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Ökonomie der NachhaltigkeitGreen Hospitals sind auch Smart Hospitals

Als wichtige Stellschraube erweist sich immer wieder der Einkauf: Der NHS ermittelte, dass ein erheblicher Teil seiner Treibhausgasemissionen in der Lieferkette entstehen. Ähnliches beobachtete das Schweizer Green Hospitals-Projekt: „Viele ökologische Optimierungsprozesse wirken zum Beispiel beim Einkauf von Textilien, Medikamenten oder Elektronik“, sagt der Studienleiter Matthias Stucki. „Erst von einer systematischen Aufstellung der Emissionen lassen sich Handlungsfelder ableiten“, betont Ernst & Young-Expertin Vetters. Insgesamt gebe es in Deutschland bislang nur wenige Vorreiterunternehmen, deren Maßnahmen so fortgeschritten sind, dass die wirtschaftlichen Effekte der Nachhaltigkeitsmaßnahmen schon gut belegt werden können: „Erst langsam kommen die Daten zusammen, die uns erlauben, den Emissionsabdruck von Krankenhäusern zu benchmarken“.

Als erstes Krankenhaus in Deutschland erhielt das Evangelische Krankenhaus Hubertus das BUND-Siegel „Energiesparendes Krankenhaus“. Kaum 50 Kliniken wurden seit 2001 zertifiziert.

Insellösungen aber keine Nachhaltigkeitsstrategien

Vielerorts lesen sich die in Nachhaltigkeitsberichten – so es sie gibt – aufgelisteten Ökoprojekte zudem wie ein Sammelsurium an Einzellösungen. Da wird Altpapier gesammelt, Einweggeschirr ausgemustert oder ein Fahrradverleih für Mitarbeiter aufgezogen. Kaum ein Krankenhaus in Deutschland verfügt über einen prominent angesiedelten Nachhaltigkeitsmanager, dessen Befugnisse auch in die zentralen Wirtschaftsbereiche einer Klinik hineinreichen würden. „Erst sechs Prozent der deutschen Krankenhäuser haben eine dezidierte Nachhaltigkeitsstrategie. In deren Mittelpunkt steht außerdem oft nur das Thema Energie“, analysiert Prof. Jörg Schlüchterman von der Universität Bayreuth.

Am Uniklinikum in Basel steuert immerhin seit dem vergangenen März ein hochrangiger Koordinator alle Nachhaltigkeitsprojekte. Als Mitglied des Generalsekretariats berichtet er direkt an den Konzernchef – und kann so vieles auf den Weg bringen. Seit Oktober etwa verzichten alle Kliniken des Unispitals auf Desfluran. Behandlungsteams von Kardiologie und Nephrologie haben mit der Trennung und dem Recycling ihrer Plastikabfälle begonnen. Die Radiologie analysierte den Energieverbrauch ihrer CT- und MRT-Geräte.

Voraussetzungen für Ökoinvestitionen schaffen

Green Hospitals-Studienleiter Stucki kennt die Bremsfaktoren, die gegen Ökoinvestitionen ins Feld geführt werden: Dazu gehöre auch der Markenkern eines Krankenhauses: „Patienten wählen Ihr Krankenhaus nicht aus Nachhaltigkeitsgründen, sondern wegen seiner guten medizinischen Leistungen“. Projekte müssen geplant und Gelder beantragt werden. Vor dem Hintergrund angespannter Personalressourcen werden Prioritäten gesetzt.

Wir brauchen einen nationalen Klimaplan für die Gesundheitsversorgung, eine Art KHZG für das Thema Nachhaltigkeit.

Ein Grund, warum sich die Protagonisten einer grüneren Gesundheitsversorgung schwertun, liegt in der fehlenden Anbindung an relevante Krankenhausprozesse: Dabei hängen die Inhalte oft eng zusammen und bedingen einander. Sie sollten deshalb auch zusammen angepackt werden, argumentiert die Fraunhofer Wissenschaftlerin Raida. Die Frage der Nachhaltigkeit müsse zum integralen Bestandteil aller Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen werden. Viele Experten fordern inzwischen mehr gesetzliche Vorgaben, um die Reformschlagzahl zu erhöhen: „Wir brauchen einen nationalen Klimaplan für die Gesundheitsversorgung“, fordert Vetters, „eine Art KHZG für das Thema Nachhaltigkeit“. Anreizsysteme und steuerliche Vorteile hält auch Andrea Raida für sinnvoll. „Der Gesetzgeber ist gefordert“, ist Vetters überzeugt: In vielen anderen Industriezweigen gebe es in Umweltfragen eine größere Dynamik.

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