
Besuchern des neuen Gebäudes eröffnet sich beim Eintreten ein helles, luftiges und hochmodernes Foyer. Eine breite Treppe schlängelt sich durch das großzügige Atrium hinauf in den ersten Stock. Gedämpfte Raumakustik, üppig bebilderte Wände und großzügige Räumlichkeiten sorgen für Wohlfühlatmosphäre. Bis auf einige, sehr dezent gehaltene Stationswegweiser an den Wänden lässt in dem Foyer nichts auf eine hochspezialisierte Herzklinik schließen, in der in Kürze Herzen und Lungen transplantiert, Aortenklappen ausgetauscht und Bypässe gelegt werden.
Nach vielen Verzögerungen ist das neue Herz- und Gefäßzentrum nach knapp sechsjähriger Bauzeit mit einem Festakt Ende Mai auf dem Gelände des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) feierlich eröffnet worden. Das Ziel ist klar und die Erwartungen sind groß: Es soll neue Maßstäbe für die Herz-, Gefäß- und Lungenmedizin in Deutschland setzen. „Das neue Herzzentrum schafft optimale Bedingungen für eine interdisziplinäre, multiprofessionelle Zusammenarbeit und eine translationale Forschung, um Patienten noch besser versorgen zu können“, sagt der Ärztliche Direktor und Vorstandschef des UKE, Prof. Christian Gerloff.
Das ist das Besondere: Die neue Klinik vereint die Disziplinen Kardiologie, Herzchirurgie, Kinderherzmedizin, Gefäßmedizin, Pneumologie, Thoraxchirurgie und eine Dialyseeinheit unter einem Dach. Für die Behandlung und Versorgung der Patienten stehen 15 Stationen, zehn „Interventions-Suiten“ (Katheterlabore) und neun OP-Säle bereit.
Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf minimalinvasiven und kathetergestützten Verfahren, etwa in der Herzrhythmustherapie, der Herzklappenmedizin oder der Behandlung komplexer Gefäßerkrankungen. Hinzu kommen robotikgestützte Chirurgie, Kinderherzchirurgie sowie Herz- und Lungentransplantationen. Hochspezialisierte radiologische Bildgebungsverfahren wie die Herz-CT und -MRT und nicht-invasive CT- und MR-Angiographie sind ebenfalls im Neubau untergebracht.
Perspektivenwechsel in der Versorgung
In der neuen Herzklinik entstehen aber nicht nur neue Kapazitäten, sondern es wird auch ein Perspektivenwechsel eingeläutet: Patienten werden nicht mehr entlang von Klinikgrenzen, sondern organ- beziehungsweise krankheitsorientiert versorgt. Interdisziplinäre Teams aus verschiedenen Fachbereichen entscheiden gemeinsam über die jeweils beste Therapie – von der Diagnostik über interventionelle Eingriffe bis hin zu komplexen Operationen und Transplantationen.

Die gemeinsame Unterbringung der unterschiedlichen Disziplinen in einem Gebäude soll diesem Perspektivenwechsel Vorschub leisten. „Durch die Verzahnung von Forschung, Lehre und klinischer Expertise schaffen wir die Voraussetzungen für eine personalisierte Herz- und Gefäßmedizin auf höchstem Niveau“, erklärte der Ärztliche Leiter des neuen Herzzentrums, Prof. Stefan Blankenberg. Im Hamburg Center for Cardiovascular Research (HCCR) vernetzen sich mehr als 40 Forschende aus Klinik und Wissenschaft, um gemeinsam Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu erforschen.
Mehr Platz und mehr Kapazitäten
Auch räumlich hat das neue Gebäude viel zu bieten: Mehr Platz für Patienten und Mitarbeitende sowie mehr Lagermöglichkeiten. „Die neue Infrastruktur und die neuen Räumlichkeiten entsprechen den modernen Standards, wie sie auch Mitarbeitende heute fordern“, erläuterte der Leiter der Klinik für Intensivmedizin, Prof. Stefan Kluge. Auch die Technik sei in dem Neubau auf dem neuesten Stand.
Da nun auch CT- und MRT-Geräte in der neuen Klinik untergebracht sind, verkürzten sich die Transportwege; die Patienten müssten nicht mehr zwischen den verschiedenen Gebäuden auf dem UKE-Gelände hin- und hergebracht werden. Auch seien insgesamt die Kapazitäten deutlich größer als im alten Gebäude, sagte Kluge. „Wir haben jetzt mehr OPs, mehr Herzkatheter-Plätze und auch mehr Betten. Damit sind wir insgesamt leistungsfähiger und können mehr Patienten versorgen.“
Verzögerungen und gestiegene Kosten
Nach der Grundsteinlegung 2020 hatte sich die Fertigstellung des Gebäudes aufgrund der Corona-Pandemie und des Ukraine-Krieges immer wieder verzögert. Der Neubau wurde auch deutlich teurer als geplant: Die Baukosten stiegen nach UKE-Angaben von etwa 200 Millionen auf knapp 300 Millionen Euro. Der Hauptgrund hierfür waren gestiegene Material- und Arbeitskosten. Zusätzliche Gelder kamen zum Großteil von der Stadt Hamburg.
Entsprechend hoch sind die Erwartungen, die an das neue Herzzentrum geknüpft sind: Gemeinsam das Beste für die Patienten geben, Forschung und Lehre noch besser mit dem medizinischen Betrieb verzahnen, innovative Therapien erforschen und als attraktiver Standort für Mitarbeitende wahrgenommen werden, gehörte zu den Kernbotschaften bei der Eröffnungsveranstaltung. Geistliche verschiedener Konfessionen weihten das neue Gebäude ein.

100 zusätzliche Betten
Bisher behandelt die Herzmedizin des UKE jährlich rund 10.000 Patienten stationär und rund 19.500 Patienten ambulant. Künftig werden sich die Akutversorgung sowie die ambulante und stationäre Versorgung auf rund 72.000 Quadratmeter Nutzfläche auf sechs Etagen verteilen. Für die Patienten stehen rund 380 Betten zur Verfügung – 100 mehr als zuvor –, darunter 60 Intensivbetten und 16 Betten auf der „Cardio Vascular Care Unit“, auf acht Stationen, einer Kinderherzstation sowie drei Intensivstationen für Erwachsene.
Patienten mit schwerer Herzinsuffizienz oder Herzunterstützungssystemen werden auf der hochspezialisierten „Heart Failure Unit“ versorgt. Erstmals werden auch die Disziplinen Pneumologie und Thoraxchirurgie gemeinsam Patienten auf einer Station vor und nach Lungeneingriffen sowie mit chronischen Lungenerkrankungen behandeln.
Von den neun Operationssälen sind drei Hybrid-Operationssäle und ein mit Operationsrobotik ausgestatteter Saal. Mit dem DaVinci-Roboter werden dort beispielsweise Bypassoperationen am schlagenden Herzen durchgeführt. Bei Hybrid-OPs ist die bildgebende Medizintechnik im Operationssaal integriert, sodass beispielsweise die Operateure ihren Eingriff direkt auf dem Bildschirm in Echtzeit überprüfen können. Zu der neuen Infrastruktur zählen außerdem 23 Dialyseplätze, eine große funktionsdiagnostische Abteilung mit rund 30 ambulanten Sprechstunden sowie eine Sterilgutaufbereitung mit einer Kapazität von 90.000 Einheiten pro Jahr.

Modernste Bildgebung im Imaging Center
Zentrale Bedeutung hat das „Cardiovascular Imaging Center“, das gemeinsam mit der Klinik und Poliklinik für Diagnostische und Interventionelle Radiologie und Nuklearmedizin und der Klinik für Kardiologie betrieben wird. Hochauflösende CT- und MRT-Verfahren der neusten Generation sowie der Herzultraschall ermöglichen eine präzise Diagnostik von Herz-Gefäß-Erkrankungen in sehr frühen Stadien und damit auch frühestmöglich eine bildgestützte minimalinvasive Behandlung.
Die Herzkatheterlabore, die Hybrid-OP-Säle und das „Cardiovascular Imaging-Center“ wurden von Siemens Healthineers mit bildgebender Medizintechnik ausgestattet. Darunter ist auch ein 3-Tesla-Magnetresonanztomograf sowie ein Photon-Counting-Computertomograf der neusten Generation, für hochauflösende Bilder bei geringer Strahlung. Mit der Technologie lassen sich beispielsweise Koronararterien in großer Detailtiefe darstellen. Integriert ist zusätzlich die Klinik für Gefäßmedizin, die das Spektrum von Halsschlagaderverengungen, Aneurysmen und peripheren arteriellen Verschlusskrankheiten mit Fokus auf schonende, minimalinvasive Verfahren behandelt.
Die Patientenzimmer sind auf Kinder, Jugendliche und Erwachsene ausgerichtet, die aufgrund schwerer Herzerkrankungen viele Wochen in der Klinik verbringen müssen. Es gibt Aufenthaltsräume mit Pantry, einen Trainingsraum, Rückzugsräume und Unterbringungsmöglichkeiten in den Zimmern für Angehörige. Auf der Kinderherzstation sind Spiel- und Jugendzimmer für unterschiedliche Altersstufen eingerichtet. Die Tiefgarage des Neubaus verfügt über 460 Parkplätze.
Der Bau entstand nach Plänen der Architekten Nickl & Partner (München) und wurde von der Bau- und Techniktochter des UKE, der KFE Klinik Facility-Management Eppendorf, umgesetzt. Das Universitäre Herz- und Gefäßzentrum ist das dritte abgeschlossene Großprojekt des UKE-Zukunftsplans 2050 nach der Inbetriebnahme der Martini-Klinik (2024), des Campus Forschung II und dem Hamburg Center for Translational Immunology (2025). Bis Ende Juni soll der Umzug inklusive der Stationen mit rund 1000 Mitarbeitenden abgeschlossen sein.

Welche Maßnahmen zur Unterstützung des Pflegepersonals wurden in die Planung integriert? Werden neue Modelle der Pflegeorganisation eingeführt?
Der Neubau gibt uns einen modernen Rahmen, getragen wird er aber vor allem vom Zusammenhalt unserer Teams. Unsere Pflegeorganisation basiert auf klaren Rollen, damit Verantwortung nachvollziehbar bleibt. Neue Modelle und Konzepte setzen wir dort ein, wo sie sinnvoll sind und Kontinuität schaffen.
Von Beginn an waren unsere pflegerischen Führungskräfte und Fachexpertinnen und Fachexperten eng in die Planung eingebunden. Wir haben Simulationen genutzt, um Zimmerlayouts, Wegeführungen und die Positionierung der Betten realitätsnah zu testen. Auch Pflegehilfsmittel wie verschiedene Bettmodelle und Lifter haben wir praktisch erprobt. Parallel dazu haben wir alle relevanten Prozesse im interprofessionellen Team abgestimmt – immer mit dem Ziel, bestmögliche Abläufe für Patientinnen, Patienten und Mitarbeitende zu gestalten.
Ob alles so aufgeht, wird sich im Alltag zeigen. Wir stehen am Anfang eines Lernprozesses, und es braucht Zeit, bis sich neue Strukturen bewähren.
Wie hat der Neubau die Organisationsstruktur der Pflege verändert? Sind durch die räumlichen Gegebenheiten neue Arbeitsabläufe oder Verantwortlichkeiten möglich geworden?
Der Neubau hat unsere Pflegeorganisation nicht grundlegend verändert; er war vielmehr ein Impuls, vieles, woran wir seit Jahren arbeiten, konsequent umzusetzen. Unsere Strukturen entstehen zwar auch aus den räumlichen Möglichkeiten, vor allem aber aus einer klaren, professionellen Haltung und einer Führungskultur, die Verlässlichkeit und Orientierung bietet.
Die neuen Räume ermöglichen es uns, unsere fachlichen Konzepte im Alltag wirksam werden zu lassen. Entscheidend bleibt jedoch unsere Arbeits- und insbesondere unsere Führungskultur, die Stabilität schafft und Veränderung trägt.
Hat der Neubau mit Blick auf den Fachkräftemangel eine Rolle gespielt, um Personal zu gewinnen oder zu halten?
Der Neubau hilft uns natürlich dabei, Fachkräfte auf uns aufmerksam zu machen – neue Kliniken haben eine besondere Ausstrahlung. Viel wichtiger ist jedoch die Arbeitgebermarke, die wir am UKE seit vielen Jahren entwickeln. Unsere Konzepte sind im Alltag spürbar und nicht nur gut formuliert.
Also ja, der Neubau zieht. Aber was Menschen wirklich überzeugt, sind verlässliche Strukturen, gute Führung und das Vertrauen, dass Zusagen eingehalten werden. Wir bieten Entwicklungsmöglichkeiten, echte Beteiligung und eine Kultur, die Stabilität gibt – das sind Werte, die bleiben, keine kurzfristigen Effekte. Der Neubau verstärkt dieses Bild nach außen, aber das Fundament dafür haben wir schon lange gelegt.
Welche Aspekte des Herzzentrums sind aus Ihrer Sicht für andere Krankenhäuser richtungsweisend?
Die enge Bündelung von Kardiologie, Herzchirurgie, Kinderherzmedizin und Gefäßmedizin leben wir seit vielen Jahren. Neu ist, dass nun auch unsere engen Partnerkliniken im UKE – Pneumologie, Thoraxchirurgie und Radiologie – ganz nah mit uns unter einem Dach arbeiten. Das stärkt die interdisziplinäre Zusammenarbeit spürbar.
Ein besonderes Highlight ist das kardiovaskuläre Imaging Center mit einem Photon-Counting-CT und seiner beeindruckenden Bildqualität. Für andere Häuser besonders relevant ist, dass Diagnostik, Intervention und translationale Forschung im Neubau räumlich zusammengeführt sind und sich Abläufe deutlich verkürzen.
Letztlich sind wir ein Teil – sicher ein Meilenstein – des UKE-Zukunftsplans 2050, der räumliche Modernisierung und strategische Weiterentwicklung miteinander verbindet.
gnj





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