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Ökonomie der NachhaltigkeitGreen Hospitals sind auch Smart Hospitals

600 Millionen Euro an Energie werden nach Schätzungen des BUND in Krankenhäusern verschwendet. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten tritt der ökologische Umbau allerdings in Konkurrenz zu wirtschaftlichen Zielen. Besser wäre es, die Themen zu verbinden.

Green Hospital
Lightfield Studios/stock.adobe.com

Symbolfoto

Im Vorfeld der Klimakonferenz in 2021 im schottischen Glasgow verkündete der staatliche Gesundheitsdienst in Großbritannien (NHS) für die eigenen Einrichtungen ein Klimaziel: CO2 -Neutralität bis zum Jahr 2040 für direkt verursachte Emissionen, der Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase soll bis 2032 um 80 Prozent sinken. Darüber hinaus berichtet der NHS bisher als einziges Gesundheitssystem der Welt regelmäßig über seinen Emissions-Fußabdruck.

Zielkonflikt Ökonomie vs. Ökologie

Für deutsche Gesundheitseinrichtungen gibt es ähnlich spezifische Vorgaben nicht. Im SGB V komme der Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen und der nachhaltigen Ressourcennutzung nicht explizit vor, kritisiert der Vorstandsvorsitzende am Uniklinikum Essen, Prof. Jochen A. Werner. Es fehle ein nationales Anreiz- und Sanktionssystem,  bemängelt Andrea Raida, Projektverantwortliche beim Dortmunder Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik (IML).

Krankenhäuser, die den ökologischen Umbau angehen, tun dies auf eigene Initiative und in der Hoffnung, mittel- bis langfristig Ressourcen zu sparen. Weil die ökologische Modernisierung aber zumeist mit Ausgaben verbunden ist, tritt sie oft genug in Konkurrenz zu anderen Zielen. Befürchtete Konflikte zwischen Nachhaltigkeit und medizinischer Qualität verhinderten gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten Investitionen in die ökologische Optimierung, analysiert Matthias Stucki, Experte für Ökobilanzierung an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Ein Fehler, sagt IML-Expertin Raida: Gerade verbesserte Abläufe erwiesen sich meistens in allen Bereichen als sinnvoll. Green Hospitals sind auch Smart Hospitals und umgekehrt: Statt sie nacheinander abzuarbeiten, sollten strategisch denkende Krankenhauschefs auf integrative Ansätze dringen und die Themen verbinden, empfiehlt Regina Vetters, Partnerin Strategy and Transactions für den Gesundheitsbereich bei Ernst & Young.

Investitionen lohnen sich

Die möglichen Hebel sind beachtlich: Laut Schätzungen des Bunds für Umwelt und Naturschutz (BUND) verschwenden Krankenhäuser jährlich 600 Millionen Euro an Energie. Medizinische Einrichtungen produzieren nach Berechnungen der Weltgesundheitsorganisation WHO 4,4 Prozent der globalen Treibhausgase – mehr als Flugverkehr und Schifffahrt. Nicht zuletzt wegen ihres Rund-um-die-Uhr-Betriebes zählen Krankenhäuser zu den größten Energieverbrauchern überhaupt. Ein Klinikbett steht für einen Wasserverbrauch von 300 bis 600 Litern pro Tag. Überdies ist das Gesundheitswesen der fünftgrößte Müllproduzent in Deutschland.

Die Liste möglicher Maßnahmen ist lang: die Erneuerung von Heiz- und Kühlsystemen, ein verbessertes Abfall- und Abwassermanagement, Optimierungen bei Beleuchtung, Materialverbrauch und IT: Allein digitale Technologien sind mittlerweile für 3,7 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich.

Zur schlechten Klimabilanz von Krankenhäusern trägt außerdem die Verwendung sogenannter volatiler Anästhetika (VA) bei. Vor allem das Narkosegas Desfluran gilt als hoch klimaschädlich. Es gibt aber Alternativen: Die Kliniken des Landkreises Karlsruhe schränkten im Rahmen eines Projekts Anfang 2018 die Verwendung von Desfluran ein. In der Folge sei der Anteil der Narkosegase an den Gesamtemissionen der Häuser beträchtlich auf 28 Prozent gesunken – gegenüber 77 Prozent im Jahr zuvor, berichtet das Klinikmanagement.

Jährlich 20 Millionen Einweginstrumente

Investitionen in moderne Anlagentechnik, eine effektive Wärmedämmung und einen sparsamen Wasserverbrauch rentieren sich gerade bei steigenden Energiekosten. Darüber hinaus gebe es eine ganze Reihe von Maßnahmen mit hohen Einspareffekten, die kaum Baumaßnahmen erforderlich machen, betont Fraunhofer-Wissenschaftlerin Raida. Möglich sind etwa Mobilitätsangebote für Mitarbeiter, die Umstellung auf LED- Beleuchtung, Recycling-Konzepte und eine Überprüfung der Transportwege. Ein digitales Geräte- und Bettenmanagement und eine optimierte Verkehrslogistik auf dem Klinikgelände mit Hilfe einer App waren am Uniklinikum Essen erfolgreich. Auf regionaler Ebene hält Ernst & Young- Expertin Vetters Einkaufsgemeinschaften für regenerative Energien für denkbar.

Nach aktuellen Schätzungen werden im deutschen Gesundheitswesen überdies jährlich mehr als 20 Millionen Einweginstrumente verbraucht. Vielfach wäre eine Wiederaufbereitung möglich. Doch das Recycling von Medizinprodukten gilt als aufwendig und teuer. Wegschmeißen ist häufig billiger, vor allem wenn Gesamtkosten- und Nutzen pro Eingriff kalkuliert werden.

Messbare Kennzahlen

Insgesamt fehle es der Gesundheitsbranche an belastbaren Benchmarks, um die Wirkung von Nachhaltigkeitsinvestitionen zu vergleichen, sagt IML-Wissenschaftlerin Raida: „Wir brauchen mehr Kennzahlen und Messgrößen für einen Vergleich“. Das Projekt Green Hospitals im Rahmen des Schweizer Nationalen Forschungsprogramms Nachhaltige Wirtschaft soll diese Lücke für die Nachbarn schließen helfen. Wissenschaftler der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), dem Institut für Wirtschaftsstudien Basel (IWSB) und dem Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik (IML) untersuchen Krankenhausprozesse aus ökonomischer und ökologischer Sicht.

Unter anderem analysierte das Projekt, in welchem Verhältnis die Zentralbereiche eines Krankenhauses dessen Umweltemissionen beeinflussen: Ganz oben rangiert mit 26 Prozent erwartungsgemäß die Energieversorgung. Mehr als vielleicht angenommen trägt die Verpflegung mit 17 Prozent zum Emissionsaufkommen bei, die Gebäudeinfrastruktur mit 15 Prozent. Auf Platz vier rangieren Pharmazeutika, gefolgt von Verbrauchsmaterialien und Medizinprodukten. Mit fünf Prozent addieren Abwasser und Abfall zu Gesamtsaldo, ein Prozent nur medizinische Großgeräte.

Als wichtige Stellschraube erweist sich immer wieder der Einkauf: Der NHS ermittelte, dass ein erheblicher Teil seiner Treibhausgasemissionen in der Lieferkette entstehen. Ähnliches beobachtete das Schweizer Green Hospitals-Projekt: „Viele ökologische Optimierungsprozesse wirken zum Beispiel beim Einkauf von Textilien, Medikamenten oder Elektronik“, sagt der Studienleiter Matthias Stucki. „Erst von einer systematischen Aufstellung der Emissionen lassen sich Handlungsfelder ableiten“, betont Ernst & Young-Expertin Vetters. Insgesamt gebe es in Deutschland bislang nur wenige Vorreiterunternehmen, deren Maßnahmen so fortgeschritten sind, dass die wirtschaftlichen Effekte der Nachhaltigkeitsmaßnahmen schon gut belegt werden können: „Erst langsam kommen die Daten zusammen, die uns erlauben, den Emissionsabdruck von Krankenhäusern zu benchmarken“.

Als erstes Krankenhaus in Deutschland erhielt das Evangelische Krankenhaus Hubertus das BUND-Siegel „Energiesparendes Krankenhaus“. Kaum 50 Kliniken wurden seit 2001 zertifiziert.

Insellösungen aber keine Nachhaltigkeitsstrategien

Vielerorts lesen sich die in Nachhaltigkeitsberichten – so es sie gibt – aufgelisteten Ökoprojekte zudem wie ein Sammelsurium an Einzellösungen. Da wird Altpapier gesammelt, Einweggeschirr ausgemustert oder ein Fahrradverleih für Mitarbeiter aufgezogen. Kaum ein Krankenhaus in Deutschland verfügt über einen prominent angesiedelten Nachhaltigkeitsmanager, dessen Befugnisse auch in die zentralen Wirtschaftsbereiche einer Klinik hineinreichen würden. „Erst sechs Prozent der deutschen Krankenhäuser haben eine dezidierte Nachhaltigkeitsstrategie. In deren Mittelpunkt steht außerdem oft nur das Thema Energie“, analysiert Prof. Jörg Schlüchterman von der Universität Bayreuth.

Am Uniklinikum in Basel steuert immerhin seit dem vergangenen März ein hochrangiger Koordinator alle Nachhaltigkeitsprojekte. Als Mitglied des Generalsekretariats berichtet er direkt an den Konzernchef – und kann so vieles auf den Weg bringen. Seit Oktober etwa verzichten alle Kliniken des Unispitals auf Desfluran. Behandlungsteams von Kardiologie und Nephrologie haben mit der Trennung und dem Recycling ihrer Plastikabfälle begonnen. Die Radiologie analysierte den Energieverbrauch ihrer CT- und MRT-Geräte.

Voraussetzungen für Ökoinvestitionen schaffen

Green Hospitals-Studienleiter Stucki kennt die Bremsfaktoren, die gegen Ökoinvestitionen ins Feld geführt werden: Dazu gehöre auch der Markenkern eines Krankenhauses: „Patienten wählen Ihr Krankenhaus nicht aus Nachhaltigkeitsgründen, sondern wegen seiner guten medizinischen Leistungen“. Projekte müssen geplant und Gelder beantragt werden. Vor dem Hintergrund angespannter Personalressourcen werden Prioritäten gesetzt.

Wir brauchen einen nationalen Klimaplan für die Gesundheitsversorgung, eine Art KHZG für das Thema Nachhaltigkeit.

Ein Grund, warum sich die Protagonisten einer grüneren Gesundheitsversorgung schwertun, liegt in der fehlenden Anbindung an relevante Krankenhausprozesse: Dabei hängen die Inhalte oft eng zusammen und bedingen einander. Sie sollten deshalb auch zusammen angepackt werden, argumentiert die Fraunhofer Wissenschaftlerin Raida. Die Frage der Nachhaltigkeit müsse zum integralen Bestandteil aller Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen werden. Viele Experten fordern inzwischen mehr gesetzliche Vorgaben, um die Reformschlagzahl zu erhöhen: „Wir brauchen einen nationalen Klimaplan für die Gesundheitsversorgung“, fordert Vetters, „eine Art KHZG für das Thema Nachhaltigkeit“. Anreizsysteme und steuerliche Vorteile hält auch Andrea Raida für sinnvoll. „Der Gesetzgeber ist gefordert“, ist Vetters überzeugt: In vielen anderen Industriezweigen gebe es in Umweltfragen eine größere Dynamik.

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