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Hauptstadtkongress 2022„Digitalformate ersetzen keinen Kongress“

Nach zwei Jahren findet der Hauptstadtkongress 2022 wieder in Präsenz statt. Ein Interview mit Kongresspräsident Prof. Karl Max Einhäupl über Digitalisierung, Vorhaltepflicht und Lieferketten. Und über Lehren und Veränderungen aus der Coronazeit.

Prof. Karl Einhäupl
Wiebke Peitz/Charité

Prof. Karl Einhäupl, neuer Präsident des Hauptstadtkongresses.

Nach der Corona-Krise mit Digital- und Hybrid-Formaten laden Sie wieder zum Präsenz-Treffen. Was bedeutet das für den Kongress?

Kongresse sind starke Netzwerkinstrumente. Zum Kongress kommt man nicht nur, weil man etwas zu sagen hat. Man will Leute treffen. Natürlich sind die Sessions, Podien und Vorträge wichtig, aber manchmal gilt auch: Das wichtigste ist die Kaffeepause. Da entstehen Verbindungen, Projekte, Ideen. Da werden Missverständnisse aus dem Weg geräumt und Visitenkarten getauscht. Das können Sie per Video nicht ersetzen. Natürlich wird die Möglichkeit bleiben, sich digital auszutauschen. Digitalformate sind eine Ergänzung – aber sie ersetzen keinen Kongress.

In den letzten Jahren sind einige Probleme offensichtlicher geworden. Mit einem Infekt werde ich beim Arzt nicht vorgelassen und lande in der Notaufnahme. Corona-Problem oder strukturelles Thema?

Wenn Patienten keinen Termin bekommen, ist das ein Problem. Deutschland ist das Land mit den meisten Arztkontakten. Wir kommen im Schnitt auf zehn Kontakte im Jahr – das gibt es in keinem anderen Land. Das andere Problem betrifft die Krankenhäuser und die Notaufnahmen. Patienten dort sagen, sie kriegen keinen Termin beim Arzt oder sie können zu den üblichen Zeiten nicht, also gehen sie am Sonntag.

Wie können Lösungen aussehen?

Das ist mit Sicherheit eine Mischung. Das Gesundheitssystem ist in Deutschland für den Patienten erst mal kostenfrei. Viele denken, damit gehe ich schnell zum Arzt, kostet ja nichts. Auch das trägt dazu bei, dass die Strukturen überlastet werden. Gleichzeitig haben wir zu viele Kliniken. Es gibt eine Studie zur Verteilung der Kliniken. Wir brauchen nicht 1900 Krankenhäuser, der Autor sagt, es reichen 600. Ich bin mir nicht sicher, ob das stimmt; aber wir brauchen mit Sicherheit nicht alle. Wenn wir auf 800 oder 1000 gehen, müssen wir gleichzeitig Strukturen ändern, damit die Versorgung trotzdem funktioniert.

Wo können wir Strukturen verbessern?

Wir müssen an die Weichensteller. Wer rechtzeitig beraten oder versorgt wird, kommt nicht in die Klink und wenn, an die richtige. Darauf sind die niedergelassenen Ärzte aber nicht ausgerichtet. Wir müssen die Gatekeeper-Funktion finanziell besser ausstatten.

Wie steht es um das Thema Kliniken abbauen?

Das wird nach Corona ein schwieriges Thema. Deutschland hat in der Krise auch deshalb gut abgeschnitten, weil wir weltweit die meisten Intensivbetten haben. Wir hatten um die 30 000 Betten als es losging, dann wurde aufgestockt auf 44 000. Frankreich und England haben jeweils unter 6000. Wir sind einigermaßen durchgekommen, weil wir die Betten hatten. Aber die brauchen wir nicht immer.

Was gibt es noch für Themen?

In den letzten Jahren war das Thema Vorhaltepflicht sehr präsent. In einem großen Krankenhaus wie der Charité fehlen jährlich mehr als 600 Medikamente. Also nicht Dosen, sondern Medikamente. Da gibt es Lieferengpässe, jeden Tag. Das liegt auch daran, dass Generika in Vietnam oder Indien hergestellt werden, die wiederum Rohstoffe aus China bekommen. Wenn Lieferketten unterbrochen werden, kommt hier nichts mehr an.

Wieso sind insbesondere die Generika betroffen?

Weil die Produktion in Billiglohnländer ausgelagert ist. Hochpreisige Medikamente werden oft in Europa hergestellt, da sind Lieferketten kein Problem. In Asien wird produziert, weil es eine Regelung gibt, dass Medikamente zum billigstmöglichen Preis angeboten werden müssen. Damit ein Medikament an Kliniken verabreicht werden kann, muss es also zum billigstmöglichen Preis vorhanden sein – nur der wird erstattet. Das führt dazu, dass viele in Asien produzieren und Lieferketten zum Risiko werden

Gibt es eine Lösung?

Man muss sich überlegen, ob es sinnvoll ist, Krankenhäuser zu zwingen, Billigpräparate zu kaufen. Wie viel ist uns eine sichere Versorgung wert? Am Anfang der Pandemie, als wir Masken brauchten, gab es keine, weil die in Asien hergestellt werden. Dann ist es gelungen, Klamottenhersteller dazu zu bringen, Masken zu produzieren. Das hat gut funktioniert.

Welche Themen erwarten uns im Bereich Pflege?

Es wird immer wieder darüber geredet, dass die Pflege mehr verdienen sollte. Ich glaube nicht, dass uns das weiterbringt. Das Problem ist, dass der Pflegeberuf ein Aussteigerberuf ist. Die Leute fangen jung und enthusiastisch an und irgendwann steigen sie aus. Aus unterschiedlichen Gründen. Ein Grund ist, dass die jungen Leute irgendwann Familien gründen. Ein Familienleben ist aber praktisch unmöglich, wenn sie ständig an den Wochenenden arbeiten müssen und Überstunden und Zusatzdienste normal sind. Da bringt mehr Geld auch nichts. Die brauchen Planbarkeit und eine Perspektive.

Ein Vorschlag wäre: Lasst die Pflegenden bei vollem Gehalt vier Tage arbeiten. Dann haben sie noch Nachtdienste und Wochenenddienste – aber sie können sich besser organisieren. Manche Kliniken sind gezwungen, auf Leasingkräfte zurückzugreifen. Ich nenne das die Leasing-Falle. Leasingkräfte sind teurer und sie bekommen die angenehmen Dienste. Für das Team bleiben die unangenehmen Schichten. Nicht motivierend.

Ein Problem der Wertschätzung?

Ja. Und das wird auch mit einer Gehaltserhöhung oder Akademisierung nicht verschwinden. Wir haben gelegentlich ein Dünkel-Problem zwischen der Pflegeebene und der ärztlichen Ebene. Ärzte, die Pflegende wie untergeordnete Befehlsempfänger behandeln, haben die Situation nicht verstanden. Das sind gesellschaftliche Probleme.

Keine motivierende Situation ...

Eben. Ein anderes Problem ist, dass die Pflege praktisch keine Aufstiegschancen vorsieht. Junge Ärzte machen auch ständig Überstunden. Aber sie arbeiten in dem Wissen, dass sie irgendwann Stationsärzte, Oberärzte, vielleicht Chefärzte werden oder dass sie sich niederlassen. Das ist eine Perspektive. Für die Pflegekraft ist bald Schluss. Dabei gibt es im Pflegebereich wahnsinnig viele wichtige Aufgaben. Nehmen Sie die Operationsschwester, die muss den Ablauf der OP fast genauso kennen wie der Operateur.

Wie sieht es bei anderen Berufen in der Klinik aus?

Ein Problem mit der Wertschätzung haben wir auch in den medizintechnischen Berufen. Nehmen Sie die Röntgen-technischen Assistenten, das ist eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe. Eines Tages wird es – wegen der Entwicklung der KI – so sein, dass der Röntgenarzt keine wichtige Funktion mehr hat. Die Künstliche Intelligenz kann die Bilder irgendwann besser auswerten als der Arzt. Der Röntgenprozess aber wird in der Verantwortung der MTA bleiben und das ist die Basis einer guten Auswertung. Das könnten wir jetzt unendlich weiterspinnen.

Wir müssen dafür sorgen, dass in den unterschiedlichen Berufsgruppen Karrieremöglichkeiten bestehen, die den Beruf erstrebenswert machen. Es gibt so viele Maßnahmen, die von einer Pflegekraft genauso durchgeführt werden können, wie von einem Arzt. Die Aufwertung dieser Berufe könnte das System enorm entlasten.

Gibt es beim HSK ein Format, auf das Sie sich besonders freuen?

Wir haben eine neue Bühne, die sich bis in die Ausstellung erstreckt. Dadurch entsteht eine offene, kommunikative Atmosphäre. Einige kontroverse Debatten führen wir dadurch nicht frontal, sondern praktisch im Publikum. Darauf freue mich besonders.

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