Georg Thieme Verlag KG

DIVI-IntensivregisterAktivierung der Notfallreserve würde „Kahlschlag“ bedeuten

Selbst in der vierten Corona-Welle sind in Baden-Württemberg noch hunderte Intensivbetten als Notfallreserve gemeldet. Würde man diese jedoch umfassend nutzen, hätte das laut Experten schwerwiegende Folgen.

Intensivstation
Saengsuriya13/stock.adobe.com

Symbolfoto

Covid-Patienten werden von der Bundeswehr innerhalb Deutschlands verlegt, Dutzende planbare Operationen verschoben. Die Zahl der gemeldeten freien Intensivbetten in Baden-Württemberg fiel kürzlich auf den niedrigsten Stand in der Pandemie. Zugleich weist die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) in ihrem Intensivregister landesweit Hunderte Betten an Notfallreserve aus. Was bedeutet das?

Bundesweit sind nach Angaben des wissenschaftlichen Leiters des Divi-Intensivregisters, Christian Karagiannidis, bereits Hunderte sogenannte High-Care-Betten aus der Notfallreserve aktiviert worden. Zugleich macht er aber deutlich: „Würde man die komplette Notfallreserve aktivieren, müsste man das ganze Krankenhaus in den Notfallbetrieb versetzen. Das wäre ein Kahlschlag und hätte Auswirkungen auf alle Abteilungen.“

Die Folge: Eine schlechtere Behandlungsqualität für alle anderen Patienten und noch mehr verschobene OPs, ist Karagiannidis überzeugt. Wichtig ist es deshalb zu verstehen, was sich hinter der Notfallreserve verbirgt. Die Kliniken in Deutschland melden dem Intensivregister damit ihre verfügbaren Kapazitäten an Intensivbetten und Mitarbeitern, die sie bei dringendem Bedarf innerhalb von sieben Tagen zusätzlich einsetzen können. Die Angaben beruhen auf täglichen Meldungen der einzelnen Intensivstationen. Der Mindeststandard dafür sei ein Bett, ein Beatmungsgerät, Sauerstoff, ein Monitor und Geräte zur Medikamentengabe, erklärt Karagiannidis.

Anzahl der Notfall-Intensivbetten ist abhängig vom Personal

Betrieben werden sollte das Intensivbett von in ähnlichen Bereichen ausgebildetem OP-Pflegepersonal, so Karagiannidis. Um Betten aus der Notfallreserve zu betreiben, müsse aber erst Personal aus anderen Bereichen der Klinik abgezogen werden.

Der Hauptgeschäftsführer der Baden-Württembergischen Krankenhausgesellschaft (BWKG), Matthias Einwag, ist überzeugt, dass alle im Intensivregister ausgewiesenen Betten tatsächlich aufgestellt werden können. Engpass sei und bleibe das Personal. Einwag betont, die Notfallreserve werde sukzessive aktiviert. „Und das passiert auch jetzt schon.“ Sollte die Zahl der Covid-Patienten noch deutlich ansteigen, werde die Versorgung in den Krankenhäusern in einen „Katastrophenmodus» gehen müssen“, sagt Einwag.

Auch der Mediziner Max Geraedts vom Institut für Versorgungsforschung und Klinische Epidemiologie der Universität Marburg sagt, das Personal für die Notfallversorgung könne nur von planbaren OPs, die abgesagt oder ausgefallen seien, rekrutiert werden.

Suche nach freiem Bett kann lange dauern

Dennoch ist es für Karagiannidis und seine Kollegen vom Divi-Intensivregister wichtig zu wissen, wie viele Kapazitäten im Ernstfall vorhanden sind. Auch deshalb habe man die Kliniken erneut darauf hingewiesen, die Angaben zur Notfallreserve so präzise und aktuell wie möglich zu halten.

Auswirkungen hat die anhaltend hohe Auslastung der Kliniken nicht nur für Patienten sondern in vieler Hinsicht auch auf das Personal. Aktuell nehmen Spannungen zwischen den Kliniken zu, berichtet Karagiannidis. Es werde immer schwieriger, selbst für junge Patienten einen Intensivversorgungsplatz zu bekommen. Die Teams in den Kliniken müssten aktuell viel Zeit am Telefon verbringen, bis sie endlich ein freies Bett für ihre Patienten finden würden.

Größte Sorge ist die Omikron-Variante

Doch mehr Sorgen bereitet dem Intensivmediziner bereits eine andere Entwicklung. „Sollte die Omikron-Variante nur halb so krank machen wie die Delta-Variante, stehen wir in der Intensivversorgung vor einer großen Überforderung, weil die Variante wahnsinnig schnell kommt“, sagt Karagiannidis mit Blick auf die laut mehreren Analysen ansteckendere neue Variante des Coronavirus.

Bitte loggen Sie sich ein, um einen neuen Kommentar zu verfassen oder einen bestehenden Kommentar zu melden.

Jetzt einloggen

  • Derzeit sind noch keine Kommentare vorhanden. Schreiben Sie den ersten Kommentar!