Georg Thieme Verlag KG

VernehmungErmittlungsbeamter belastet Högels Vorgesetzte

Der frühere Krankenpfleger und Serienmörder Niels Högel ist längst verurteilt. Offen ist noch die Frage, ob Vorgesetzte von den Taten wussten oder gar hätten einschreiten müssen? Ein leitender Ermittlungsbeamter belastet die damaligen Vorgesetzten.

Gesetzbuch
Ingo Bartussek/stock.adobe.com

Symbolfoto

Inwieweit haben Ärzteschaft, Pflegende und Klinikleitung von den Verbrechen des verurteilten Patientenmörders Niels Högel in den Kliniken Oldenburg und Delmenhorst gewusst? Dass es Unregelmäßigkeiten im Zusammenhang mit dem damaligen Pfleger Högel gab, sei „sehr wohl aufgefallen“, sagte am 21. April der Chefermittler der ehemaligen Sonderkommission „Kardio“, Arne Schmidt, bei dem Prozess gegen frühere Vorgesetzte des Pflegers vor dem Oldenburger Landgericht. Der 51 Jahre alte Beamte schilderte über mehrere Stunden die einzelnen Ermittlungsphasen und referierte Zeugenaussagen, Statistiken und Protokolle aus Betriebsratsitzungen.

In dem Verfahren will das Gericht klären, ob sich Vorgesetzte Högels gegebenenfalls durch Unterlassen mitschuldig machten. Ihnen wird in unterschiedlichem Umfang Beihilfe zum Totschlag beziehungsweise versuchten Totschlag jeweils durch Unterlassen vorgeworfen. Angeklagt sind drei Ärzte, drei leitende Pflegerinnen und Pfleger und ein Ex-Geschäftsführer der Kliniken Oldenburg und Delmenhorst.

In den Krankenhäusern, wo Högel von Juni 1999 bis Oktober 2002 sowie von Dezember 2002 bis zu seiner Festnahme im Juli 2005 beschäftigt war, brachte er wehrlose Patientinnen und Patienten um, indem er ihnen nicht verordnete Medikamente spritzte. Der Deutsche wurde 2019 wegen 85-fachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt und verbüßt seine Strafe in der JVA Oldenburg.

Schmidt berichtete unter anderem von Abgleichen von Dienstplänen mit den Todesfällen auf den Intensivstationen bei den Ermittlungen. Diese ergaben vor allem für Delmenhorst hohe Sterbefallzahlen, wenn Högel in der betreffenden Schicht gearbeitet hatte. Die Sonderkommission „Kardio“ arbeitete von Oktober 2014 bis August 2017. Für die Ermittlungen wurden mehr als 130 Leichname exhumiert.

Der Ermittler erläuterte auch, dass in Delmenhorst 2004 der Zugang zu dem Medikament Gilurytmal, mit dem Högel viele Patienten tödlich vergiftete, erleichtert wurde. Der Grund sei ein Anstieg bei der Bestellmenge des Stoffes gewesen, der registriert wurde. Auch dem Klinikum Oldenburg sei dies bekannt gewesen, da die Klinik den Apothekendienst für das Haus in Delmenhorst übernahm.

Nach einem Wochenende mit besonders vielen Reanimationen am Klinikum Oldenburg wies ein Arzt den Leiter des Pflegedienstes laut Schmidt zudem an, eine Strichliste zu führen. Dort wurde die Zahl der Reanimationen und der beteiligten Pflegerinnen und Pfleger vermerkt. In der Liste, die dem Gericht vorlag, waren mit 18 Reanimationen die meisten bei Ex-Pfleger Högel verzeichnet. Diese Liste sei den Ermittlern erst später bekannt geworden, schilderte Schmidt. Demnach habe die Klinikleitung Sorge, um den „Ruf des Hauses“ gehabt.

Die Verteidiger befragten Schmidt intensiv zur Ausgabe eines Laptops an Högel vor Vernehmungen, auf dem komprimierte Fallakten gespeichert waren. Offen ist, ob Högel sich bei Befragungen an die Taten und Umstände tatsächlich erinnerte oder seine Erinnerungen nur auf die ihm zur Verfügung gestellten Krankenakten stützte.

Aus Sicht der Anklage hätten sie Mordtaten Högels mit an „Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ verhindern können. Dem widersprechen die Verteidiger. Der Prozess soll am Freitag mit der weiteren Vernehmung des Chefermittlers fortgesetzt werden.

Bitte loggen Sie sich ein, um einen neuen Kommentar zu verfassen oder einen bestehenden Kommentar zu melden.

Jetzt einloggen

  • Derzeit sind noch keine Kommentare vorhanden. Schreiben Sie den ersten Kommentar!