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Debatte um ImmunisierungsquoteMedian-Chef drängt auf schnelle Impfpflicht im Gesundheitswesen

Sollen Beschäftigte im Gesundheitswesen gesetzlich verpflichtet werden, sich gegen Corona impfen zu lassen? Ja, meint Median CEO Dr. André M. Schmidt. Eine Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen sei für Deutschlands größten privaten Reha-Anbieter das Mindeste.

Impfstoff
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Symbolfoto

Dr. André M. Schmidt
Median Kliniken

Dr. André M. Schmidt ist Vorsitzender der Geschäftsführung der Median Unternehmensgruppe.

Dr. André M. Schmidt ist bekannt dafür, sich klar zu positionieren. Jetzt bezieht der Chef von Deutschlands größtem privaten Betreiber von Rehabilitationseinrichtungen auch in der aktuellen Impfpflicht-Debatte Stellung: „Wir würden eine allgemeine Impfpflicht sehr begrüßen, zumindest aber eine Pflicht zur Impfung für bestimmte Berufsgruppen“, betont der Vorsitzende der Geschäftsführung der Median Unternehmensgruppe mit Sitz in Berlin. „Gerade für Mitarbeitende im Gesundheitswesen halten wir dies für eine wichtige Maßnahme im Kampf gegen das Virus“, betont Schmidt.

Eine Impfung sei der beste Weg, die Pandemie zu besiegen und Sicherheit für den Einzelnen und die Gesellschaft zu schaffen. „Eine Rückkehr zur Normalität – nicht nur in unseren Kliniken und Einrichtungen, sondern in ganz Deutschland – gelingt nur mit einer möglichst hohen Impfquote“, ist Schmidt überzeugt. Die Diskussion darüber, wie diese zu erreichen ist, nimmt derzeit an Stärke zu. Mitte Juni hatte Hans-Friedrich Günther, der Geschäftsführer des städtischen Klinikums Ludwigshafen, für hitzige Diskussionen gesorgt, als er eine rigorose Linie gegen impfunwillige Beschäftigte ankündigte – und im Juli eine Pflegehelferin in Probezeit entließ. Die Teilzeit-Mitarbeiterin, die im Pool beschäftigt war, ist nicht bereit, sich impfen zu lassen. Günther seinerseits ist nicht bereit, Beschäftigte zu belohnen, die sich so verhalten, sagt der Klinikleiter.

„Kündigungen wird es nicht geben”

So weit wie Günther mag Median-Chef Schmidt nicht gehen. Kündigungen wie in Ludwigshafen werde es nicht geben, sagte er auf Anfrage von kma. Dies gelte – unabhängig von der Gesetzeslage – auch mit Blick auf die Aufrechterhaltung des Klinikbetriebes. „Wir haben nahezu überall eine hohe Auslastung und müssen die Versorgung unserer Patienten sicherstellen”, betont Schmidt. Auch wenn sich das Unternehmen klar für die Impfpflicht ausspreche, liege die Entscheidung, sich und andere durch eine Impfung zu schützen – „solange die gesetzlichen Rahmenbedingungen sich nicht ändern” – bei jedem Einzelnen. Und das gelte es zu respektieren, so Schmidt.

Aus Fürsorgepflicht gegenüber Patienten und Kollegen gebe es allerdings ein rigoroses Testkonzept für nicht geimpfte Beschäftigte. „Wenn selbst Tests verweigert werden, prüfen wir arbeitsrechtliche Konsequenzen”, erklärt der Median-Chef.

Grundsätzlich werbe das Unternehmen, das in Deutschland rund 120 Kliniken und Einrichtungen mit 18 500 Betten und Behandlungsplätzen betreibt, intern „bei jeder sich bietenden Gelegenheit weiter für das Impfen”, sagt Schmidt – etwa im persönlichen Gespräch, durch Infoblätter oder in Briefen der Geschäftsführung an die Belegschaft. „Darin benennen wir klar unsere Position”, sagt Schmidt: „Beschäftigte im Gesundheitswesen sind mit Blick auf Covid-19 nicht nur für sich selbst, sondern auch für die ihnen anvertrauten Patienten verantwortlich”.

Ein Großteil der rund 15 000 Median-Beschäftigten sei bereits doppelt geimpft. In den rund 120 Einrichtungen liege die Impfquote im Durchschnitt bei 72 Prozent vollständig Immunisierten, die Zahl der Erstgeimpften sei mit 75 Prozent etwas höher. „Wir sind zuversichtlich, hier noch zuzulegen”, so Schmidt.

„Wir müssen auch das Long-Covid-Risiko berücksichtigen“

Seine Forderung nach einer gesetzlichen Impfpflicht gegen Corona sei nicht mit anderen Konzernchefs abgestimmt, sagte Schmidt zu kma. Ihm und der gesamten Geschäftsführung sei es wichtig, in dieser Frage Position zu beziehen, betont er. Hinzu komme, „dass wir in unseren Kliniken täglich erleben, was Covid-19 anrichten kann”. Inzwischen seien in den Median-Häusern knapp 3000 Post- und Long-Covid-Reha-Patienten behandelt worden, „von denen die meisten nicht mal im Akutkrankenhaus waren und dennoch mit schwerwiegenden Langzeitfolgen zu kämpfen haben – eine Impfung hätte sie schützen können.”

Genau diese Langzeitfolgen hat der promovierte Biochemiker bei seinem jetzigen Vorstoß neben der akuten Pandemie besonders im Blick. Denn wenn der Auslastung der Intensivstationen als Indikator künftig mehr Bedeutung beigemessen werde, würden sie als wichtiger Punkt erneut übersehen: „Aktuellen Schätzungen zufolge entwickeln rund zehn Prozent der Infizierten Long Covid mit teils schweren körperlichen Folgen. Davon hatten die meisten aber nur einen leichten oder mittelschweren Verlauf ohne Krankenhausaufenthalt. Wir müssen auch dieses noch nicht weiter kalkulierbare Risiko berücksichtigen“, mahnt Schmidt.

Kritik an der Ständigen Impfkommission

Zudem treffe Long Covid auch Kinder und Jugendliche, die die akute Erkrankung zunächst gut zu verarbeiten scheinen, erklärt der Median-Chef. „Bei ihnen finden wir ähnliche Long-Covid-Verläufe, wenn auch mit geringerer Häufigkeit. Lassen Erwachsene sich nicht ausreichend impfen, setzen sie Kinder eben diesem Risiko aus.“ Gleichzeitig müssten auch die Kinder selbst durch Impfungen geschützt werden. In der Vergangenheit sei hier viel konsequenter gehandelt worden, etwa als eine Impfpflicht für Kleinkinder eingeführt wurde, um die Pocken zu besiegen, obwohl die Impfstoffe damals wesentlich stärkere Reaktionen hervorgerufen hätten.

„Wir begrüßen es daher ausdrücklich, dass sich die Ständige Impfkommission nach übermäßig langem Widerstand gegen die bekannten Erkenntnisse anderer Länder nun doch endlich für eine Impfung der Zwölf- bis 17-Jährigen ausspricht“, betont Schmidt. Trotzdem habe die Kommission mit ihrer Haltung eine Verunsicherung in der Bevölkerung produziert, „die nicht so leicht zu kurieren ist. Den menschlichen Schaden, den ihr Zögern verursacht hat, wird sie sich immer anrechnen lassen müssen.“

Was man jetzt jedoch weder in der Gesellschaft noch im Gesundheitswesen brauche, sei eine Endlos-Diskussion, betont Schmidt: „An jedem Tag, den wir damit vergeuden, produzieren wir weitere chronisch Kranke für die kommenden Jahrzehnte.“

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