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Revolution [aktualisiert]Wohin steuert der KIS-Markt in Deutschland?

Die KIS-Systeme Medico und Selene (spanischer Markt) sowie Soarian Integrated Care und die Archivlösung Soarian Health Archive reichte Cerner Anfang Februar für 225 Millionen Euro an den Mitbewerber Compugroup weiter. Der Deal soll im dritten Quartal abgeschlossen sein. Damit kommt auch Compugroup nach der Agfa-Pleite noch zum Zug. „Der Deal ist ein Win-Win-Geschäft für beide Seiten“, sagt ein Manager, der maßgeblich an den Verkaufsverhandlungen zwischen Cerner und Compugroup beteiligt war. Cerner konzentriert sich damit stärker auf den internationalen Markt und streicht nebenbei noch einen hohen Kaufpreis ein. Die bislang vor allem im E-Health-Bereich und ambulanten Sektor stark aufgestellte Compugroup (Umsatz 2019: 746 Millionen Euro) erhält mit Medico endlich ein eigenes KIS-System mit ausreichender Verbreitung im deutschen Markt (ca. 250 Installationen) und entwickelt sich damithinter Dedalus zum zweiten Schwergewicht der Branche. Für Compugroup-Chef Frank Gotthardt passen daher die Akquisitionen „hervorragend zu unserem aktuellen Portfolio“.

Nexus: Wachsen in Europa

Die anderen verbliebenen Wettbewerber im deutschen KIS-Markt schauen den Entwicklungen entweder betont gelassen zu – oder schweigen vornehm. Als letztes inhabergeführte Unternehmen hat sich die Meierhofer AG schon 2015 mit Asklepios einen finanziell potenten Partner an Bord geholt, der 40 Prozent der Anteile an der Firma hält. Mit dem privaten Klinikriesen im Rücken hat die mittelständische Softwareschmiede (zirka 250 Kunden) gerade die neueste Generation seines KIS, das M-KIS Next, eingeführt. Als Übernahmekandidat sieht sich Meierhofer nicht.

Einer weiterer etablierter Anbieter ist Nexus. Der börsennotierte IT-Hersteller aus Donaueschingen ist mit seinem KIS Nexus längst europaweit aktiv und in sechs EU-Nachbarländern mit eigenem KIS vertreten. Von derzeit 600 KIS-Installationen von Nexus liegen 260 in Deutschland. Nexus sieht die eigene Produktstrategie durch die aktuellen Marktentwicklungen unberührt. Insbesondere in Hinblick auf die künftigen Anforderungen der Telematikinfrastruktur sei man „gut aufgestellt“, teilte das Unternehmen mit.

Auch bei der Deutschen Telekom gibt man sich betont gelassen, passend zu dem ruhigen Fahrwasser, indem sich das Unternehmen nach dem turbulenten Jahr 2018 nun wieder befindet. Damals hatte CEO Al-Saleh einen großen Umbruch bei der strauchelnden T-Systems durchgesetzt, zu dem der Bereich Healthcare Solutions mit seinem KIS ImedOne (rund 230 installierte Systeme) gehört. Nach dieser neuen Strategie gehört die Healthcaresparte zu den neuen Wachstumstreibern bei T-Systems. Größere Akquisitionen blieben 2019 aber aus.

Zunehmend schwieriger könnte die Situation für die kleine mittelständische KIS-Schmiede i-Solutions Health werden, dessen hauseigenes KIS ClinicCentre 97 Mal (Stand 2020) in Deutschland installiert ist. Seit 2018 hat das Unternehmen zudem mit Avedis ein weiteres KIS im Portfolio, das speziell auf die Bereiche Psychiatrie und Forensik ausgelegt ist.

Die jüngsten Veränderungen im deutschen KIS-Markt beunruhigen i-Solutions Health nicht. Die Auswirkungen des Dedalus-Deals und des Cerner-Teilverkaufs blieben abzuwarten, denn „meist sind solche Vorgänge mit Investitionsstau bei den Übernommenen verbunden. Wir als deutscher Mittelständler sind eine attraktive Alternative zu den großen Tankern“, teilte das Mannheimer Unternehmen mit. Im Moment zähle nicht Größe, sondern Innovation und Schnelligkeit. Corona bewirke einen unglaublichen Veränderungsschub und treibe die Binnen-Digitalisierung der deutschen Krankenhäuser in großen Schritten voran. „Das Krankenhauszukunftsgesetz wird wie ein Konjunkturpaket wirken“, prophezeit der Softwarehersteller. Besonders intersektorale webbasierte Softwareprodukte wie Patienten- bzw. Einweiserportale“, wie i-Solutions Health sie anbiete, würden sich flächendeckend durchsetzen.

Philips hat mit Tasy ein KIS im Angebot, das für den brasilianischen Markt entwickelt wurde und von dort aus technologisch betreut wird. Tasy wird laut Philips weltweit schon in mehr als 1000 Gesundheitseinrichtungen verwendet – entweder als komplettes KIS-System oder abgestimmt auf Anforderungen in Fachkliniken. Bislang kommt Tasy überwiegend in Lateinamerika zum Einsatz. Seit 2019 nutzt mit dem Krankenhaus Düren jetzt auch ein erstes deutsches Klinikum Tasy. Offenbar unterschätzte der Konzern aber den hohen Adapationsaufwand von Tasy auf das deutsche DRG-System, wie mehrere Insider übereinstimmend berichten. Dennoch: Tasy ist ein technologisch modernes System – und ebnet Philips den Weg in den europäischen KIS-Markt.

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