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Mitschuld?Gutes Arbeitszeugnis wirft neue Fragen im Fall Högel auf

Nach sieben Tagen in dem Prozess, bei dem geklärt werden soll, ob Patientmörder Högel von Verantwortlichen der Kliniken in Oldenburg und Delmenhorst hätte gestoppt werden können, haben sich neue Fragen ergeben.

Rechtsspruch
Memyjo/stock.adobe.com

Symbolfoto

Der verurteilte Patientenmörder Niels Högel verließ Ende 2002 mit einem außerordentlich guten Arbeitszeugnis das Klinikum Oldenburg. Dabei war das Krankenhaus Tatort – auch dort hatte er Patienten zu Tode gespritzt. Unter dem Arbeitszeugnis standen die Unterschriften einer damaligen Pflegedirektorin und des früheren Geschäftsführers. Beide gehören zu den sieben Angeklagten, die sich seit 17. Februar 2022 vor dem Landgericht Oldenburg verantworten müssen.

Die Schwurgerichtskammer muss klären, ob die angeklagten Ex-Vorgesetzten  drei Ärzte, drei leitende Pflegerinnen und Pfleger und ein Ex-Klinik-Geschäftsführer der Kliniken Oldenburg und Delmenhorst – möglicherweise eine Mitschuld an den Verbrechen trifft. Deren Verteidiger weisen das als grotesk zurück. Ihren Mandanten wird in unterschiedlichem Umfang Beihilfe zum Totschlag beziehungsweise versuchten Totschlag jeweils durch Unterlassen vorgeworfen.

Gutes Arbeitszeugnis trotz zerrüttetem Vertrauensverhältnis

Im dem Zeugnis wurde Högel damals als verantwortungsbewusster und interessierter Mitarbeiter beschrieben, der umsichtig, gewissenhaft und selbstständig arbeite und einfühlsam, verständnisvoll und fürsorglich mit Patienten umgehe. Die ihm übertragenen Aufgaben habe er „zu unseren vollsten Zufriedenheit“ ausgeführt, wie aus dem Zeugnis hervorgeht, das am 25. März 2022 verlesen wurde. Die Beurteilung habe er als „zynisch, dreist und gelogen“ empfunden, so Högel.

Dem Testat gingen mehrere Gespräche zwischen Högel, einem Chefarzt sowie auch dem Klinikgeschäftsführer voraus, wie Betriebsratprotokolle belegen. Danach war das Vertrauensverhältnis zwischen dem damaligen Pfleger Högel, dem Chefarzt und dem Geschäftsführer zerrüttet. Es blieb aber laut Betriebsrat letztlich bei „diffusen Verdächtigungen“ im Umgang mit schwerstkranken Patienten.

„Wir haben schon das Gefühl, hier wird nicht mit offenen Karten gespielt“, hieß es in einer Notiz des Betriebsrates von 2002. Högel war Ende 2002 direkt eine Kündigung oder ein Auflösungsvertrag nahegelegt worden. Ein Chefarzt hatte damals mit Blick auf Högel von Unbehagen gesprochen. Letztlich nahm Högel das Angebot an und wechselte als Pfleger zum Klinikum Delmenhorst. Dort mordete er bis 2005 weiter.

Angeklagte stellen Befangenheitsantrag gegen Richter

Die Anwälte eines angeklagten Arztes stellten am 25. März einen Befangenheitsantrag gegen Richter Sebastian Bührmann, dem sich weitere Angeklagte anschlossen. Sie warfen ihm vor, dass er von Todesfällen ausgehe, die in diesem Verfahren noch nicht festgestellt worden seien. Der Antrag wurde zur Entscheidung zurückgestellt.

Högels Zeugenaussagen zufolge haben Ärzte etwas geahnt

Nach Beschreibung Högels, der am sechsten Verhandlungstag in Folge als alleiniger Zeuge aussagte, herrschte auf der Intensivstation im Oldenburger Klinikum zum Zeitpunkt der Morde eine Atmosphäre des allgemeinen Misstrauens und der Verunsicherung. Der 45-jährige Deutsche verwies auf Schuldzuweisungen und Anweisungen von Ärzten. In einem Fall habe ein Arzt ihm gesagt, dass auf der Intensivstation Dinge passierten, die er sich bald nicht mehr erklären könne.

Der Arzt habe auch zur Überraschung der Pfleger bei einer Krisensituation mit einem Patienten den sofortigen Austausch aller sogenannten Perfusorspritzen und die Lagerung der alten angeordnet. Högel ermordete auf der Station zahlreiche wehrlose Patienten, indem er ihnen nicht verordnete Medikamente mit Spritzen injizierte. Für den Prozess sind insgesamt 42 Verhandlungstage angesetzt. Am 7. April soll Högel vermutlich das letzte Mal als Zeuge vernommen werden.

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