Georg Thieme Verlag KG

Revolution [aktualisiert]Wohin steuert der KIS-Markt in Deutschland?

Während es längere Zeit ruhig im Markt für Krankenhausinformationssysteme (KIS) war, geht es seit der Jahreswende 2019/20 turbulent zu. Erst verkaufte Marktführer Agfa sein KIS-Geschäft an Dedalus, dann arrondierte Branchenvize Cerner sein Portfolio. Gleichzeit schielen Private Equity Unternehmen auf den Markt der Health IT-Software.

KIS-Markt
Worawut/stock.adobe.com

Symbolfoto

Als Anbieter Agfa im Dezember 2019 den wahrscheinlichen Käufer seiner KIS-Sparte vorstellte, war die Überraschung in der Branche perfekt. Mit der italienischen Dedalus Holding präsentierte Agfa einen Käufer, den niemand wirklich auf der Liste hatte.

Anfang Mai 2020 finalisierten Dedalus und Agfa die Übernahme. Mit der italienischen Dedalus Holding betritt nun ein ganz neuer Player die Bühne. Spätestens damit ist klar, dass der deutsche Markt der Krankenhausinformationssysteme, in dem sich jahrelang kaum etwas bewegte, in einem tiefgreifenden Umbruch ist. Neue Player und finanzkräftige Investoren drängen auf den Markt, etablierte Anbieter orientieren sich neu.

Ein wesentlicher Grund ist die zunehmende Digitalisierung in den Kliniken und die sich daraus ergebenden höheren technischen Anforderungen. Das KIS der Zukunft muss cloudfähig und gut vernetzbar sein, mobile Anwendungen bei gleichzeitig hohen Sicherheitsstandards ermöglichen, nutzerfreundlich sein und mittels moderner internationaler Standards eine breite Kommunikation sicherstellen. Zudem sind Insellösungen nur für den hoch regulierten deutschen Markt nicht mehr profitabel.

Einige der im Markt befindlichen KIS sind technologisch in die Jahre gekommen und müssten technisch massiv modernisiert werden. Das kostet viel Geld – und ist in einem Markt, wo es derzeit weniger als 30 Neuinstallationen pro Jahr gibt, sehr teuer und kaum zu erwirtschaften. „Der entscheidende Punkt wird sein, wie der KIS-Markt sich technologisch verändern wird. Wer als Hersteller stark in möglicherweise bald veraltete Produkte investieren muss, neigt vielleicht eher zum Verkauf“, sagt Matthias Meierhofer, Chef der Meierhofer AG. Gefragt sind also ganz unterschiedliche Strategien je nach Ausgangslage, Finanzkraft und Positionierung, mit potenten Geldgebern in der Hinterhand. „Alle Hersteller suchen derzeit nach ganz unterschiedlichen Wegen und Ideen, um diesen Umbruch zu bewältigen. Eine einheitliche Linie gibt es nicht“, beobachtet Sebastian Zilch, Geschäftsführer des Branchenverbandes Bvitg.

Dedalus wird neuer Marktführer

Dass ausgerechnet der bisherige Platzhirsch Agfa jetzt dem deutschen Markt adieu sagt, kommt hingegen nicht überraschend. Bereits im vergangenen Frühajhr hatte der belgische Mutterkonzern Agfa Gaevert den Verkauf seiner Health IT-Sparte angekündigt. Der Konzern brauchte dringend liquide Mittel für geplante Investitionen und zur Sicherung seiner Pensionslasten in Höhe von mehr als einer Milliarde Euro.

Mit Dedalus zauberte Agfa einen in Deutschland bislang nahezu unbekannten Käufer aus dem Hut. Dabei hatte die Branche fest mit einem zweiten Versuch der Compugroup gerechnet, die KIS-Sparte von Agfa (knapp 800 KIS-Installationen in Deutschland) zu übernehmen. Der erste Übernahmeversuch von Compugroup war 2016 wohl vor allem an den bereits erwähnten hohen Pensionsverpflichtungen beim Mutterkonzerns Agfa Gaevert gescheitert.

Der Konzern zog aus dem gescheiterten Deal mit Compugroup Konsequenzen, trennte die Bereiche IT und Imaging und machte beide Teile gesellschaftlich unabhängig. Durch diesen Schritt lösten die Belgier das Pensionsproblem, die Health IT-Sparte wurde so zur schönen Braut aufgehübscht. Mit dem Kauf übernimmt Dedalus sämtliche Healthcare IT-Aktivitäten von Agfa in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Frankreich und Brasilien und zahlt dafür den stolzen Betrag von 975 Millionen Euro. Angesichts eines zuletzt geschätzten Jahresumsatzes der Agfa Sparte von 260 Millionen Euro ein enormer Betrag. „Man fragt sich schon, wie da der Kaufpreis wieder reingeholt werden soll“, sagt ein ehemaliger CEO ein großen Klinikette, der sein Namen hier nicht lesen möchte.

Bitte loggen Sie sich ein, um einen neuen Kommentar zu verfassen oder einen bestehenden Kommentar zu melden.

Jetzt einloggen

  • Derzeit sind noch keine Kommentare vorhanden. Schreiben Sie den ersten Kommentar!