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DKG zum AOK-Krankenhaus-ReportSind Klinik-Schließungen wirklich das Mittel der Wahl?

Die Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Dr. Carola Reimann, und die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) äußern sich zum AOK-Krankenhaus-Report 2022. Uneinigkeit herrscht bei der Interpretation der Fallzahl-Einbrüche und der finanziellen Lage der Kliniken.

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Die Vorstellungen des AOK-Bundesverbands zur zukünftigen Krankenhaus-Versorgungslandschaft in Deutschland weisen nach Ansicht der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) richtige Ansätze auf. Erneut konzentriere sich der Krankenhaus-Report aber zu stark auf die einfache Botschaft der Krankenhausschließungen. Richtig sei, dass ein klug geplanter und gesteuerter Umbau der Versorgungsstrukturen gebraucht würde und dass damit der bisher kalte Strukturwandel beendet werden müsse.

„Dieser Strukturwandel sollte jedoch nicht das primäre Ziel haben, Krankenhausstandorte ersatzlos aufzugeben, sondern das Leistungsgeschehen orientiert am Versorgungsbedarf der Menschen in den Regionen neu zu ordnen. Krankenhäuser brauchen entsprechende Rahmenbedingungen, um einen Teil ihrer bisher vollstationären Leistungen ambulant am Krankenhaus erbringen zu können“, erklärt Dr. Gerald Gaß, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG)

DKG widerspricht AOK bei Verweis auf Maximalversorger

In einigen Regionen hätten Stufenpläne dazu beigetragen, dass schwer erkrankte Patientinnen und Patienten mit Covid-19 in erster Linie in Unikliniken und Krankenhäusern der Maximalversorgung mit der nötigen Ausstattung und erfahrenen Teams behandelt worden sind, äußert die Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Dr. Carola Reimann. Laut einer Auswertung für den Krankenhaus-Report hat ein Viertel der Kliniken in Deutschland etwa 62 Prozent der schwer erkrankten Patientinnen und Patienten mit Covid-19 behandelt, aber es gibt auch viele Kliniken, die nur wenige Fälle behandelt haben. „Die Pandemie zeigt erneut, wie dringlich eine Krankenhausreform ist, die Zentrenbildung, mehr Kooperation und mehr Spezialisierung der Kliniken forciert", so Reimann.

In der Pandemie haben sich vor allem regionale Krankenhaus-Netzwerke unterschiedlicher Versorgungsstufen bewährt, erwidert die DKG. Anders als es der AOK-Bundesverband suggeriere, waren eben nicht nur Universitätskliniken und Maximalversorger an der Corona-Versorgung beteiligt. Natürlich haben Unikliniken und andere Maximalversorger verstärkt komplizierte Fälle behandelt. Das war ihnen aber nur möglich, weil andere Krankenhäuser in den regionalen Netzwerken die Regelversorgung übernommen, Infektionsstationen für leichte Covid-Fälle eingerichtet und so die großen Kliniken entlastet haben. Statt pauschaler Schließungen bedarf es eines Zusammenspiels der wohnortnahen Grundversorgung, Zentrenbildung und Spezialisierung.

Fallzahlrückgänge belegen laut Gaß nicht die Überversorgung

Die im Krankenhaus-Report 2022 berichteten starken Fallzahl-Einbrüche bei den sogenannten „ambulant-sensitiven“ Diagnosen im bisherigen Verlauf der Corona-Pandemie seien ein deutlicher Hinweis darauf, dass in Deutschland wesentlich mehr Krankenhausfälle ambulant versorgt werden könnten als bisher, sagt die AOK-Vorstandsvorsitzende.

Der DKG zufolge belegen die Fallzahlrückgänge jedoch in den vergangenen zwei Jahren nicht, dass die bisherigen Leistungen nicht benötigt werden oder nun komplett ambulant erfolgen könnten. Vielmehr zeigten gerade die Zahlen bei Herzinfarkt und Schlaganfall, dass viele leichtere Fälle überhaupt nicht behandelt wurden, weil Patienten aus Angst vor Infektion oder Überlastung das Krankenhaus gemieden haben.

„Absolut richtig liegt der AOK-Bundesverband, wenn er fordert, die ambulanten Potenziale der Krankenhäuser besser zu nutzen. Es kann aber nicht darum gehen, bislang stationär erbrachte Leistungen eins zu eins in ambulante Strukturen zu überführen. Vielmehr müssen wir die Kompetenzen der Kliniken nutzen, um die ambulante klinische Versorgung aufzubauen und zu etablieren. Das muss adäquat finanziert werden“, erklärt DKG-Vorstand Gaß.

Liquiditätssicherung für die Krankenhäuser sei dringend erforderlich

Reimann hebt hervor, dass die Gesetzliche Krankenversicherung in der Corona-Pandemie für eine auskömmliche, faire und leistungsgerechte Finanzierung der Krankenhäuser steht: „Trotz der vielen ausgefallenen Behandlungen und Operationen ist durch die GKV in den vergangenen beiden Jahren sogar mehr Geld an die Krankenhäuser überwiesen worden als vor der Pandemie.“ Allein 2020 waren es etwa 1,3 Milliarden Euro mehr als 2019. Auch 2021 und 2022 sei der Rettungsschirm mit Corona-Ausgleichsregelungen, Freihaltepauschalen und Versorgungsaufschlägen weit aufgespannt worden, so Reimann. Von einer flächendeckenden finanziellen Notlage der Kliniken könne also keine Rede sein – im Gegenteil: Das Insolvenzrisiko sei für die Kliniken seit Jahren geringer als in der Gesamtwirtschaft, sagt Reimann. Die von der AOK angebotenen unbürokratischen Liquiditätshilfen für Kliniken, die von einer finanzielle Schieflage bedroht sind, seien in diesem Jahr bisher noch gar nicht in Anspruch genommen worden.

Hier halten die deutschen Krankenhäuser dagegen. Wenn die AOK betont, die Krankenhäuser hätten so viel Gelder wie nie zuvor aus der gesetzlichen Krankenversicherung erhalten, suggeriert sie damit, die Kliniken hätten ebenfalls Gewinne wie nie zuvor erwirtschaftet. Das sei falsch, denn das gesamte ambulante Leistungsgeschehen der Krankenhäuser ist eingebrochen, Nebenbetriebe mussten weiter finanziert werden, ohne dass sie Einnahmen verbuchen konnten, und gleichzeitig stiegen die Kosten im Krankenhaus immens. Neben den gestiegenen Sach- und Energiekosten waren die Personalausfälle durch Quarantäne und Isolation problematisch. Die Kliniken konnten sie nur durch Leiharbeit kompensieren. Das hatte natürlich immense finanzielle Folgen.

„Gerade vor dem Hintergrund, dass am 18. April die Ausgleichszahlungen auslaufen, ist die Liquiditätssicherung für die Krankenhäuser dringend erforderlich. Der Pflegeentgeltwert zur Finanzierung der Pflegepersonalkosten muss deshalb deutlich auf mehr als 250 Euro erhöht werden, nicht, damit Krankenhäuser Gewinne erwirtschaften könnten, sondern um Gehaltszahlungen der Pflegekräfte für das Jahr 2022 sicherzustellen. Wir sind mit einem Betrag von rund 8 Milliarden Euro in die Vorleistung gegangen, der dringend ausgeglichen werden muss“, so Gaß.

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