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Landgericht OldenburgUrteil im Prozess gegen Högel-Vorgesetzte für Ende Oktober erwartet

Der Ex-Krankenpfleger und Serienmörder Niels Högel ist längst verurteilt. Offen ist die Frage, ob Vorgesetzte Taten hätten verhindern können. Ein ehemaliger Kollege Högels berichtet vor dem Landgericht von einer Kultur des Vertuschens.

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Im Prozess gegen sieben Ex-Vorgesetzte des Patientenmörders Niels Högel hat das Landgericht Oldenburg am 20. September 2022 eine erneute Zwischenbewertung veröffentlicht. Die Stellungnahme betrifft sowohl die Fälle im Klinikum Delmenhorst als auch die in Oldenburg. Der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann kündigte an, dass Mitte Oktober die Plädoyers und am 25. Oktober das Urteil gesprochen werden könnten.

Die sieben angeklagten Ex-Vorgesetzten sind wegen Beihilfe zum Totschlag beziehungsweise versuchten Totschlags durch Unterlassen angeklagt. Für vier Angeklagte aus dem Klinikum Oldenburg hatte das Landgericht in einer vorläufigen Einschätzung bereits im Juli 2022 einen Freispruch in Aussicht gestellt. Die Beweisaufnahme habe ein vorsätzliches Handeln der Angeklagten „nicht mit einer für eine Verurteilung ausreichenden Gewissheit belegt“, hieß es.

Deutliches Unbehagen reicht nicht aus

Auch im aktuellen Zwischenbericht zum Klinikum Oldenburg wird „weiterhin ein vorsätzliches Handeln der vier Angeklagten nicht mit einer für eine Verurteilung ausreichenden Gewissheit belegt“. Die Kammer gehe zwar davon aus, dass sich im Klinikum Oldenburg durchaus ein beträchtliches Misstrauen gegenüber dem Krankenpfleger Niels Högel entwickelt hatte, allerdings belegten die zu Tage getretenen Vorbehalte nicht mit der erforderlichen Gewissheit den Nachweis eines vorsätzlichen Handelns im Hinblick auf eine Beihilfe zu einem Tötungsdelikt durch Unterlassen. Ein auch deutliches Unbehagen gegenüber dem Verhalten des Niels Högel sei für die Feststellung vorsätzlichen Verhaltens nicht ausreichend.

Für das Klinikum Delmenhorst könne ein ebenso vorsätzliches Handeln der drei Angeklagten nicht mit einer für eine Verurteilung ausreichenden Gewissheit festgestellt werden. Die Beweisaufnahme in der Hauptverhandlung habe zwar ein allgemeines, im Laufe der Zeit ansteigendes Misstrauen belegt, welches sich später zudem noch verdichtet hatte. Ein auch nur bedingter Vorsatz ließe sich daraus jedoch nicht herleiten, teilte das Landgericht mit.

Mordserie von 2000 bis 2005

Hintergrund des Verfahrens sind die Verbrechen des Ex-Pflegers Niels Högel. Er tötete Patienten, indem er ihnen nicht verordnete Medikamente spritzte. 2019 wurde er wegen 85 Morden zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Mordserie begann 2000 im Klinikum Oldenburg und endete 2005 im Klinikum Delmenhorst. Mit dem Verfahren gegen die Ex-Vorgesetzten – drei Ärzte, drei leitende Pflegerinnen und Pfleger und ein Ex-Geschäftsführer – will das Gericht klären, ob diese eine Mitverantwortung tragen. Im Prozess geht es lediglich um sechs Morde und zwei Mordversuche.

Ein ehemaliger Pfleger am Klinikum Oldenburg beschrieb am 19. September als Zeuge, wie frühere Kollegen und Vorgesetzte zwar über Högel redeten und Verdacht schöpften, aber nicht handelten. Sein damals bester Freund habe ihm immer wieder von Ungereimtheiten in Zusammenhang mit Högel und auffällig vielen Reanimationen berichtet, als er selbst schon nicht mehr auf der Station arbeitete. „Da hat sich eine Sprachlosigkeit und Fassungslosigkeit entwickelt“, sagte er. Der Freund habe ihm auch berichtet, dass die Zahl der Reanimationen in der Herzchirurgie wieder zurückging, als Högel in die Anästhesie versetzt worden sei. „Jetzt geht es in der Anästhesie los“, habe der Freund damals zu ihm gesagt. 

Tätig geworden sei aber niemand. Stattdessen habe sein damaliger Freund ihn 2007 gebeten – da war Högel schon in Delmenhorst aufgeflogen – anonym Anzeige zu erstatten, „weil wahrscheinlich viel mehr Morde passiert“ seien. Sein Freund und andere Kollegen hätten sich nicht getraut.

2014 habe er sich tatsächlich zu einer Anzeige entschieden. Seine ehemaligen Kollegen hätten sich deshalb inzwischen von ihm abgewendet, keiner von ihnen wolle mehr über die Fälle reden. „Ich bin fassungslos, dass so viele Kollegen so vergesslich geworden sind und nicht den Mut haben auszusagen“, sagte der Zeuge. 

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