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Interview„Die Chirurginnen“ vernetzt Frauen für Aufstieg in Chefetagen

Die Chirurgie ist weiblich. Trotzdem finden sich in deren Chefetagen nach wie vor fast ausschließlich Männer. Der Anfang 2021 gegründete Verein „Die Chirurginnen“ will das ändern. Professorin Dr. Katja Schlosser über dessen Hintergründe und Ziele.

Katja Schlosser
Die Chirurginnen

Dr. Katja Schlosser setzt sich mit dem Verein "Die Chirurginnen" für die berufliche Vernetzung von Frauein in der Chirurgie ein.

Frau Prof. Schlosser, wie haben Sie sich für Ihren Beruf entschieden?

In meiner Familie war ich die erste, die studiert hat. Ursprünglich wollte ich gerne Allgemeinmedizinerin werden. Im Zuge einer Doktorarbeit habe ich an einem Tiermodell operieren müssen und habe dabei festgestellt, dass ich das ganz gut kann, obwohl ich das Fach Chirurgie zuvor nicht in Betracht gezogen habe. Vor meinem Praktischen Jahr (PJ) habe ich dann bei einem Auslandsaufenthalt in der Anästhesie die Möglichkeit gehabt, mich in allen Fachbereichen mit an den OP-Tisch zu stellen. Und da klar, dass ich in die Chirurgie will.

Ich war begeistert von dem strukturierten Arbeiten und der Möglichkeit, mit den eigenen Händen Krankheitsverläufe zu beeinflussen. Eine Vizepräsidentin unseres Vereins, Dr. Julia Gumpp aus Neumarkt in der Oberpfalz, war im Zuge einer Famulatur bei einer Nierentransplantation dabei und hielt die Niere in ihren Händen, als die Durchblutung wieder einsetzte. Sie erinnert sich heute noch: Ich hatte diese Niere in der Hand, die wieder zum Leben erweckt wurde – das wollte ich auch machen! Jede von uns hat so ein Schlüsselerlebnis.

Chirurgie ist so viel mehr als „nur“ operieren. Man braucht neben handwerklichem Geschick viel Disziplin, mentale Stärke, Durchhaltevermögen, Einfühlungsvermögen, Entscheidungsfreude sowie die Fähigkeit zur Selbstkritik. Organisationstalent ist genauso wichtig wie Teamgeist. Ich empfinde diesen Beruf als sehr bereichernd. Ich hatte einen alten Patienten, der sagte mir, er wolle noch erleben, wie seine drei Enkelinnen ihr Abitur machen. Er hatte drei Tumore im Dickdarm. Das war eine sehr schwierige OP mit ungewissem Ausgang. Nach der Operation bin ich jeden Abend mit ihm über die Krankenhausflure gelaufen, damit er wieder auf die Beine kommt. Zwei Wochen nach der Operation haben wir ihn entlassen, vier Wochen nach der Operation ist er in seinem eigenen Auto in sein 200 Kilometer entferntes Zuhause gefahren. Diese Erfahrungen bekommen Sie in keinem anderen Beruf.

Fehlen die weiblichen Vorbilder in den höheren Positionen der Chirurgie?

Ja. In den Leitungspositionen der Chirurgie sind nur 7,3 Prozent Frauen, das ist doch traurig. Alle sagen, dass man dagegen etwas tun müsse. Aber die Maßnahmen, die dazu bislang ergriffen wurden, haben keine wesentliche Änderung hervorgerufen. Das war der Hauptgrund für die Gründung unseres Vereines. Ich hatte zuvor im Jahr 2012 auf Facebook und Xing ein Chirurginnen-Netzwerk gegründet. Schon damals hatte ich die Vision, dass man den Frauen beibringen müsse, wie man sich beruflich vernetzt.

Frauen netzwerken hervorragend privat, aber beruflich so gut wie nicht. Die meisten Frauen gehen nach der Arbeit nach Hause und arbeiten dort direkt weiter: Haushalt, Wäsche, Geschirr, kümmern sich um ihre Kinder und sogar um die kranken Eltern. Da bleibt eben nicht mehr viel Zeit für berufspolitisches Engagement. Zudem sitzen auch in den Fachgesellschaften und Berufsverbänden in den Vorständen fast ausschließlich Männer. Das macht es als Frau nicht leichter, sich dort einzubringen.

Der Verein dient also auch dazu, die Chirurginnen besser zu vernetzen?

Absolut. Die Bildung eines Netzwerkes war und ist das Hauptziel. Alle anderen Effekte ergeben sich hieraus. Wir hatten das erste Zoom-Treffen zu einer Vereinsgründung im November 2020, am 6. Dezember 2020 stand dann der Entschluss fest, und wir gründeten eine Vereins-Chatgruppe. Diese Whatsapp-Gruppe war bereits einen guten Monat später mit 256 Mitgliedern am Limit, wir sind überrollt worden. Um in größeren Gruppen chatten zu können haben wir unsere Chatgruppen zu Siilo transferiert – das ist ein Messenger-Dienst nur für Medizinerinnen und zudem viel sicherer. Siilo hat uns auch eine eigene App erstellt – sie nennt sich Chirurginnen- Space – wir können dort nicht nur chatten, sondern es gibt auch diverse Foren, etwa „Neues aus dem Vorstand“ oder auch „Anstehende Fortbildungsveranstaltungen“. Wir haben eine Webakademie gegründet, in der einmal im Moment eine vereinsinterne Fortbildung stattfindet.

In Siilo gibt es verschiedene Gruppen, in denen wir über Fachliches sprechen, etwa in den Chatgruppen Viszeralchirurgie oder Orthopädie und Unfallchirurgie. Neben den Fachforen gibt es aber auch andere Chatgruppen, die sich mit sozialen Themen beschäftigen. Oder aber auch eine Chatgruppe mit dem Namen „Nachtdienst“, die unseren Anfängerinnen in den ersten Diensten zur Seite steht. Ich hatte anfangs Zweifel, ob das klappt, aber heute sind über 80 Chirurginnen unterschiedlichen Alters in dieser Gruppe, von ganz jung bis kurz vor der Rente. Fragt eine Ärztin um Rat, bekommt sie so rund um die Uhr Hilfe aus der Gruppe.

Das Bedürfnis, sich zu vernetzen, ist nicht nur bei jungen Chirurginnen da, sondern auch bei den berufserfahrenen Kolleginnen?

Gerade ab der Fachärztinnen-Ebene wird der Weg steinig, da es in diesem Bereich kaum weibliche Vorbilder gibt. Wenn eine neue Position zu besetzen ist, haben Frauen eher Zweifel, wenn sie auch nur fünf Prozent noch nicht können. Und genau hier greift unser Mentoring-Programm: Wir wollen Frauen, die auf dem Sprung in eine Oberärztinnen- oder Chefärztinnenposition sind, darin unterstützen, dass sie sich so eine Position zutrauen und den Sprung ins kalte Wasser wagen. Das erste Mal startet das auf jeweils zwei Jahre ausgelegte Projekt im April. Es gibt ein ausgeklügeltes Programm für die Mentees und einen Leitfaden für die Mentorinnen, die sich zudem alle zwei Monate treffen und über Hürden sprechen, die ihnen im Laufe des Mentorings begegnen. Die Nachfrage und der Bedarf nach einem Mentoringprogramm sind riesig. Das Wichtigste an unserem Verein ist aber, dass die Frauen unabhängig von ihrer Ausbildungsstufe quasi in ihrer Muttersprache miteinander sprechen können. Nach dem Motto: Ich bin in derselben Situation gewesen wie du und zeige dir, wie ich es gemacht habe! Jede von uns tritt anders auf, wenn sie weiß, dass da hunderte Andere hinter ihr stehen.

Das wirklich Bereichernde daran ist also der Gedanke des Miteinanders?

Auf jeden Fall, wir füllen damit eine klaffende Lücke. Die Fachgesellschaften sind honorige Vereinigungen, die aber traditionell strukturiert sind. Wir kommunizieren in unserem Verein über Chats, das geht schnell und unkompliziert. Wenn sie eine Anfrage an einen Verband schreiben, bekommen sie in den seltensten Fällen innerhalb von Minuten eine Antwort. Wir haben uns zudem entschieden, zwischen allen Mitgliedern auf das „Sie“ zu verzichten – da muss sich auch eine Professorin anpassen. Das tun wir, weil die Hürde, nachzufragen, viel geringer ist und es einfacher ist über Probleme zu sprechen.

Haben die Nöte der Pandemie mehr Frauen dazu gebracht, den Beruf der Chirurgin ausüben zu wollen oder leitende Rollen zu übernehmen?

Nein, im Gegenteil – dadurch, dass Einrichtungen wie Schulen oder Kindergärten nur eingeschränkt offen haben und diese Kerntätigkeiten fast ausschließlich auf den Schultern der Frauen lasten, sind die meisten Chirurginnen durch die Pandemie genauso einer Doppelbelastung ausgesetzt wie die Frauen anderer Berufsgruppen, da auf ihnen noch immer der Löwenanteil an Care-Tätigkeiten zuhause lastet. Auch das wollen wir verändern. Als Frau können Sie es quasi nie richtig machen: Wenn sie arbeiten gehen, sind sie eine Rabenmutter, arbeiten sie nicht, dann haben sie keine Ambitionen und werden nicht für voll genommen. Stellen sie sich eine Haushaltshilfe an, dann sind sie sich wohl zu fein, das eigene Klo zu putzen. Nach wie vor ist es schwierig, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen. Um den Frauen in unserem Verein hier die bestmögliche Unterstützung anzubieten, haben wir eine Arbeitsgruppe namens „Kids and Surgery“ gegründet. Kluge Ideen müssen so nicht von jeder Frau neu erdacht werden.

Bieten Sie diese Unterstützung auch für Medizinstudentinnen an?

Studentinnen können bei uns kostenlos Mitglied werden. Wir kooperieren hier mit dem Bundesverband der Medizinstudentinnen Deutschlands und haben sogar eine eigene Arbeitsgruppe, die sich nur um den Nachwuchs in der Chirurgie kümmert. Außerdem bedienen wir zusätzlich alle Social-Media-Plattformen – man muss hier einfach nur nach „Die Chirurginnen“ suchen. Es ist unerlässlich, dass wir uns mit den üblichen Vorurteilen à la „Lass das doch mit dem Chirurgenberuf, du willst doch Kinder bekommen“ beschäftigen und diese entkräften.

Was würden Sie einer Studentin sagen, die vor der Entscheidung steht, Chirurgin zu werden?

 Ich würde ihr sagen, dass das der schönste Beruf der Welt ist. Dass sie in den Verein kommen und uns ihre Fragen und Zweifel nennen soll, damit wir gemeinsam nach Lösungen suchen können. Und dass sie eine Hospitation in einer Klinik machen soll, wo auch eine Frau in einer Führungsposition arbeitet, sei es als Chef- oder als Oberärztin.

Und was raten Sie Chirurginnen, die mit dem Gedanken spielen, eine Führungsposition zu übernehmen?

Klar muss man auch führen wollen. Für die meisten Männer ist Macht haben etwas, das eher positiv belegt ist. Für eine Frau ist das eher nicht so. Diesen Frauen muss man die Sorge vor der Macht nehmen. Macht kommt von dem Wort Machen und bedeutet nicht unterdrücken, sondern gestalten. Wenn man sich einmal anschaut, wie viele Facharzt- und Zusatzbezeichnungen die meisten Medizinerinnen haben, dann versteht man nicht, warum es so wenige Frauen in die Führungspositionen schaffen. Ich halte es für sehr wichtig, dass die Frauen auch an ihrer eigenen Selbstvermarktung arbeiten.

Wo sehen Sie die größten Schwachstellen auf dem Weg zur gleichberechtigten Anerkennung der Chirurgin im Chefarztsessel?

Es muss sich in der Gesellschaft etwas ändern. Das bezieht sich aber auch auf alle anderen Berufe. Gelingt es uns nicht, die Frauen für die Chirurgie zu begeistern und diese eine Passion für das Fach entwickeln zu lassen, dann wird sich das bestehende Nachwuchsproblem noch verstärken. Es gilt, alles dafür zu tun, dass Frauen keinen Karriereknick bekommen, nur, weil sie Kinder bekommen. Ich hoffe also, dass wir die Frauen hier stützen können. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir die Frauen für dieses wunderschöne Fach begeistern können. Und dass es nicht einfach ist, aber dass sich jede Mühe lohnt, wenn man wertschätzend und gleichberechtigt behandelt wird.

Erschienen in kma 5/21  Jetzt kaufen!

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