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Prof. Henriette Neumeyer„Die Situation der Kliniken ist hoch problematisch“

Seit 1. Juni 2022 ist sie stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG). Prof. Henriette Neumeyer will Gesundheitsversorgung der Zukunft mitgestalten, will eine sinnvolle Digitalisierung und integrierte Versorgung auf den Weg bringen und auch den Fachkräftemangel hat sie auf der Agenda.

Prof. Henriette Neumeyer
www.axentis.deLopata/DKG

Prof. Henriette Neumeyer

Der Weg in die Gesundheitsbranche war ihr vielleicht schon seit Kindesbeinen vorgezeichnet, denn Prof. Henriette Neumeyer kommt aus einer sehr medizinlastigen Familie. Der Vater ist Arzt, Gastroenterologe und die Mutter hat als ausgebildete Krankenpflegerin eine Weiterbildung im Bereich der Psychiatrie gemacht, soziale Einrichtungen geleitet und gemanagt. Hinzu kommen noch viele weitere Mediziner in der Familie. Was lag da näher?

Neumeyer studierte Humanmedizin an der Universität zu Lübeck, wechselte dann in die Krankenhausberatung und absolvierte berufsbegleitend ein MBA-Studium. An der Nordakademie im schleswig-holsteinischen Elmshorn leitet die Ärztin seit drei Jahren den Masterstudiengang HealthCare Management. Seit 2020 ist sie zusätzlich als selbstständige Beraterin tätig.

„Gerade die elterliche Praxis hat mich natürlich geprägt“, erzählt die 36-Jährige, „sie war Ort meines Aufwachsens und die Patienten wurden fast schon zu Familienmitgliedern. Ich erinnere mich bei Hausbesuchen meines Vaters auf dem Patientensofa gesessen zu haben. Und ich konnte sehen, wie sinnhaft die Arbeit ist.“

Die Medizin ist für Neumeyer ein „hochspannendes wissenschaftliches Gebiet“, dass sich stetig weiterentwickelt und dass sie nach eigenen Worten „immer noch sehr fasziniert“.

Eine ihrer besonderen Stärken ist, dass sie gern Dinge hinterfragt. Das war auch einer der Gründe, warum sie das Krankenhaus verlassen hat. Denn sie wollte mehr verstehen: warum Dinge so sind wie sie sind, welche Fakten dem zugrunde liegen. Eine andere Stärke ist ihre hohe Wissensaffinität. Die führte dann auch zu einem Zusatzstudium und hinterher zu ihrer Tätigkeit in der Krankenhausberatung. Und noch eines macht Neumeyer unglaublich gern und ist stark darin: die Perspektiven anderer Menschen vorurteilsfrei kennen zu lernen.

Gesundheitsversorgung der Zukunft mitgestalten

Die neue Aufgabe bei der Deutschen Krankenhausgesellschaft ist für Neumeyer unglaublich spannend, denn sie bietet die Möglichkeit, Gesundheitsversorgung der Zukunft mitgestalten zu können. Die Tätigkeit ist schließlich auch eine konsequente Fortsetzung ihrer bisherigen beruflichen Stationen: im Krankenhaus, in der Krankenhaus-Beratung, in Digitalisierungsprojekten von Kliniken und zuletzt in der Arbeit mit dem akademischen Nachwuchs an der Nordakademie.

Von nun an kann sie in der Selbstverwaltung mit dabei sein und die Regulatorik so gestalten, wie es eine hervorragende Versorgung in Deutschlands Krankenhäusern braucht.

Für die Weichen, die sie neu und nachhaltig stellen will, hat Neumeyer vor allem eine sinnvolle Digitalisierung und integrierte Versorgung auf der Agenda. Ganz wichtig ist ihr dabei aber ein Faktor: „Wir müssen Medizin und Gesundheitsversorgung sowohl patienten- als auch mitarbeiterorientiert weiterentwickeln. Denn gerade der Fachkräftemangel wird uns in den kommenden Jahren extrem beschäftigen.“

Die Pandemie habe auch der Öffentlichkeit deutlich gemacht, dass das Personal DAS Nadelöhr der Versorgung ist. Man werde sich fragen müssen, wie wir künftig Pflegepersonalbemessung in Deutschland neu denken wollen. „Ich bin der Auffassung, wir müssen weg von Untergrenzen, die nur ein Mindeststandard definieren hin zu einer Bedarfsorientierung“, sagt die Expertin. Für Neumeyer sind die Fragestellungen der Krankenhausplanung, der DRG-Reform und der Digitalisierung brennende Themen für die Kliniken.

Doch wie Veränderung schaffen?

Bei der Finanzierung bedauert Henriette Neumeyer, dass bislang nicht stärker die Kompetenzen der Verbände und Praktiker mit einbezogen wurden. Das müsse dringend geschehen. Genauso wie sich ihrer Meinung nach unsere ganze Gesellschaft zusammen auf den Weg machen muss, um tatsächliche Veränderungen im Personalmangel herbeizuführen. Natürlich müssten dabei jedoch auch die Krankenhäuser und Verbände ihre Hausaufgaben machen.

Prof. Henriette Neumeyer will, dass Kliniken moderne Arbeitsplätze anbieten, die auch der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, ja von Leben und Beruf gerecht werden. Dafür kämpft sie, um die politischen Rahmenbedingungen zu schaffen, damit Arbeitsplätze attraktiv werden, dass die Löhne stimmen aber auch die Sicherheit der Personalbemessung.

Die Kompetenzen der unterschiedlichen Professionen im Krankenhaus will sie optimal bündeln, flache Hierarchien, wo es möglich ist, umsetzen. Dabei verkennt sie jedoch nicht, dass es in der Medizin auch klarere Entscheidungskompetenzen – auch in interprofessionellen Teams – geben muss. Der Dialog der verschiedenen Professionen ist ihr so wichtig, vor allem für die Delegation und Substitution von Aufgaben.

In ihren Vorhaben ermutigt wird die Professorin durch das Feedback junger Pflegekräfte, die bei ihr HealthCare Management studieren und mehr Umsetzungspielraum für die in der Ausbildung vermittelten Kompetenzen fordern. Und: die damit einhergehende Verantwortung nicht scheuen.

„Wir werden auch immer mehr Pflegefachkräfte bekommen, die akademisch gebildet sind“, ist sich Neumeyer sicher. Dieses Potenzial gelte es zu nutzen und zu heben – denn auch hier gehe das Feedback der Studierenden klar in die Richtung eines differenzierten Qualifikationsmixes.

Die Digitalisierung als Paradepferd

Für Neumeyer ist die Digitalisierung eine Querschnittsaufgabe mit großer Chance aber auch mit großer Herausforderung. Digitalisierung muss für sie wirksam bei den administrativen Aufgaben entlasten und durch zeitgemäße, einfache Benutzbarkeit die Attraktivität der Arbeitsplätze im Gesundheitswesen steigern.

Doch die Expertin hat sich genau die letzte Legislatur angeschaut, wo sehr viele Gesetzesvorhaben auf den Weg gebracht worden seien, aber deren Umsetzung immer noch ausstehe. Das macht sie unzufrieden, regt zum Handeln an. Das Krankenhauszukunftsgesetz zeige sehr deutlich, welche Potentiale vorhanden sind. Auch im Bereich der Digitalisierung sieht sie das Problem des Fachkräftemangels. IT-Experten, das weiß Neumeyer, stehen nicht vor den Krankenhäusern Schlange und suchen händeringend nach Jobs. Kleinere Kliniken können sich in ihren Augen solche Experten auch gar nicht erst leisten.

Aber noch ein Aspekt ist ihr dabei wichtig. Bei Digitalisierung werde vielfach von Datenautobahn gesprochen. „Ich stelle mir dann immer die Frage, ob die Autos, die auf dieser Autobahn fahren und die Straßenverkehrsordnung, die wir haben, kompatibel sind- also inwieweit Standards für Interoperabilität schon das Zusammenwirken der Akteure unterstützen“, so Neumeyer provokant.

Deshalb sieht sie den interprofessionellen Ansatz als so dringend notwendig. IT und Medizin, diese Sprachen müssten in ihren Augen synchronisiert werden. Dabei sieht sie auch eine großartige Chance für junge Menschen, die hier den Berufsweg einschlagen. Ihr Karriererat, den sie gern Studierenden gibt: Fachkraft mit Schnittstellen Kompetenz Medizin-IT im Bereich. Diese Schnittstellenfunktionen werde es künftig auch in den Berufsgruppen der Kliniken geben.

Vergütung und Bürokratie als Herausforderung

Die Situation der Kliniken sieht Henriette Neumeyer hoch problematisch, deswegen müsse sich in der Finanzierung und in der Vergütung etwas ändern. Die Investitionskostensituation sei seit Jahrzehnten anerkanntermaßen unter jedem nachhaltigen Maß. Wer Krankenhäuser weiter als wichtigen Bestandteil der Daseinsvorsorge für die Bürgerinnen und Bürger in erreichbarer Distanz erhalten will, muss auch für die Investitionskosten aufkommen, findet sie. Und speziell: dass Deutschland eine Reform des Finanzierungssystems der Kliniken braucht, die stärker die Vorhaltefinanzierung berücksichtigt und auch ambulante Leistungen am Krankenhaus mit einbezieht, Stichwort Hybrid-DRGs.

Wenn die Ärztin und Managerin über das Thema Bürokratie spricht will sie unbedingt wichtige Transparenzbedürfnisse in Abgrenzung gegenüber einer zunehmenden Misstrauenskultur diskutieren. Gerade von außen betrachtet, scheint es ihr, dass die Kostenträger versuchen, durch immer mehr Dokumentationsaufwand immer gläsernere Strukturen herzustellen. Transparenz sollte aber kein Selbstzweck oder gar Ausdruck eines Misstrauens gegenüber den Krankenhäusern und niedergelassenen Ärzten sein, die täglich ihre Patienten gut versorgen.

Für Neumeyer sollte Transparenz vor allem im Teamwork für die Bereitstellung von Informationen an die Praktiker genutzt werden, und Rückschlüsse ziehen lassen, wie sich die Qualität in der Patientenversorgung immer wieder hinterfragen und verbessern lässt. Wichtig beim Bürokratieabbau sei auch wieder die Digitalisierung – als Hilfsmittel um Dokumentationen, die wichtig und richtig sind, praktikabel zu machen.

Bei den Dokumentationspflichten sei es an der Zeit zu entrümpeln auf Sinnhaftigkeit zu überprüfen. In den vergangenen Jahren kamen immer mehr Pflichten hinzu, ohne das etwas wegfiel. In den Kliniken sieht Neumeyer nun teilweise Doppelungen, Mehrfachmeldungen an unterschiedliche Stellen und Systemen. Hier will sie dringend ansetzen, um den Alltag der Mitarbeitenden im Krankenhaus zu verbessern. „Wenn ich sehe, dass Pflegekräfte, Mediziner und Ärzte 3-4 Stunden ihres Alltags mit Dokumentations-Pflichten verbringen müssen, kann ich die Frustration und Verärgerung gut verstehen“, so die Insiderin.

Kliniken, zunehmende Ambulantisierung und „Zu-Hause-Medizin“

Zwischen Kliniken, zunehmender Ambulantisierung und „Zu-Hause-Medizin“ sieht Prof. Henriette Neumeyer keine Konkurrenz. Die Ambulantisierung nennt sie eine „große Chance das vorhandene Personal optimal einzusetzen“. Und: „eine Chance stärker die Bedürfnisse der Patienten zu berücksichtigen“. Denn künftig gelte es Kompetenzen und Ressourcen der Kliniken optimal nutzen. Ambulantisierung geht für ihr Verständnis weit über das ambulante Operieren hinaus. Und sie geht auch über den Versuch hinaus, Lücken im niedergelassenen Bereich zu füllen. Es gebe Dinge, die sind nur stationär möglich und es gebe ambulante Dinge, die nur mit dem Hintergrund des Vorhandenseins eines 24/7 Rückhalts durch die Krankenhäuser möglich sind.

Eines weiß Neumeyer dabei ganz genau: „Wir werden nur ohne Scheuklappen und ohne Pfründesicherung auf allen Seiten der Sektorengrenzen eine dauerhaft hochwertige flächendeckende Versorgung der alternden Gesellschaft sicherstellen können.“

Um im Job voranzukommen, schwört Henriette Neumeyer auf gute Netzwerke. Der persönliche Austausch von Angesicht zu Angesicht, das ist es, was sie so hochschätzt!

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