit hilfreichen Informationen zur Schmerzerkrankung, gibt konkreten Tipps für den Alltag, zu Akutmaßnahmen und Prophylaxe. Ein digitales Schmerztagebuch hilft dabei, den Schmerzverlauf zu beobachten, ihn mit bestimmten Ereignissen in Beziehung zu setzen und auch konkrete Maßnahmen und deren unmittelbare Wirksamkeit zu dokumentieren. Der Coach hat, wenn es der Patient wünscht, Zugriff auf dieses Tagebuch. So kann er auf bestimmte Ereignisse eingehen und gegebenenfalls auf Aspekte hinweisen, die auf jeden Fall noch einmal mit dem Hausarzt besprochen werden sollten. Die Idee ist, dass der derart begleitete Schmerzpatient mehr und mehr ein Gespür dafür bekommt, worauf er selbstwirksam Einfluss nehmen kann, was ihm wirklich hilft, was ihm guttut und was er meiden sollte. Der Patient muss selbst zum Experten für seine Erkrankung werden und seine Fähigkeit zur Selbstwirksamkeit ausbauen. Dabei helfen ihm der Gesundheits-Coach und die Thieme Coach App.

Wo sehen Sie Grenzen einer telemedizinischen Behandlung? Wann ist der direkte, physische Kontakt zwischen Arzt und Patient unabdingbar?

Gaul: Eine wirksame Telemedizin setzt meines Erachtens die persönliche Begegnung voraus. Gerade bei Schmerzerkrankungen mit psychischer Komponente muss der Arzt seinen Patienten in Gänze wahrnehmen und erleben. Denn Medizin ist eben nicht nur Wissenschaft, die sich mehr und mehr auf KI und Algorithmen stützt. Die ärztliche Kunst basiert immer auch auf Erfahrung und Gespür. Das In-Augenschein-nehmen, das Erleben der Mimik und Gestik, des Sprechens und Artikulierens ist ganz wesentlich, um die Situation des Patienten einschätzen zu können. Einer Behandlung sollte daher immer eine persönliche Begegnung vorausgehen. Auf einer soliden Anamnese und einem guten Arzt-Patienten-Verhältnis aufsetzend, kann Telemedizin dann ihre Wirkung entfalten.

Gibt es etwas, das Sie Hausärzten, die chronische Kopfschmerzpatienten behandeln, mit auf den Weg geben möchten?

Gaul: Investieren Sie großzügig Zeit in die Anamnese – mit allen physiologischen und psychologischen Aspekten. Hören Sie ihrem Patienten zu, finden Sie heraus, was sein Problem ist, welches Ziel er anstrebt und gehen Sie konkret darauf ein. Wenn Sie das Problem wirklich verstanden haben, können Sie daran im weiteren Verlauf immer wieder anknüpfen. Damit bilden Sie Vertrauen und schaffen eine gute Basis für die weitere Behandlung.

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