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Revolution [aktualisiert]Wohin steuert der KIS-Markt in Deutschland?

Während es längere Zeit ruhig im Markt für Krankenhausinformationssysteme (KIS) war, geht es seit der Jahreswende 2019/20 turbulent zu. Erst verkaufte Marktführer Agfa sein KIS-Geschäft an Dedalus, dann arrondierte Branchenvize Cerner sein Portfolio. Gleichzeit schielen Private Equity Unternehmen auf den Markt der Health IT-Software.

KIS-Markt
Worawut/stock.adobe.com

Symbolfoto

Als Anbieter Agfa im Dezember 2019 den wahrscheinlichen Käufer seiner KIS-Sparte vorstellte, war die Überraschung in der Branche perfekt. Mit der italienischen Dedalus Holding präsentierte Agfa einen Käufer, den niemand wirklich auf der Liste hatte.

Anfang Mai 2020 finalisierten Dedalus und Agfa die Übernahme. Mit der italienischen Dedalus Holding betritt nun ein ganz neuer Player die Bühne. Spätestens damit ist klar, dass der deutsche Markt der Krankenhausinformationssysteme, in dem sich jahrelang kaum etwas bewegte, in einem tiefgreifenden Umbruch ist. Neue Player und finanzkräftige Investoren drängen auf den Markt, etablierte Anbieter orientieren sich neu.

Ein wesentlicher Grund ist die zunehmende Digitalisierung in den Kliniken und die sich daraus ergebenden höheren technischen Anforderungen. Das KIS der Zukunft muss cloudfähig und gut vernetzbar sein, mobile Anwendungen bei gleichzeitig hohen Sicherheitsstandards ermöglichen, nutzerfreundlich sein und mittels moderner internationaler Standards eine breite Kommunikation sicherstellen. Zudem sind Insellösungen nur für den hoch regulierten deutschen Markt nicht mehr profitabel.

Einige der im Markt befindlichen KIS sind technologisch in die Jahre gekommen und müssten technisch massiv modernisiert werden. Das kostet viel Geld – und ist in einem Markt, wo es derzeit weniger als 30 Neuinstallationen pro Jahr gibt, sehr teuer und kaum zu erwirtschaften. „Der entscheidende Punkt wird sein, wie der KIS-Markt sich technologisch verändern wird. Wer als Hersteller stark in möglicherweise bald veraltete Produkte investieren muss, neigt vielleicht eher zum Verkauf“, sagt Matthias Meierhofer, Chef der Meierhofer AG. Gefragt sind also ganz unterschiedliche Strategien je nach Ausgangslage, Finanzkraft und Positionierung, mit potenten Geldgebern in der Hinterhand. „Alle Hersteller suchen derzeit nach ganz unterschiedlichen Wegen und Ideen, um diesen Umbruch zu bewältigen. Eine einheitliche Linie gibt es nicht“, beobachtet Sebastian Zilch, Geschäftsführer des Branchenverbandes Bvitg.

Dedalus wird neuer Marktführer

Dass ausgerechnet der bisherige Platzhirsch Agfa jetzt dem deutschen Markt adieu sagt, kommt hingegen nicht überraschend. Bereits im vergangenen Frühajhr hatte der belgische Mutterkonzern Agfa Gaevert den Verkauf seiner Health IT-Sparte angekündigt. Der Konzern brauchte dringend liquide Mittel für geplante Investitionen und zur Sicherung seiner Pensionslasten in Höhe von mehr als einer Milliarde Euro.

Mit Dedalus zauberte Agfa einen in Deutschland bislang nahezu unbekannten Käufer aus dem Hut. Dabei hatte die Branche fest mit einem zweiten Versuch der Compugroup gerechnet, die KIS-Sparte von Agfa (knapp 800 KIS-Installationen in Deutschland) zu übernehmen. Der erste Übernahmeversuch von Compugroup war 2016 wohl vor allem an den bereits erwähnten hohen Pensionsverpflichtungen beim Mutterkonzerns Agfa Gaevert gescheitert.

Der Konzern zog aus dem gescheiterten Deal mit Compugroup Konsequenzen, trennte die Bereiche IT und Imaging und machte beide Teile gesellschaftlich unabhängig. Durch diesen Schritt lösten die Belgier das Pensionsproblem, die Health IT-Sparte wurde so zur schönen Braut aufgehübscht. Mit dem Kauf übernimmt Dedalus sämtliche Healthcare IT-Aktivitäten von Agfa in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Frankreich und Brasilien und zahlt dafür den stolzen Betrag von 975 Millionen Euro. Angesichts eines zuletzt geschätzten Jahresumsatzes der Agfa Sparte von 260 Millionen Euro ein enormer Betrag. „Man fragt sich schon, wie da der Kaufpreis wieder reingeholt werden soll“, sagt ein ehemaliger CEO ein großen Klinikette, der sein Namen hier nicht lesen möchte.

Eine berechtigte Frage – umso mehr, wenn man sich die Dedalus Holding genauer anschaut. Das Unternehmen, 1982 in Florenz gegründet, ist nach eigenen Angaben langjähriger Marktführer in Italien für klinische Gesundheitssoftware und darüber hinaus weltweit in rund 30 Ländern aktiv. Der Geschäftsschwerpunkt lag bislang auf Italien und Frankreich. Ende 2019 – vor der Übernahme der KIS-Sparte von Agfa – zählte das Unternehmen insgesamt rund 2 000 Mitarbeiter und erzielte einen Umsatz von 210 Millionen Euro. Angesichts dieser Zahlen ist klar, dass Dedalus-Chef Giogio Moretti die Agfa-Sparte aus eigener Kraft nicht hätte übernehmen können.

Private Equity entdeckt Health IT

Die treibende Kraft hinter der Übernahme ist Europas größtes Private Equity Unternehmen Ardian. Die französische Beteiligungsgesellschaft verwaltet nach eigenen Angaben Vermögenswerte in Höhe von 96 Milliarden US-Dollar und hat 2016 60 Prozent der Anteile von Dedalus übernommen. Seitdem finanziert Ardian einen Expansionskurs von Dedalus, mit der Absicht, die Italiener zum Marktführer für Gesundheitssoftware in Europa zu machen, wie Ardian im Dezember im Zuge der Kaufankündigung mitteilte. „Es gibt derzeit in der Gesundheitsbranche eine große Fantasie bei Private Equity Firmen hinsichtlich der Ertragsfähigkeit von Healthcaresoftware“, urteilt Mitkonkurrent Matthias Meierhofer.

Was Dedalus genau auf dem deutschen Markt plant, ist derzeit noch nicht absehbar. kma hätte dazu gern mit Giorgio Moretti oder mit Verantwortlichen von Ardian gesprochen, doch beide Unternehmen reagierten auf wiederholte Anfragen von kma nicht. Moretti äußerte sich jüngst lediglich in einer Pressemitteilung. Um konkurrenzfähig bleiben zu können, müsse sein Unternehmen wachsen, so der Vorsitzende der Dedalus Holding. „Wir sehen Deutschland, Österreich und die Schweiz, wie Agfa HealthCare auch, als eine äußerst zentrale Region in Europa an. Deshalb werden wir die Aktivitäten dort stärken und die Entwicklung in den Ländern vorantreiben.“

Nach Ansicht von Branchenkennern wird viel davon abhängen, ob sich Ardian als strategischer Investor sieht oder wie ein klassisches Private Equity agieren wird. Im letzteren Fall würde das Unternehmen dann binnen fünf oder sechs Jahren Dedalus auf hohe Profitabilität trimmen und anschließend gewinnbringend weiterverkaufen. Die letztere Variante beunruhigt derzeit Klinikmanager, die mit dem KIS Orbis arbeiten. „Schon unter Agfa waren die Kosten für Service und zusätzliche Anpassungen ans KIS sehr hoch. Jetzt könnte der Druck, an der Preisschraube zu drehen, noch stärker werden“, mutmaßt ein Klinikgeschäftsführer, der ungenannt bleiben will.

Winfried Post, bislang General Manager und Geschäftsführer Agfa HealthCare DACH, versucht derweil, den Kunden die Verunsicherung zu nehmen. Er sehe das Zusammengehen mit Dedalus als ideale Strategie an, teilte Post in einer Pressemitteilung zum Abschluss des Kaufes mit. Die Sparte stehe mit der Übernahme durch Dedalus „vor einer glänzenden Zukunft“.

Cerner setzt auf die Cloud

Der bisherige Branchenvize Cerner stellt sich ebenfalls neu auf. Der US-Riese, der 2015 die Gesundheits-IT-Sparte von Siemens übernommen hatte, will sich künftig auf cloudbasierte Lösungen („Ecosystem“), künstliche Intelligenz und KIS-Systeme konzentrieren, die international besser vermarktbar sind. Aus diesem Grund behält Cerner die von Siemens übernommenen und SAP-basierten KIS-Systeme Soarian Clinical und ISH-Med sowie das eigene, für den US-Markt entwickelte Millennium. Während das nur noch in wenigen Kliniken installierte Soarian spätestens mit dem 2025 ankündigten Technologiewechsel bei SAP auf S/4HANA ausläuft, wird das weltweit vermarktete KIS ISH-Med (ca. 240 Installationen in Deutschland) gerade aufwändig auf die neue SAP-Technologie modernisiert.

Die KIS-Systeme Medico und Selene (spanischer Markt) sowie Soarian Integrated Care und die Archivlösung Soarian Health Archive reichte Cerner Anfang Februar für 225 Millionen Euro an den Mitbewerber Compugroup weiter. Der Deal soll im dritten Quartal abgeschlossen sein. Damit kommt auch Compugroup nach der Agfa-Pleite noch zum Zug. „Der Deal ist ein Win-Win-Geschäft für beide Seiten“, sagt ein Manager, der maßgeblich an den Verkaufsverhandlungen zwischen Cerner und Compugroup beteiligt war. Cerner konzentriert sich damit stärker auf den internationalen Markt und streicht nebenbei noch einen hohen Kaufpreis ein. Die bislang vor allem im E-Health-Bereich und ambulanten Sektor stark aufgestellte Compugroup (Umsatz 2019: 746 Millionen Euro) erhält mit Medico endlich ein eigenes KIS-System mit ausreichender Verbreitung im deutschen Markt (ca. 250 Installationen) und entwickelt sich damithinter Dedalus zum zweiten Schwergewicht der Branche. Für Compugroup-Chef Frank Gotthardt passen daher die Akquisitionen „hervorragend zu unserem aktuellen Portfolio“.

Nexus: Wachsen in Europa

Die anderen verbliebenen Wettbewerber im deutschen KIS-Markt schauen den Entwicklungen entweder betont gelassen zu – oder schweigen vornehm. Als letztes inhabergeführte Unternehmen hat sich die Meierhofer AG schon 2015 mit Asklepios einen finanziell potenten Partner an Bord geholt, der 40 Prozent der Anteile an der Firma hält. Mit dem privaten Klinikriesen im Rücken hat die mittelständische Softwareschmiede (zirka 250 Kunden) gerade die neueste Generation seines KIS, das M-KIS Next, eingeführt. Als Übernahmekandidat sieht sich Meierhofer nicht.

Einer weiterer etablierter Anbieter ist Nexus. Der börsennotierte IT-Hersteller aus Donaueschingen ist mit seinem KIS Nexus längst europaweit aktiv und in sechs EU-Nachbarländern mit eigenem KIS vertreten. Von derzeit 600 KIS-Installationen von Nexus liegen 260 in Deutschland. Nexus sieht die eigene Produktstrategie durch die aktuellen Marktentwicklungen unberührt. Insbesondere in Hinblick auf die künftigen Anforderungen der Telematikinfrastruktur sei man „gut aufgestellt“, teilte das Unternehmen mit.

Auch bei der Deutschen Telekom gibt man sich betont gelassen, passend zu dem ruhigen Fahrwasser, indem sich das Unternehmen nach dem turbulenten Jahr 2018 nun wieder befindet. Damals hatte CEO Al-Saleh einen großen Umbruch bei der strauchelnden T-Systems durchgesetzt, zu dem der Bereich Healthcare Solutions mit seinem KIS ImedOne (rund 230 installierte Systeme) gehört. Nach dieser neuen Strategie gehört die Healthcaresparte zu den neuen Wachstumstreibern bei T-Systems. Größere Akquisitionen blieben 2019 aber aus.

Zunehmend schwieriger könnte die Situation für die kleine mittelständische KIS-Schmiede i-Solutions Health werden, dessen hauseigenes KIS ClinicCentre 97 Mal (Stand 2020) in Deutschland installiert ist. Seit 2018 hat das Unternehmen zudem mit Avedis ein weiteres KIS im Portfolio, das speziell auf die Bereiche Psychiatrie und Forensik ausgelegt ist.

Die jüngsten Veränderungen im deutschen KIS-Markt beunruhigen i-Solutions Health nicht. Die Auswirkungen des Dedalus-Deals und des Cerner-Teilverkaufs blieben abzuwarten, denn „meist sind solche Vorgänge mit Investitionsstau bei den Übernommenen verbunden. Wir als deutscher Mittelständler sind eine attraktive Alternative zu den großen Tankern“, teilte das Mannheimer Unternehmen mit. Im Moment zähle nicht Größe, sondern Innovation und Schnelligkeit. Corona bewirke einen unglaublichen Veränderungsschub und treibe die Binnen-Digitalisierung der deutschen Krankenhäuser in großen Schritten voran. „Das Krankenhauszukunftsgesetz wird wie ein Konjunkturpaket wirken“, prophezeit der Softwarehersteller. Besonders intersektorale webbasierte Softwareprodukte wie Patienten- bzw. Einweiserportale“, wie i-Solutions Health sie anbiete, würden sich flächendeckend durchsetzen.

Philips hat mit Tasy ein KIS im Angebot, das für den brasilianischen Markt entwickelt wurde und von dort aus technologisch betreut wird. Tasy wird laut Philips weltweit schon in mehr als 1000 Gesundheitseinrichtungen verwendet – entweder als komplettes KIS-System oder abgestimmt auf Anforderungen in Fachkliniken. Bislang kommt Tasy überwiegend in Lateinamerika zum Einsatz. Seit 2019 nutzt mit dem Krankenhaus Düren jetzt auch ein erstes deutsches Klinikum Tasy. Offenbar unterschätzte der Konzern aber den hohen Adapationsaufwand von Tasy auf das deutsche DRG-System, wie mehrere Insider übereinstimmend berichten. Dennoch: Tasy ist ein technologisch modernes System – und ebnet Philips den Weg in den europäischen KIS-Markt.

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