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Interview mit Malte Issleib (UKE)„Auch Augenärzte müssen reanimieren können“

Diese Woche ist Woche der Wiederbelebung. Das UKE gehört zu den vielen Krankenhäusern, die sich mit Aufklärungsaktionen beteiligen. Das Besondere an der Hamburger Uniklinik: Sie schaut auch auf die eigenen Mitarbeiter. Das gesamte medizinische Personal am UKE ist jetzt zur Fortbildung verpflichtet. Wie das funktioniert, erklärt Oberarzt Malte Issleib im Interview.       


Am Artikelende befindet sich das UKE-Video "Ein Leben retten"

Die Deutschen sind keine Meister im Leben retten: Die Ersthelferquote ist mit 15 Prozent im Vergleich zu anderen europäischen Ländern gering. In Schweden und Norwegen liegt die Zahl bei 60 Prozent. Wie erklären Sie sich das?

Die Bereitschaft zur Ersten Hilfe und zur Herzlungenwiederbelebung steht und fällt mit der Qualität der Ausbildung und Aufklärung! In Deutschland sind die Kenntnisse um die Herzlungenwiederbelebung in der Bevölkerung nach wie vor unzureichend. Die regelmäßige Ausbildung in Reanimation, an Schulen, während der Ausbildung, an der Universität und regelmäßig während des Berufslebens sollte in Deutschland selbstverständlich sein. Unsere skandinavischen Nachbarn sind hier schon viel weiter.

Das UKE zeigt zur Woche der Wiederbelebung einen selbstproduzierten Film in den Hamburger U-Bahnen. Das ist ein großes und vermutlich auch kostspieliges Engagement. Was versprechen Sie sich davon?

Die Herzlungenwiederbelebung muss in die Köpfe der Menschen! Es geht jeden etwas an, und jeder kann betroffen sein. Dabei müssen die Menschen verstehen, dass es sehr einfach ist zu helfen, und dass nichts schlimmer ist als gar nichts zu tun. Deshalb haben wir einen Film für das Fahrgastfernsehen produziert. Dieser Film ist kein Lehrfilm. Wir erklären ihnen in dem Film nicht die Technik der Wiederbelebung. Vielmehr zeigen wir anhand einer kurzen, spannenden und emotionalen Geschichte, wie wichtig es ist, dass man sich ein Herz fasst und dem Mitbürger hilft. Unser Film soll aufrütteln, und für das Thema sensibilisieren. Wir hoffen also, dass unser Film Interesse weckt, und sich die Menschen auf unserer Projekthomepage genauer über die Reanimation informieren. Tatsächlich war die Produktion aufwendig. Nick Wiese, ein Filmstudent der Macromedia Hochschule in Hamburg, war unser Regisseur bei diesem Projekt, er hat den Film ehrenamtlich mit seinem Filmteam produziert. Ohne die Hilfe dieser Gruppe junger Kreativer wäre das Projekt niemals möglich gewesen. Darüber freuen wir uns sehr, und sind für die Zusammenarbeit sehr dankbar!

Wie schätzen Sie die Ersthelfer-Kompetenz des medizinischen Personals ein?

Lebensbedrohliche Notfälle sind für die meisten Ärzte und Pflegekräfte auf den peripheren Stationen und in den Funktionsbereichen kein Alltag. Sie werden von dem Herzstillstand eines Patienten genauso überrascht, wie medizinische Laien auf der Straße. Natürlich gibt es im Krankenhaus das Reanimationsteam, das relativ schnell zur Stelle ist – aber eben nur relativ. Nehmen Sie die Augenklinik in unserem weitläufigen Klinikum: Es sind 400 Meter, die das Reanimationsteam bis dorthin zurücklegen muss. Deshalb ist es ganz wichtig, dass das Personal vor Ort gut geschult ist und schnell mit lebensrettenden Sofortmaßnahmen beginnen kann. Dabei müssen sie gar keine komplizierten Maßnahmen ergreifen. Das Wichtigste ist wirklich die möglichst unterbrechungsfreie Herzdruckmassage, damit das Blut weiter im Körper zirkuliert. Erst danach stehen Beatmung, das Aussenden des Notrufs und der Einsatz des AED, des Automatischen Externen Defibrillators, auf der Prioritätenliste.

Damit UKE-Mitarbeiter besser auf Herzstillstände vorbereitet sind, ist die regelmäßige Ersthelfer-Ausbildung bei Ihnen jetzt verpflichtend. Wie konnten Sie das durchsetzen?

Seit einigen Jahren erfassen wir alle Reanimationen des UKE im Deutschen Reanimationsregister. Anhand dieser Daten prüfen wir kontinuierlich den gesamten Reanimationsprozess: vom Entdecken des Herzkreislaufstillstand über die lebensrettenden Sofortmaßnahmen bis hin zur professionellen Reanimation und der Verlegung auf die Intensivstation. Dadurch sind wir immer in der Lage, die Qualität unserer Versorgung zu überwachen, und uns ständig zu verbessern. Bisher gab es tatsächlich für die Ärzte nur die Empfehlung, alle zwei Jahre eine Reanimations-Fortbildung zu besuchen. Da die Patientensicherheit eines der höchsten Ziele des UKE ist, hat unser Vorstand nun beschlossen, ein Reanimationstraining – wir nennen es TNT, teamorientiertes Notfalltraining – verpflichtend für alle medizinischen Mitarbeiter einzuführen. Ich wurde als Reanimationsbeauftragter des UKE eingesetzt, und werde mich in Zukunft um die Überwachung der TNT Ausbildung im UKE kümmern, auch alle anderen Maßnahmen im Prozess der Reanimation überwachen, und gegebenenfalls regulierend eingreifen. Im Zentrum für Anästhesiologie und Intensivmedizin wurden ärztlich und pflegerisch personelle Ressourcen geschaffen, um die täglich stattfindenden Trainings UKE-weit durchzuführen. Wir haben einen Trainingsplan konzipiert in welchem jedes Zentrum, jede Klinik und jedes Institut des UKE berücksichtigt ist. Es ist eine große Herausforderung für ein Klinikum mit vielen tausend medizinischen Mitarbeitern ein solches Trainingskonzept zu etablieren. Ich bin allerdings überzeugt, dass wir schon in relativ kurzer Zeit messbare Verbesserungen in der Reanimationsbehandlung bei uns im UKE haben werden. Nach meiner Auffassung sollten so konsequente Ausbildungskonzepte wie unser TNT in allen Krankenhäusern zum Standard gehören.

Haben Sie etwas am Inhalt der Fortbildung geändert?

Schon immer haben wir im UKE Fortbildungen in Herzlungenwiederbelebung durchgeführt. Diese wurden von den einzelnen Kliniken selbstständig organisiert, und waren schon eine sehr gute Maßnahme. Wir haben jetzt das Rad nicht neu erfunden, aber haben sehr wohl die Ausbildungsinhalte in allen Kliniken des UKE angeglichen und anhand der Leitlinien zur Reanimation vom European Resuscitation Council (ERC) standardisiert. Die Reanimation ist in hohem Maße eine Teamaufgabe. Nur wenn alle im Team das gleiche Konzept im Kopf haben, können wir richtig gut sein. Dies haben wir im UKE jetzt umgesetzt.

Wie reagieren die Mitarbeiter auf die neue Fortbildungspflicht?       

Ausgesprochen positiv. Die Rückmeldungen sind sehr gut. Die Mitarbeiter sagen, sie könnten jetzt besser helfen und fühlten sich sicherer. Besonders im Nachtdienst ist es ein Gewinn, wenn Pflegekräfte in den ersten Minuten oftmals auf sich gestellt sind. Hier schafft unser neues Konzept viel Sicherheit für unsere Patienten und vor allen Dingen auch für unsere Mitarbeiter.

Müssen alle Mitarbeiter – auch die Verwaltung - das Training durchlaufen?

Die verpflichtende TNT-Fortbildung gilt zunächst nur für das medizinische Personal des UKE. Für die Zukunft ist es selbstverständlich unser Wunsch, dieses Training auf alle Mitarbeiter auszudehnen. Ich bin sehr optimistisch, dass wir dieses Ziel auch erreichen werden. Schon jetzt führen wir in der Verwaltung, in einigen Forschungsinstituten und auch mit dem Sicherheitsdienst des UKE TNT Schulungen durch. Diese Trainings sind aus Engagement der Mitarbeiter entstanden, und selbstverständlich unterstützen wir dies in vollem Umfang.

Gibt es auch andere Krankenhäuser mit ähnlichen Konzepten?

Erfreulicherweise gibt es in vielen Krankenhäusern mittlerweile große Anstrengungen die Kenntnisse der Mitarbeiter in Herzlungenwiederbelebung zu optimieren. Die Kollegen des Universitätsklinikum Dresden haben beispielsweise schon ein paar Jahre Erfahrung mit einem ganz ähnlichen Konzept, und sind hier sehr erfolgreich. So umfassende, und vom Vorstand getragene, verpflichtende Konzepte, wie bei uns im UKE, gibt es meines Wissens aber nur an wenigen anderen Kliniken.

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