Die Pflege als Prozessgestalter — die Formulierung ist en vogue, Hochschuldozenten schreiben darüber seitenlang, am Ende ist oft immer noch nicht klar, was das bedeutet: die Prozesse gestalten. Wer es genau wissen will, schaut sich am besten die Stationsleitung an; vergleicht ihre heutige Rolle mit der von gestern. Vor 20, 30 Jahren, da war sie Gleiche unter Gleichen. Sicherlich, manch Schüler fürchtete ihre zackigen Vorgaben, aber letztlich fühlte sie sich ihren Mitarbeitern mehr verpflichtet als der Klinikleitung. Ungeliebte Neuerungen saß sie locker aus. "Was die da oben schon wieder wollen", kommentierte sie nicht selten populistisch. Zu ihren kardinalen Aufgaben gehörte das Schreiben des Dienstplanes, die Begleitung der Visite und die Organisation der Weihnachtsfeier.
Nun ist die Ruhe dahin. Die Stationsleitung ist doppelt stark gefordert: Die Ansprüche an die Pflege sind gestiegen, zugleich ist das Personal knapp geworden. Ein aktuelles Beispiel bietet das Klinikum Darmstadt. Dort möchte die Klinikleitung die Bezugspflege einführen und sie mit Elementen des Fallmanagements kombinieren. Dafür aber sind starke Stationsleitungen notwendig.
Enger Kontakt zur Klinikleitung
Immer mehr Klinikleitungen wird klar: Wenn die Stationsleitungen nicht hinter den Plänen der Geschäftsführung stehen und fest entschlossen sind, diese umzusetzen, laufen alle Vorhaben ins Leere. Susanne Arnold nennt sie "den Dreh- und Angelpunkt"; Hedwig François-Kettner, Pflegedirektorin der Charité, spricht von "Managern oberster Ordnung, die mit Oberärzten gleichzusetzen sind". So erstaunt es auch nicht, dass immer mehr Krankenhäuser die Stationsleitungen in Entscheidungsprozesse einbinden und sie nicht als reine Befehlsempfänger dastehen lassen. Im Vivantes-Konzern etwa gibt es für sie nicht nur Zusammenkünfte mit den Pflegedirektoren. Die Leitungskräfte nehmen auch an Sachkosten- und Controllinggesprächen mit den Oberärzten, Chefärzten beziehungsweise Klinikdirektoren teil. Außerdem kommen sie in der Expertengruppe Stationspflegeleitung einmal monatlich zusammen, um ein gemeinsames Vorgehen etwa bei Themen wie Stationsassistenten, Pflegevisite und dem Expertenstandard Sturz abzustimmen.
Die Stationsleitungen von Vivantes spüren ganz deutlich: Der Druck nimmt zu. Sicherlich, auch früher waren sie angehalten, Feedbackgespräche mit ihren Mitarbeitern zu führen, Teamsitzungen und Pflichtfortbildungen wie zum Brand-, Arbeits- und Gesundheitsschutz zu organisieren. "Doch heute wird alles viel genauer kontrolliert. Wir sind verpflichtet, Protokolle und Anwesenheitslisten zu führen", sagt Detlev Rux von der Expertengruppe Stationspflegeleitung. Er und seine Kollegen sind hauptsächlich mit der Organisation beschäftigt, einen großen Teil ihrer Arbeitszeit verbringen die Stationsleitungen von Vivantes mit dem Belegungsmanagement. "Es ist ein ständiges Abgleichen der Aufnahmen und Entlassungen mit den Ärzten, der Bettenkoordinatorin und Abteilungen wie der Notaufnahme. Immer wieder müssen Lücken für Aufnahmen gefunden werden. Mit den Medizinern kommen wir mehrmals täglich zusammen, damit immer alle auf dem aktuellen Stand sind", berichtet Rux. An dieser Stelle zeigt sich sehr deutlich, wie sehr die Produktivität der Klinik von den Stationsleitungen abhängig ist.
Volle Personalverantwortung
Am Krankenbett arbeiten Rux und seine Kollegen nur noch in Ausnahmefällen. Susanne Arnold, die als Pflegedirektorin im Klinikum Darmstadt die Bezugspflege eingeführt und auf diesem Wege zugleich die Rolle der Stationsleitung gestärkt hat, ist jedoch überzeugt: "Eine Stationsleitung muss zu 80 Prozent für ihre Führungsaufgaben freigestellt werden, phasenweise kann es auch zu 100 Prozent sein. Wichtig ist, dass sie gelegentlich immer noch am Bett arbeitet, um die Verbindung zur Praxis und ihre pflegerische Qualifikation zu erhalten." Allerdings wird es für die Stationsleitung immer schwieriger, sich aus dem organisatorischen Geschäft herauszuziehen. Denn sie muss nicht nur ihr Personal halten, sie muss es auch fördern — schauen, wer sich für welche Aufgaben eignet, und passende Fortbildungen mit der Personalabteilung abstimmen. Hinzu kommt: Sie muss Personalengpässe kompensieren. Auf teure Zeitarbeitskräfte und freiberuflichen Schwestern und Pfleger greifen Stationsleitungen allerdings nur ungern zurück. Denn viele von ihnen sind inzwischen — wie die Stationsleitungen von Vivantes — auch für das Personalbudget verantwortlich.
Wie ein mittelständischer Unternehmer
Kein Wunder, dass Hedwig François-Kettner die Stationsleitung mit einem mittelständischen Unternehmer vergleicht. Kein Wunder aber auch, dass mancher sich überfordert fühlt. Zumal auch die Einheiten, für die sie verantwortlich sind, immer größer werden. In der Uniklinik Essen etwa hat der Vorstand ihre Zahl von 70 auf 30 reduziert. Die Stationsleitungen tragen dort nun Verantwortung für bis zu 80 Mitarbeiter. "Ein größerer Aufgabenbereich und mehr Personalverantwortung — da ist die Klinikleitung gefragt. Sie muss die Stationsleitungen fit machen. Und zwar bevor diese ihre Aufgabe antreten. Anderenfalls können sie ihre Rolle nicht adäquat ausfüllen", warnt die Kölner Personalberaterin Petra Schubert. Die Gefahr, dass Stationsleitungen ihrer Aufgabe nicht gewachsen sind, sieht auch Susanne Arnold. Sie hat deshalb entschieden, ihre Qualifikation nicht dem Zufall zu überlassen. Alle Leitungen in Darmstadt durchlaufen eine hausinterne Schulung. "Es ist auch ganz wichtig, dass sie Führungskompetenzen entwickeln — auch, weil wir uns eine starke Fluktuation nicht leisten können", sagt Susanne Arnold, die inzwischen Pflegedirektorin im Klinikum Augsburg ist und jetzt auch dort die Bezugspflege einführt.
Das Gehalt zieht nicht mit
Wenn sich die Anforderungen auch potenziert haben: Im Gehalt spiegelt sich dies nicht wider. Bei Vivantes bekommen die Stationsleitungen zwar mehr als der Tarif vorsieht: über Zielvereinbarungen rund 200 Euro mehr und zusätzlich circa 250 Euro, wenn sie zwei Stationen leiten. Trotzdem: Es entgehen den Stationsleitungen die Schichtzulagen, weil sie nur wochentags und meistens keinen Spätdienst arbeiten. Viele von ihnen verdienen am Ende weniger als mancher ihrer Mitarbeiter, der viele Spätdienste und Feiertage arbeitet. "Sie müssten aber deutlich mehr verdienen als ihre Mitarbeiter, weil sie viel mehr Verantwortung tragen", meint Hedwig François-Kettner.
Das sieht auch Verdi-Frau Gabriele Gröschl-Bahr so. "Es gibt seit der TVöD-Einführung 2005 noch keine neue Entgeltordnung. Wir sollen dar¬über mit der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA) verhandeln, kommen aber auf keinen grünen Zweig", meint die Leiterin des Bereichs Tarife im Gesundheitswesen. Die Crux sei, dass die VKA als Kriterium für die Bezahlung an der Zahl der Unterstellten festhalten möchte. "Sie erkennen die auch qualitativ gestiegenen Anforderungen nicht an." Ob die Entgeltordnung bei den Tarifverhandlungen im März novelliert wird, ist fraglich. Die Sprecherin des VKA Katja Christ äußert sich unbestimmt: "Für die VKA kommt es — unabhängig von einzelnen Berufsgruppen — auf ein stimmiges Gesamtgefüge im neuen Eingruppierungsrecht an."
Dieser Artikel ist in der kma pflege erschienen.


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